Forschung

Bruno Lüdke – der Serienmörder, der (vielleicht) keiner war

Kiste aus der Polizeihistorischen Sammlung Berlin mit Materialien aus den 40ern und 50ern, die bis 1993 dazu dienten, Bruno Lüdke in der Ausstellung als Serienmörder darzustellen.

Kiste aus der Polizeihistorischen Sammlung Berlin mit Materialien aus den 40ern und 50ern, die bis 1993 dazu dienten, Bruno Lüdke in der Ausstellung als Serienmörder darzustellen.

Foto: Uni Siegen

Siegen.  Bruno Lüdke galt als größter Massenmörder der deutschen Kriminalgeschichte. Die Nazis hängten ihm dutzende Frauenmorde an – zu Unrecht?

Bruno Lüdke – klingelt da was? Vielleicht bei „Nachts, wenn der Teufel kam“? In Robert Siodmaks Film von 1957 spielt Mario Adorf den geistig behinderten Mann, der damals als größter Massenmörder der deutschen Kriminalgeschichte galt. Für den Schauspieler war es der internationale Durchbruch. Jetzt plädiert er für eine Neuverfilmung. Weil Lüdke, 1908 geboren und 1944 bei Menschenversuchen in Wien ermordet, laut nationalsozialistischer Kripo 53 Morde gestanden hatte, sie dafür aber nicht einen einzigen stichhaltigen Beweis vorlegen konnte. Das alles und noch viel mehr geht aus dem Buch „Fabrikation eines Verbrechers“ hervor, das der Historiker Axel Doßmann und die Siegener Kulturwissenschaftlerin Susanne Regener jetzt vorgelegt haben.

Pensionierter Kommissar enthüllt bereits 1994 die Wahrheit

Bereits 1994 hatte sich ein niederländischer Kriminalkommissar nach seiner Pensionierung die merkwürdigen Fälle vorgenommen. Doch seine These von der Unschuld Lüdkes nahm die deutsche Öffentlichkeit erst viele Jahre später wahr. Noch 2005 hieß der schlimmste deutsche Serienkiller im „Spiegel“ und bei Wikipedia: Bruno Lüdke. Doßmann und Regener erörtern nun vor allem die Bedeutung des Fakes vor und nach 1945.

„Man hat Lüdke nach seiner Verhaftung 1943 viele ungeklärte Frauenmorde seit 1924 angehängt“, sagt Susanne Regener. „Das Reichssicherheitshauptamt wollte einen ganz großen Fall herausbringen.“ Aus politischen Gründen: Er sollte ein sozialrassistisches Gesetz gegen so genannte Gemeinschaftsfremde stützen, das für 1945 geplant war, um die Verfolgung und Ermordung von kranken oder unangepassten Deutschen juristisch zu legitimieren. Bruno Lüdke war vorgesehen als Modell des „geborenen Verbrechers“, dem das Böse schon am Gesicht anzusehen sei. Deshalb wurde von ihm im neu gegründeten Kriminalmedizinischen Institut in Wien eine Lebendbüste angefertigt, ein kolorierter Kopfabdruck. Zahlreiche Fotos von Lüdke an ehemaligen Tatorten sollten als Beweis dienen. Die Botschaft: „So sieht ein Mörder aus.“

Wie das Eigene gegen das Fremde gegen einander gestellt werden

Diese Mechanismen sind es, die von den Autoren herausgearbeitet werden: Wie willkürlich ein Massenmörder konstruiert wird, wie das Eigene und das Fremde gegen einander gestellt und damit Gewalt und Ausgrenzung legitimiert werden. „Es ist uns wichtig, das in Zeiten zu beschreiben, in denen wieder gegen Fremde gehetzt wird“, betont die Professorin für Mediengeschichte und Visuelle Kultur. „Die heutige Vorstellung vom Bösen (und Fremden) hat eine Geschichte, und der Fall Lüdke macht exemplarisch deutlich, wie verschiedene Medien ineinandergreifen und damit öffentlich wirksame Aussagen und Fakes herstellen.“

Die Nazis hielten den Fall geheim. Das Kriegsende kam der propagandistischen Ausschlachtung zuvor. 1950 berichtete „Der Spiegel“ in einer Serie über „Glanz und Elend der deutschen Kriminalpolizei“, und Rudolf Augstein forderte die Reintegration der NS-Kripo in die bundesdeutsche Polizei. 1956 stieß der Journalist Will Berthold auf die Akten und veröffentlichte eine Artikelserie in der „Münchner Illustrierten“, auf deren Grundlage der Film entstand. Da ging es um die Lügen der Machthaber, doch Bruno Lüdkes Täterschaft wurde nicht hinterfragt. Weil das Böse fasziniert, weil Emotionen, Spannung und Sensationen sich verkaufen.

Was Susanne Regener interessant findet: „Die Idee, dass man das Böse angeblich schon in der Physiognomie erkennen könnte, hatte auch in der Nachkriegszeit Bestand.“ Deshalb habe es nicht weiter irritiert, dass da ein Mann 20 Jahre lang mordend durch Deutschland gezogen sein sollte, ohne aufzufallen: „Dabei war er nicht einmal in der Lage, eine Bahnfahrkarte zu kaufen.“

Mario Adorf war viele Jahre auf die Rolle des „Bösewichts“ festgelegt

Mario Adorf war davon ausgegangen, dass es sich um den wahren Fall eines Massenmörders handelte. Ihm lag 1957 ein – inzwischen verschollenes – Tonband von den Verhören vor. „Vielleicht hätte er anders gespielt, wenn er die Wahrheit gekannt hätte, hat er uns erzählt“, berichtet Regener. Mitleid habe er ohnehin mit seiner Figur gehabt und sie ambivalent angelegt. Doch schon beim Casting habe Siodmak mit leicht sächsischem Akzent gesagt: „Gucken Se mal beese.“ Während der Dreharbeiten habe er aber keine entsprechenden Anweisungen mehr gegeben. Adorf jedenfalls sei sehr engagiert und würde gerne etwas tun, um Bruno Lüdke zu rehabilitieren. Er selbst war nach dem Film lange Zeit als „Bösewicht“ festgelegt.

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