WINTERSPIELE

Doping bei Olympia: Dagmar Freitag attackiert IOC

DLV-Verbandstag in Darmstadt: DLV-Chef Clemens Prokop, Dagmar Freitag, Christina Geiseler und Hans Schmidt

Foto: privat

DLV-Verbandstag in Darmstadt: DLV-Chef Clemens Prokop, Dagmar Freitag, Christina Geiseler und Hans Schmidt Foto: privat

Menden/Berlin.  Die Vorsitzende des Bundestagssportausschusses, Dagmar Freitag, greift das IOC an. Mit Blick auf Doping spricht sie von „Bigotterie“.

Die heimische Bundestagsabgeordnete Dagmar Freitag (SPD) betrachtet die heute beginnenden Olympischen Winterspiele in Südkorea besonders aufmerksam. Kein Wunder: Die Sümmeranerin ist Vorsitzende des Sportausschusses. Wie sie über Doping, Sportförderung und Breitensport denkt, verriet sie Jürgen Overkott.

Die Olympischen Winterspiele sind wieder einmal von Doping-Diskussionen überlagert. Haben Sie noch Lust auf die Veranstaltung?

Dagmar Freitag: Na ja, mein Blick auf die Winterspiele ist schon zwiespältig. Ich bin auf der einen Seite davon überzeugt, dass es Athletinnen und Athleten gibt, für die ein fairer Wettkampf Leitlinie auch ihres eigenen Handelns ist. Solche Leistungen nötigen mir nach wie vor großen Respekt ab. Aber: Im schlimmsten Fall wird jemand in den kommenden zwei Wochen mit einer Medaille geehrt, die er oder sie irgendwann wieder abgeben muss, weil im Nachhinein ein Dopingvergehen festgestellt wurde. Was für eine persönliche Tragödie für diejenigen, die dann irgendwann auf einen Medaillenrang nachrücken, aber um ihren großen olympischen Moment – die Siegerehrung in einer jubelnden Menge, im voll besetzten Stadion – betrogen wurden! Die im Kern so großartige olympische Idee des friedlichen und fairen Wettstreits der besten Sportler(innen) der Welt wird so systematisch zerstört.

Welche Szene ist Ihre früheste Erinnerung an die Olympischen Spiele?

Der bis heute legendäre Zieleinlauf über die 1500 Meter im Zehnkampf von Willi Holdorf 1964 in Tokio. Diese Szene des vor Erschöpfung nur noch ins Ziel taumelnden Athleten, der damit Olympiasieger würde, hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt. Seitdem war die Leichtathletik „meine“ Sportart.

Haben die Spiele einen Einfluss auf Ihre eigenen sportlichen Aktivitäten gehabt?

Ich habe als kleines Mädchen ganz bodenständig im Letmather TV begonnen. Relativ schnell war klar, dass Turnen jedenfalls nicht mein Ding war! Am liebsten hätte ich anfangs Fußball gespielt (zum Leidwesen meiner Eltern habe ich das zumindest mit beachtlichem Durchsetzungsvermögen und Erfolg einige Zeit in unserer Straßenmannschaft gemacht, aber die Zeit war eben noch nicht reif für Mädchen im Fußball...). Also dann Leichtathletik - dank Willi Holdorfs Zieleinlauf!

Mal im Ernst: Wie viele Stunden werden Sie neben Ihrer Tätigkeit als Abgeordnete überhaupt sehen können?

Sportgroßereignisse werden mittlerweile in einer umfassenden Breite im TV gezeigt, und so wird auch die Berichterstattung aus Pyeongchang mehr oder weniger rund um die Uhr auf den Bildschirmen zu sehen sein. Live- Übertragungen werden aufgrund der Zeitverschiebung aber eher nicht auf meinem Programm stehen; mal schauen, vielleicht stelle ich mir den Wecker für die alpinen Wettbewerbe der Männer und Frauen, da kenne ich einige unserer Athletinnen und Athleten persönlich, und dann ist man doch ein bisschen näher dran.

Aber zurück zur Doping-Frage: Ist heutzutage ein fairer Wettbewerb überhaupt noch möglich?

Grundsätzlich natürlich, aber nach allem, was wir wissen, gibt es ausreichend Gründe für große Zweifel. Schauen Sie sich die vielen Lücken im Dopingkontrollsystem an, das aktuelle, wenn auch bei Weitem nicht das einzige Problem: die manipulierbaren Fläschchen für Urinproben. Wenn eine Urinprobe im Nachhinein ausgetauscht oder verfälscht werden kann, öffnet das Manipulationen Tür und Tor. Apropos Tür und Tor: Es gibt Aktive, die in geschützten Militärstützpunkten trainieren, zu denen Dopingkontrolleuren der Zutritt verwehrt wird. Wie sollen solche Athleten unabhängigen und unangekündigten Dopingkontrollen unterzogen werden? Sehen Sie sich an, wie der ehemalige WADA-Präsident Richard Pound, der den Antidopingkampf des IOC scharf kritisiert, im IOC isoliert ist – das spricht doch Bände und macht die Bigotterie der Herren der Olympischen Ringe deutlich.

Wir sehen politische Einflussnahme auf die Spiele und Herumeiern von internationalen Sportverbänden. Wie groß ist die Gefahr, dass junge Sportler eine lässige Haltung zum Doping entwickeln, nach dem Motto „Das tun doch alle“?

Solche gibt es zweifellos. Aber ich erlebe durchaus eine nicht unerhebliche Anzahl von Athletinnen und Athleten als aufgeklärte, kritische und selbstbewusste Aktive. Diese wissen beispielsweise sehr genau um die extremen Gesundheitsgefahren von Doping und sind schlichtweg nicht bereit, ihre Gesundheit gegen mögliche Medaillen eintauschen. Und sie wollen ausloten, zu welchen Leistungen sie mit ihrem unbestrittenen Talent und hartem Training fähig sind. Ich sehe aber auch eine gewisse Resignation bei sauberen Sportlerinnen und Sportlern, die ob der Dopingdunkelziffer nicht mehr wirklich an ihre faire Chance im Wettbewerb glauben. Umso wichtiger ist es, dass sie nicht nur auf die eine Karte „Spitzensport“ setzen, sondern parallel zum Hochleistungssport Motivation haben und auch die Chancen bekommen und ergreifen, sich einer beruflichen Perspektive zu widmen.

Das Fernsehen hat die Olympischen Spiele durch technische Mätzchen zu einer Sonderform artistischer Unterhaltung gemacht. Müssen wir befürchten, dass die Veranstaltung zu einer „Supertalent“ in XXL abrutscht?

Ich empfinde das, was heutzutage technisch möglich ist, grundsätzlich eher als eine Bereicherung in der Berichterstattung. Es ist doch spannend zu sehen, wie sich beispielsweise die Ideallinien im Abfahrtsrennen übereinanderlegen lassen. Es ist doch toll, wenn ich beim Biathlon mehrere Zielscheiben gleichzeitig auf dem Bildschirm sehen und das Ranking in Echtzeit verfolgen kann. Mit Drohnenkameras bin ich ganz nah dabei, wenn die Snowboarder bei den Slopestyle-Events über Hindernisse springen. Und im Übrigen haben gerade die jüngeren Sportarten wie das Snowboard ja dazu beigetragen, dass sich die Olympischen Winterspiele – zumindest was das Sportprogramm angeht – ein wenig modernisiert haben und auch für die TV-Zuschauer wieder deutlich interessanter geworden sind.

Wir beobachten, dass die Zahl der Sportarten immer mehr zunimmt, aber auch die Zahl unbeweglicher, dicker Kinder. Wie lässt sich dieser Widerspruch auflösen?

Ob die Zahl der Sportarten wirklich zunimmt, lasse ich mal dahingestellt. Ich glaube, dass einige Sportarten gewissermaßen „aussterben“, dafür kommen andere hinzu. So, wie wir heute nicht mehr mit einem Wählscheibentelefon, sondern mit mobilen Hightechgeräten kommunizieren, ändert sich auch die Sportlandschaft. Früher gab es Trimm-Dich-Pfade, heute gibt es Halfpipes. Aber dass wir heute mehr denn je dafür werben müssen, dass Menschen lebenslang körperlich aktiv sind, ist unbestritten. Die Politik muss dafür genauso die Weichen stellen wie der organisierte Sport. Kommunen müssen nachhaltige Infrastruktur bereitstellen, ohne die die Vereine ihrer Aufgabe nicht gerecht werden können. Aber auch Vereine müssen sich wandeln und neben tradierten Sportformen mit modernen Sportangeboten locken. Die Kultusministerien, aber auch die Eltern, müssen dem Schulsport den Stellenwert zumessen, der ihm gebührt. Am bestens wäre es, wir begeistern die breite Masse der Kinder (und dann auch deren Eltern) schon im Kindergarten für Bewegung und Sport und „infizieren“ sie schon dort mit dem „Sportgen“.

Wie sollte die Leistungssportförderung der Zukunft aussehen?

Der Deutsche Olympische Sportbund und das Bundesministerium des Innern stecken in den Endzügen einer großen Reform des Leistungssportförderkonzeptes und damit auch der Finanzierung des Leistungssports durch den Steuerzahler. Wir als Parlament sitzen nicht direkt mit am Verhandlungstisch, haben aber gefordert, dass im neuen System die Bedürfnisse der Athletinnen und Athleten ganz klar im Zentrum stehen sollen. Das geht von einer athletenzentrierten Trainingssteuerung und umfassender sportwissenschaftlicher Betreuung über ein vernünftiges, effizientes Stützpunktsystem bis hin zu Gedanken über Konzepte zur Alterssicherung. Auf den Punkt gebracht: Das neue System muss die Sportlerinnen und Sportler in den Mittelpunkt rücken!

Welche Rolle spielen Vereine, welche Rolle Sponsoren?

Über beide Themen ließen sich mehrtägige Kongresse veranstalten… Die Vereine sind und bleiben die Basis, aus der dann besonders talentierte Athletinnen und Athleten hervorgehen. Sponsoren sind im Breitensport, wo häufig von lokalen Unternehmen beispielsweise ein Satz Trikots gespendet oder ein Vereinsbus mitfinanziert wird, unverzichtbar. Im Spitzensport treten die Sponsoren natürlich in anderen Größenordnungen auf.

Krankenkassen wünschen sich vermutlich weniger Medaillen und mehr Breitensport. Welche Rolle kommt der Politik zu?

Zunächst einmal muss ich deutlich machen, dass jede Bürgerin und jeder Bürger eine eigene Entscheidung darüber trifft, wie sie oder er seine Freizeit verbringt. Schön wäre es, wenn der Sport hier einen eigenen individuellen Zeitslot bekommen könnte, aber wir können und wollen das niemandem vorschreiben. Die Politik aber muss die Grundlagen dafür legen, dass Sport und Bewegung möglich sind: durch wohnortnahe, barrierefreie, effiziente Sportanlagen. Das müssen nicht immer Dreifeldersporthallen oder hochmoderne Kunstrasenplätze sein. Und eines dürfen wir auch nicht vergessen: Spitzensportler können natürlich als Vorbild insbesondere für Kinder und Jugendliche dienen und insofern sind Medaillen und Titel schon wünschenswert – wenn sie denn fair gewonnen wurden.

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