Wissenschaft

Die Sammler des Verschwindenden

Siegerland Dialekt

Siegerland Dialekt

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Siegen.   Siegener Professorin koordiniert den Dialektatlas Mittleres Westdeutschland. Die Mundart macht immer schneller einem regional geprägten Standarddeutsch Platz

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Gaol oder Peat oder Päät oder Paart? Kommt drauf an, wo genau man lebt. Die Bedeutung ist immer: Pferd. Aber selbst im mäßig großen Siegerland gibt es für das Tier vier verschiedene Bezeichnungen. Das ist die Reichhaltigkeit des Dialekts. Noch. Bevor er vollends verschwunden ist, wird er nun erfasst im „Dialektatlas Mittleres Westdeutschland“. Damit ist NRW gemeint, plus angrenzende Bereiche im südwestlichen Niedersachsen und im nordöstlichen Rheinland-Pfalz. Die Universitäten Bonn, Münster, Paderborn und Siegen teilen sich das Gebiet auf.

Kawerätzche und Kaweichelche,

Sprecherin des bis 2032 laufenden Forschungsprojekts ist die Siegener Germanistik-Professorin Petra M. Vogel. Sie kann zurückgreifen auf Gaol und Peat und Päät und Paart, auf Baam und Boom und Baum, auf Kawerätzche und Kaweichelche, was beides das Eichhörnchen bedeutet. Und weil die Worte so unterschiedlich sind, müssten sich ein Nord- und ein Süd-Siegerländer wahrscheinlich auf Hochdeutsch über das baumkletternde Nagetier verständigen.

Was der Linguistin an dem Satz nicht gefällt, ist das Wort Hochdeutsch. Hochdeutsch sind für sie die Dialekte südlich der sogenannten Benrather Linie, die von Venlo nach Frankfurt/Oder führt und die Grenze zum Niederdeutschen im Norden bildet. Die Wissenschaft benutzt den Begriff Standarddeutsch. Und mit dem fände Petra Vogel den Eichhörnchensatz ganz passend: „Das Standarddeutsche ist die Verkehrssprache zwischen den verschiedenen Dialekten.“

Zumindest war es so, als der Dialekt die erste Sprache war, die jedes Kind lernte. Bei ihr, 54 Jahre alt, geboren und aufgewachsen in Mittelfranken, war das so. Heute kaum noch. Auf dem Land mehr als in der Stadt, im Süden mehr als im Norden. „Aber insgesamt verschwinden die Dialekte und machen einem regional geprägten Standarddeutsch Platz.“ Die Hauptursache dafür ist die zunehmende Mobilität: „Man kann seinen echten Dialekt nur in der engsten Heimat sprechen“, sagt Vogel. „Schon 30 Kilometer weiter ist einiges anders.“

Mischgebiet Siegerland

Das zeigt sich besonders deutlich im Siegerland, ein für Dialektforscher äußerst interessantes Gebiet: „Das ist ein totales Mischgebiet. Hier überlagern sich die Großdialekte. Der Süden ist zum Hessischen orientiert, im Norden und Westen gibt es starke rheinische und westfälische Einflüsse. Das ist sehr komplex.“ Und Komplexität fasziniert Wissenschaftler immer. Petra M. Vogel hat schon 1989 am mittelfränkischen Sprachatlas mitgearbeitet, sie hat, als sie 2006 an die Uni Siegen kam, den Siegerländer Sprachatlas angeregt.

Mobilität und Medien

Einen Großteil der praktischen Arbeit hat Petra Solau-Riebel erledigt, sie hat seit 2011 Siegerländer ab 70 Jahren in 32 Orten nach 1000 Begrifflichkeiten befragt. Die technische und wissenschaftliche Aufbereitung läuft noch, aber schon jetzt lässt sich im Internet (www.mundart.sisal.uni-siegen.de) auf einer Karte die Verbreitung der einzelnen Varianten ablesen und für jeden Ort auch anhören. „Meist fällt der Hickengrund aus der Norm“, sagt die Doktorandin. „Dort, im Südosten, wird auch das R nicht gerollt.“

Und nun wird alles ein paar Nummern größer. 1260 Orte sollen im NRW-plus-Rand-Atlas auftauchen. Die Befragung allein wird neun Jahre dauern, sechs Jahre sind für die Auswertung vorgesehen, zwei für die Abschlussbewertung und das Erstellen einer gedruckten Version. In dem Projekt sollen auch 30- bis 40-Jährige zu Wort kommen. Dann lässt sich auch ablesen, was verschwindet.

Gibt es weitere Ursachen dafür? An zweiter Stelle nennt Vogel die Medien, an dritter eine Scheu der Eltern, mit den Kindern Dialekt zu sprechen, aus Sorge, sie würden sozial benachteiligt. „Dabei wissen wir heute aus dem Umgang mit Fremdsprachen, dass es Vorteile bietet zweisprachig aufzuwachsen. Dialekt und Standarddeutsch funktionieren genau so.“

Dass unser Land spät zum Nationalstaat wurde, hat die Stellung der regionalen Dialekte gestärkt: „Erst im 20. Jahrhundert wird Standarddeutsch als Muttersprache verstanden“, sagt Petra M. Vogel, „seit den 1970er Jahren ist es immer öfter die erste Sprache.“ Und zunehmend die einzige. Was sich 2032 gesammelt im Netz finden wird, könnte dann in der gesprochenen Realität schon eine Rarität sein, eine Dokumentation des Verschwindenden und Verschwundenen.

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