Kunst

Digitalisierung: Museen in Südwestfalen mit unterschiedlichen Konzepten

Dr. Tayfun Belgin, Direktor des Hagener Osthaus-Museums, sieht die Besucher lieber physisch im Musum als virtuell auf der Homepage.

Foto: Michael Kleinrensing

Dr. Tayfun Belgin, Direktor des Hagener Osthaus-Museums, sieht die Besucher lieber physisch im Musum als virtuell auf der Homepage. Foto: Michael Kleinrensing

Hagen.   Digitalisierung als Chance zur Partizipation oder doch eher als Sündenfall wider die Aura des Objektes: Eine Umfrage bei Museen Südwestfalens.

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Heilige Hallen oder Orte interaktiver medialer Auseinandersetzung? Das Thema Digitalisierung wird in den Museen derzeit zur Glaubensfrage. Auf dem Weg zur Kunsthalle 4.0 warten Chancen, aber auch Risiken. Angesichts der digitalen Möglichkeiten müssen die Museen ihre Besucherzahlen physisch und virtuell neu denken. Allerdings setzt eine digitale Strategie Geld und Mannschaft voraus, was kleine Häuser, die unter Sparzwang stehen, überfordert.

Das Städel in Frankfurt gehört zu den Vorreitern der Digitalisierung. Die Sammlung ist online, eine App mit Audioguides begleitet den physischen Besuch, Digitorials dienen der Vermittlung. Davon sind die Häuser in Südwestfalen noch weit entfernt.

Im Netz sichtbar werden

„Die großen Museen haben mit einem digitalen Angebot ihre Wahrnehmung nach außen verbessert“, resümiert Rouven Lotz als wissenschaftlicher Leiter des Hagener Emil-Schumacher-Museums (ESMH). „Das sind die, die erfolgreich sind, weil sie die personellen und finanziellen Ressourcen haben.“

Als Rouven Lotz 2010 sein Amt antrat, richtete er als erstes einen Facebook-Auftritt ein. Auch auf Instagram ist das ESMH vertreten. „Die Außenwahrnehmung hat sich verändert, deshalb wäre es ein Fehler, sich an solchen Formaten nicht zu beteiligen. Heute agieren Gruppen mit Gruppen. Wenn Du im Netz nicht gefunden wirst, hast Du ein Problem.“

Marketing und Vermittlung sind die Trümpfe, die der Deutsche Museumsbund in der Digitalisierung sieht. „Der Nutzerkreis wird so erweitert, denn digitale Datenbanken richten sich nicht mehr nur ans Museumspublikum, sondern oftmals an eine breitere, neugierige Öffentlichkeit“, schreibt Prof. Eckart Köhne auf der Homepage der Organisation.

Befürchtungen, der virtuelle Museumsbesuch würde den realen überflüssig machen, teilt er nicht: „Erfahrungen verschiedener Häuser bezeugen allerdings genau das Gegenteil: Ist die Onlinepräsenz gut aufbereitet, kommen sogar mehr Besucher ins Haus.“

Die Aura des Objekts

Das bezweifelt Dr. Tayfun Belgin, Direktor des Hagener Osthaus-Museums. Er will das einmalige Objekt in den Vordergrund stellen. „Wir halten von digitaler Kunstvermittlung nicht sehr viel“, betont er und analysiert: „Das Sehverhalten hat sich durch die Smartphones und die irre Fotografie damit radikal verändert. Wir wollen ja, dass sich die Leute im Gegensatz zur digitalen Bilderflut mal physisch auf ein Bild konzentrieren, wir möchten die Leute ins Museum holen. Es ist wichtig, zu vermitteln, aber die klassische Form ist immer noch die bewährte Form.“

Digitaler Aufbruch

Das Museum für Gegenwartskunst in Siegen befindet sich demgegenüber in einem digitalen Aufbruch. „Wir sehen große Chancen in der Digitalisierung. Seit 2015 haben wir die Sammlung online und seit 2017 auch ein Online-Magazin, das wir eng mit unserem Facebook-Auftritt verzahnen“, so Sprecherin Stefanie Scheit-Koppitz.

Die Kooperation mit dem Fachbereich Medienwissenschaften der Universität Siegen bringt neue Ideen. „Wir versuchen, das Ganze auf verschiedenen Kanälen zu spielen. 90 Prozent unserer Besucher kommen aus der Kernregion. Ein Großteil der Facebook-Fans ist überregional und sogar international, weil man sich in Netzwerken zusammenschließt. Das finden wir wichtig, und deshalb nehmen wir uns dafür in diesem Jahr noch mehr Zeit.“ Digitalen Kritikern entgegnet Stefanie Scheit-Koppitz gerne: „Die Vermittlung wird dadurch nicht seichter, sondern leichtfüßiger.“

Mobile Nutzung nimmt zu

Judith Frey betreut im LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster den Online-Auftritt. „Die Webseite muss heutzutage mobil sehr gut funktionieren, sie ist das Kernstück der Online-Kommunikation.

Die mobile Nutzung hat stark zugenommen, sie liegt bei etwa 50 Prozent. Das Digitale ist in erster Linie ein Marketing-Instrument, eine digitale Strategie sollte aber unbedingt auch in die Vermittlung ausgeweitet werden“, unterstreicht sie und wirft ein Licht auf die Bedenken. „Für die Forschung ist die Digitalisierung ein Vorteil, weil man von überall in der Welt in Archiven online recherchieren könnte. Die wissenschaftlichen Abteilungen sind allerdings nach wie vor skeptisch – vor allem hält sich hartnäckig die Angst vor Kontrollverlust, wenn Daten im Internet verfügbar gemacht werden.“

Schwarmintelligenz nutzen

Die sozialen Medien verändern das analoge Publikumsverhalten. Partizipation wird zum wichtigen Thema, der Besucher will kommunizieren, will in einen aktiven Dialog treten. Auf diesem Feld gehört Dr. Ralf Blank zu den Pionieren, Leiter des Stadtarchives Hagen und wissenschaftlicher Leiter der historischen Museen der Stadt.

Das Hagener Stadtmuseum war das erste NRW-Museum mit einem eigenen Online-Auftritt. Das Facebook-Portal „Hagener Stadtgeschichte“ hat eine beachtliche Reichweite. Gerade die Interaktion sieht Ralf Blank als Vorteil. Die umfassende Hagener Fotosammlung wird in den sozialen Medien strategisch ausgespielt. „Dadurch haben wir schon Informationen über die Fotos erhalten, Gebäude und Personen konnten identifiziert werden, das ist ein ganz gewaltiger Fortschritt, da nutzen wir die Schwarmintelligenz.“

Wenn Ralf Blank am Tag der Opfer des Nationalsozialismus eine Bilderserie von der Deportation der Hohenlimburger Juden ins Netz stellt, wird das Material umfänglich von Lehrern abgerufen. „Das Digitale kann man im Universitäts- und Bildungsbereich einsetzen. Das ist eine Leistung, der sich ein Museum heute nicht mehr verschließen kann.“

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