Germanwings-Absturz

Die Trauer der falschen Schwester

Die Gedenkstätte am Fuß des Bergmassivs Les Trois Évêches in den französischen Alpen, in dem am 24. März 2015 der Airbus A320 abstürzte.

Die Gedenkstätte am Fuß des Bergmassivs Les Trois Évêches in den französischen Alpen, in dem am 24. März 2015 der Airbus A320 abstürzte.

Foto: imago/imagebroker

Hagen.   Eine 35 Jahre alte Frau aus Westfalen gab sich nach dem Germanwings-Absturz als Angehörige von Opfern aus. Staatsanwaltschaft Köln hat jetzt Anklage wegen Betruges erhoben.

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Sie hat sich das Tattoo „ziemlich weit oben im Nacken“ stechen lassen. Es ist „etwas größer als eine Zigarettenschachtel“, sagt ihr Tätowierer Thomas Prochazka vom Tattoo- und Piercing-Studio „D-Town Ink“ im hessischen Dietzenbach. Neben einer rosa Schleife prangen die Flugnummer 4U9525 der Germanwings-Maschine, die im März 2015 in den französischen Alpen zerschellte, die GPS-Daten der Absturzstelle, das Unglücksdatum sowie der Name ihrer angeblich getöteten Schwester Anke auf dem Trauer-Tattoo. „Das wollte sie so haben“, sagt Prochazka. Doch die 35-Jährige aus dem westfälischen Kreis Höxter hatte keine Schwester diesen Namens. Und auch keine Cousine in Haltern, die wie 149 andere Menschen bei der Katastrophe ums Leben kamen und wegen der sie zwei Mal auf Kosten der Lufthansa als vermeintliche Angehörige zur Unglücksstelle flog. Die Staatsanwaltschaft Köln hat jetzt Anklage gegen die mutmaßliche Betrügerin erhoben.

Tattoo-Studio extra geöffnet

Tätowierer Prochazka erinnert sich noch gut an die Frau, die am Karfreitag 2015 („wir haben den Laden extra für sie geöffnet“) von ihm bedient wurde. „Sie machte einen normalen Eindruck.“ Er wunderte sich damals nur, dass eines ihrer Kinder, das er auf die tote Tante ansprach, ihn nur mit fragenden Augen anschaute.

Die 35-Jährige habe in einer Facebook-Gruppe einen Tätowierer gesucht, der in der Nähe des Frankfurter Flughafens - von hier starteten die Lufthansa-Maschinen zur Unglücksstelle - ihr „dringend“ ein Tattoo sticht. „Sie erzählte mir, dass ihre Schwester bei dem Absturz umgekommen sei.“ Aus Mitleid habe man nur 50 Euro („die Materialkosten“) statt der eigentlichen 350 Euro kassiert.

Anzeige seitens der Lufthansa

Prochazka ist inzwischen Mit-Inhaber des Tattoo-Studios. Der ehemalige Besitzer hat die mutmaßliche Betrügerin angezeigt. Ebenfalls die Lufthansa. Die erste Flugreise zur Unglücksstelle soll 4600 Euro, die zweite 11 000 Euro gekostet haben. Beim zweiten Flug hatte die Frau ihre beiden Kinder und einen Begleiter dabei. In Südfrankreich ließ sie sich - wie andere, tatsächliche Angehörige - auch psychologisch betreuen. Dort flog auch der Schwindel auf.

Warum tut jemand so etwas? Der Essener Psychotherapeut Christian Lüdke schließt nicht aus, dass es bei der zweifachen Mutter einen „realen Bezug zum Leben vorher“ gibt. Aus einem Negativ-Ereignis aus der Vergangenheit nehme sich die Frau das Recht heraus, so zu handeln. „Es kann sein, dass sie einen geliebten Menschen durch Trennung oder Tod verloren hat und ihr nicht die Anteilnahme von anderen entgegengebracht wurde, die sie sich gewünscht hatte.“ Obwohl sie im Innersten wusste, dass sie sich eines Betruges schuldig macht, habe sie aufgrund des eigenen Schicksals ein anderes Unrechtsbewusstsein entwickelt.

Dass die Frau zwei „Geschichten“ (die mit der getöteten Cousine und die mit der getöteten Schwester) aufgetischt habe, zeigt nach Ansicht von Lüdke, dass die Westfälin nach dem Absturz sehr emotional reagiert hat. „Sonst hätte sie versucht, eine wasserdichte Legende zu stricken.“ Sich unmittelbar nach einem schmerzhaften Ereignis ein Trauer-Tattoo stechen zu lassen, ist Lüdke zufolge ungewöhnlich. „Das geschieht eher im Laufe des Trauerprozesses.“

Nach Beobachtung des Psychotherapeuten liegen Trauer-Tattoos durchaus im Trend: „Bei der Tattoo-Messe in Dortmund hieß es, dass neben Mutter-Tochter-Tattoos auch Stiche von Grabsteinen auf der Haus ,in’ sind.“

Die Frau aus dem Kreis Höxter jedenfalls muss das Trauer-Tattoo als eine Art „äußeres Erkennungszeichen“ genutzt haben: „Es wird ihr um das Erheischen von Mitleid gegangen sein.“ Für die tatsächlichen Angehörigen der Absturz-Opfer sei ein solches Verhalten wie ein Schlag ins Gesicht. „Sie müssen erfahren, dass ihr Leid von einem anderen Menschen ausgenutzt wird.“

Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft ist beim Amtsgericht Köln eingegangen. „Es gibt bislang weder eine Entscheidung zur Verfahrenseröffnung noch einen Termin für einen Prozess“, so Gerichtssprecher Wolfgang Schorn.

Der Tätowierer der mutmaßlichen Betrügerin will Konsequenzen aus der Sache ziehen. Rund um einen Trauerfall, so Thomas Prochazka, stelle man zwar keine großen Fragen. „Aber beim nächsten ungewöhnlichen Auftrag werde ich genauer nachfragen.“

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