Tier-Theologie

Dortmunder Theologin sagt: „Tiere können uns beseelen“

Simone Horstmann mit ihrem Hund Hermes. Sie ernährt ihn vegetarisch. Ihm scheint das nichts auszumachen, und der katholischen Theologin ist das wichtig: „Das Paradies der Bibel ist vegetarisch.“ Foto: Privat

Simone Horstmann mit ihrem Hund Hermes. Sie ernährt ihn vegetarisch. Ihm scheint das nichts auszumachen, und der katholischen Theologin ist das wichtig: „Das Paradies der Bibel ist vegetarisch.“ Foto: Privat

Hagen/Dortmund/Schwerte.   Unser Verhältnis zu anderen Lebewesen wird neu definiert. Die Dortmunder Theologin Simone Horstmann arbeitet daran, Tiere sichtbar zu machen.

Welche Konsequenzen müssen wir aus unserem neu erworbenen Wissen über die Fähigkeiten vieler Lebewesen ziehen, aus der Tatsache, dass Tiere Schmerz, Freude, Trauer und andere starke Gefühle empfinden und dass die vermutete Grenze zwischen Tier und Mensch durchlässiger wird?

Mit diesen Fragen beschäftigt sich die Tagung „Mensch und Tier. Neues Verständnis und anderer Umgang“ am Wochenende an der Evangelischen Akademie in Schwerte. Eine Referentin ist Dr. Simone Horstmann, katholische Theologin an der TU Dortmund. Ihr Thema: „Theologische und geistesgeschichtliche Abwertung von Tieren und deren Revision“. Wir haben sie nach der Rolle der Religion im Verhältnis der Arten gefragt.

Tiere haben keine Seele - war das in der Vergangenheit die zentrale Aussage?

Simone Horstmann: Die offizielle Kirchenlinie ist immer noch: Tiere haben mangels Vernunft keine Seele. Sie können nicht sündigen und sind nicht erlösungsbedürftig. Deshalb sind sie in der offiziellen theologischen Diskussion unsichtbar.

Immer noch?

Vor knapp zehn Jahren hat Rainer Hagencord an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Münster das Institut für Theologische Zoologie gegründet. Er ist ein Vordenker. Unser gemeinsames Anliegen ist es, Tiere sichtbar zu machen.

Und was ist mit der Seele?

Wir können die Seele nicht einfach als „persönlichen Besitz“ eines Wesens betrachten. Sinnvoller ist es, von Beseelung zu sprechen. Das ist ein Erfahrungsbegriff, er bezeichnet ein Interaktionsgeschehen. Leben beseelt sich gegenseitig. Und gerade an Tieren machen wir die Erfahrung, dass andere Wesen uns beseelen können. Vor allem Kinder entdecken so das Ich im Anderen.

Und das haben Sie und Ihre Kollegen, mit denen Sie das Buch „Alles, was atmet“ geschrieben haben, neu entdeckt?

Überhaupt nicht. Wir haben die Tradition durchforstet und dabei festgestellt, dass etwa die Heiligenlegenden und auch die Volksfrömmigkeit eine unfassbare Fundgrube sind. Tiere kommen sehr oft in diesen „inoffiziellen“ Diskursen vor.

Und was sagt die Bibel?

Die Schöpfungsgeschichte erzählt von einer Partnerschaft zwischen Mensch und Tier. Das ist keine kriegerische und kämpferische Beziehung. Deswegen zeichnet die Bibel auch das Bild eines vegetarischen Paradieses.

Wir sollten also vegetarisch oder gar vegan leben?

Es geht bei dieser Frage darum, wie wir Wirklichkeit verstehen: als Kampf aller gegen alle? Jesus identifiziert sich mit dem Lamm, dem Tier, das am Ende der Nahrungskette steht, also mit den Schwächsten. Das ist eine Aussage darüber, wie Christen ihre Macht ausüben sollen. An den Tieren wird unsere Macht sichtbar. Und da sollten wir uns fragen: Gefällt mir das? Will ich so sein? Man sollte die Begründung umdrehen: Warum esse ich überhaupt Fleisch und konsumiere Tiere? Brauchen Christen das Töten? Es mag Ausnahmen geben, aber es darf nicht normal sein.

Aber es ist normal. So ist die Welt. Der Stärkere frisst den Schwächeren.

Wir leben, theologisch gesprochen, in der gefallenen Natur. Die christliche Hoffnung ist: Diese Wirklichkeit darf nicht das letzte Wort haben. Wir sollten uns an der Welt orientieren, so wie Gott sie gemeint hat.

Was wären die Konsequenzen?

98 Prozent der Tiere, die in Deutschland gegessen werden, kommen aus Qualhaltung. Das ist grausam und abgründig. Für beide Seiten. Wir müssen uns auch anschauen, was das Töten mit den Menschen macht. Ich fahre auf meinem Weg nach Dortmund häufig an Tiertransporten vorbei, schaue in die Augen der Tiere und denke: Das hier passiert auch mir.

Gilt das für alle Tiere? Und vielleicht auch für Pflanzen? Wir lernen ja gerade, wie schlau Bäume sind.

Die Insekten sind vielleicht am weitesten von uns entfernt. Wenn wir auch ihnen zutrauen, dass sie nicht unbedeutend sind, denken wir richtig von Gott. Es muss eine Solidarität alles Lebendigen geben.

Wo bleibt Gott dabei?

Gott ist Fleisch geworden. Er hat gewissermaßen die Seite gewechselt. Für uns heißt das: Auch wir können uns mit dieser anderen Seite identifizieren.

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