Wissenschaft

Doktorandin in Hagen will Aufreißer-Typen erforschen

Leonie Viola Thöne

Leonie Viola Thöne

Foto: Leonie Thöne

Hagen/Moers  Leonie Viola Thöne studiert an der Fernuni Hagen und arbeitet nun, mit 21 Jahren, an ihrer Dissertation. Thema: "Pickup Artists" - Frauen-Aufreißer.

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Ein Master-Abschluss mit 21 Jahren ist nicht gerade der Normalfall. Und auch das Thema, zu dem an der Fernuni Hagen jetzt noch eine Dissertation entsteht, scheint eher ungewöhnlich: Es geht um Pickup Artists, Frauen-Aufreißer. Aber die Autorin Leonie Viola Thöne ist auch eine höchst ungewöhnliche junge Frau.

Das zeigt schon ihr diesjähriges Sommerprogramm: Sie wird zwei Monate in Los Angeles verbringen. Dort war Mitte der 90er Jahre der Ursprung der Pickup-Gemeinden, die inzwischen deutschlandweit in jeder größeren Stadt verbreitet sind. In Kalifornien hofft Leonie Viola Thöne, mit Gründern der Szene sprechen zu können: „Das wird nicht leicht. Es sind Geheimcommunitys, die sehr zurückhaltend mit Informationen an Frauen sind.“ Aber eigentlich ist sie in ganz anderer Funktion da: als Schauspielstudentin der New York Film Academy, der renommiertesten in Amerika, wie sie schwärmt: „Dort hat schon Steven Spielberg gelernt.“ Leonie Viola Thöne, die aus einer Künstlerfamilie stammt, wurde für den Sommerkurs in den Universal Studios in LA angenommen.

Mit 13 Jahren das erste Buch verfasst

Sie ist eben ein Mädchen mit vielen Talenten, hat mit 13 Jahren ihr erstes Buch geschrieben, Gedichte und Theaterstücke verfasst, macht professionell Musik, komponiert und singt, stellt eigene Bilder aus, interessiert sich für Tanz, hat Krimis veröffentlicht und zuletzt ihre Masterarbeit als Taschenbuch (Pickup Artits. Die manipulativen Strategien der geheimen Aufreißer-Community, Entercom Saurus Records, 115 Seiten, 14,95 Euro).

Und so ganz nebenbei hat Leonie Viola Thöne aus Moers ihre akademische Karriere gemacht: „Die Fernuni, an der schon meine beiden älteren Brüder studierten, war für mich ideal, weil ich mir den Tag selbst einteilen und so meine anderen Interessen weiterverfolgen konnte.“ Offensichtlich greift das Konzept also nicht nur bei berufstätigen Studenten, sondern auch bei multiplen Hochbegabten. Wobei Leonie Viola Thöne sehr früh Kontakt nach Hagen hatte: als 13-jährige Schülerin über ein Akademiestudium der Kulturwissenschaften in den Sommer- und Herbstferien. Danach wollte sie nicht einfach aufhören. Obwohl eine Fortsetzung nicht vorgesehen war. Sie besorgte sich Gutachten und durfte nach einer Sonderprüfung, die sie als erste Schülerin 2005 ablegte, regulär studieren. Und weil sie in der Schule drei Klassen übersprang, lag das Abi (2007) immerhin noch vor dem Bachelor (2009).

Es geht um eine sektenhafte Gruppe

Inzwischen ist die Künstlerin und Wissenschaftlerin, die auch eine aufwendig gestaltete Webseite betreibt (www.leonie-thoene.de) über Philosophie zur Soziologie gewechselt: „Das ist lebensnäher.“ Und wie ist sie auf das Thema gekommen? Klassisch: „Ein Typ wollte mich mit einem so seltsamen Spruch anbaggern, dass ich den gleich gegoogelt und so das Phänomen entdeckt habe.“ Und das wäre? „Da sind Männer, die möglichst viele Frauen in möglichst kurzer Zeit zum Sex bewegen wollen, davon im Netz zu berichten und wirkungsvolle Aufreißer-Strategien an andere Mitglieder der Community weiterzugeben.“

Es beschränkt sich also nicht auf harmlose Flirttips? Thöne vergleicht die Vorgehensweise mit der einer Sekte: „Es geht darum, den Willen und das Selbstbewusstsein einer Frau zu brechen. Wer solchen Leuten in die Fänge gerät, findet das nicht unbedingt komisch.“ Die Methoden seien durchaus psychologisch fundiert, es gebe regelrechte Drehbücher und Verhaltsweisen für jede Situation und jeden Frauentyp. Wobei die Männer, die sich um Gurus scharen, die Kurse geben und Lehrmaterial verkaufen, vor allem erfolgreiche und schöne Frauen im Visier hätten: „Sie wollen nicht die leichte Beute.“ Und nicht nur den Erfolg für eine Nacht: „Die Frau soll dauerhaft verfügbar bleiben, wie eine Sexsklavin. Ziel könnte es etwa sein, für jeden Wochentag eine andere Frau zu haben.“

Und das funktioniert? „Gruseligerweise ja“, sagt Thöne. Wobei viele Männer in den Foren auch Misserfolge zugäben. Aber im Prinzip seien die Strategien erfolgversprechend und wissenschaftlich fundiert. Stichwort neurolinguistische Programmierung. Oder der Standard-Opener: „Der Mann präsentiert sich als Alpha-Männchen und verunsichert die Frau gezielt, durch ein Kompliment und eine sofort folgende abwertende Bemerkung – mit Witz vorgetragen.“

Kein leichtes Opfer

Und das sind nicht nur Diskussionen in obskuren Foren, sondern reale Vorgänge? „Ich treffe ständig solche Typen – es ist unglaublich“, berichtet die Forscherin. „Vielleicht passe ich auch ins Schema – nicht so ein unauffälliges Mädchen.“

Was genau das für Männer sind, ob es bestimmte Opfertypen gibt, welche Formen von Machtausübung vorkommen – das sind die Fragen der Dissertation. Thönes Vermutung: „Viele Männer sind von Angst vor Frauen und von Hass auf sie getrieben.“ Ihre Mission ist eine aufklärerische: „Wenn Frauen die Methoden erkennen, wirkt alles nur noch lächerlich.“ Bisher verstünden die meisten nicht, an wen sie geraten seien: „Die glauben hinterher nur, sie hätten nur einen besonders unangenehmen Typen getroffen.“

Wenn Leonie Viola Thöne ihre Strategie durchschaut, reagieren die Männer überrascht. Zunächst. „Dann wird es schnell unangenehm und aggressiv.“ Ein leichtes Opfer wäre sie ohnehin nicht. Weil sie sich nicht festlegen lässt, nicht einengen. Sie will offen halten, welchem ihrer künstlerischen Talente sie folgen und was aus der Wissenschaft wird. Und dass sie alle Möglichkeiten hat, verdankt sie der Fernuni. Ohne die hätte sie erst nach dem Abitur an einer Präsenz-Uni studieren können: „Das wäre für mich wie ein Leben in einem Korsett.“

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