Psychische Gewalt

„Mobbing geht heute nach der Schule über Whatsapp weiter“

Die Mitschülerinnen tuscheln im Hintergrund böse. Mobbing gibt es an vielen Schulen.

Die Mitschülerinnen tuscheln im Hintergrund böse. Mobbing gibt es an vielen Schulen.

Foto: Getty

Hagen.   Der Tod einer Schülerin hat den Streit entfacht, ob genug gegen Mobbing getan wird. Schulpsychologen in Südwestfalen führen Wartelisten.

Beleidigungen, Prügel, Sachbeschädigung. Mustafa Jannan hat all das erlebt. Zehn Jahre lang war er Beratungslehrer an einer Schule in Schmallenberg. Heute bietet Mustafa Jannan Anti-Mobbing-Fortbildungen für Lehrer und Schulen an, hat Bücher und Ratgeber zu dem Thema verfasst. Er weiß, wovon er schreibt: In acht von zehn Fällen, mit denen er sich als Beratungslehrer befassen musste, ging es um Mobbing. „Das ist nichts Besonderes“, wie er betont: „An jeder Schule gibt es Mobbing.“

Zahl gleichbleibend

Selten aber sind die Folgen so dramatisch wie in Berlin. Dort hat sich eine Elfjährige das Leben genommen – angeblich, weil sie gemobbt wurde. Den Vorwurf erheben einige Eltern gegen die Grundschule des Mädchens. Noch sind die Hintergründe und Ursachen dieses Falls nicht aufgeklärt. Die Diskussion darüber hat aber Mobbing wieder zum Thema gemacht.

Die Zahl der Mobbingfälle hat zwar im Hochsauerland nicht zugenommen, sagt Cornelia Heinz von der regionalen Schulberatungsstelle im Kreis. Zumindest sei die Zahl der Anmeldungen für Beratungsgespräche nicht gestiegen. „Aber Mobbing endet heute nicht mehr mit dem Unterricht sondern geht nachmittags über Whatsapp weiter“, hat sie beobachtet. Für die Opfer gibt es keine Ruhe mehr.

„So lange es Schulen gibt, gibt es auch Mobbing“, sagt Mustafa Jannan. „Schulen können nur die Häufigkeit dieser Gewaltform verringern“, ist er überzeugt. Präventionsprojekte gibt es mittlerweile zwar viele, räumt er ein. „Aber die Schulen sind in den vergangenen Jahren mit so vielen anderen Themen überrollt worden“, dass Mobbing eben oft doch nicht wahrgenommen werde.

Es fehle zudem oft an ausgebildeten Interventionskräften, die im konkreten Fall einschreiten können, so seine Kritik. Vor allem an den Grundschulen müsse mehr getan werden, ist sein Eindruck: Unter den 200 Schulen, mit denen er in den vergangenen Jahren zusammengearbeitet habe, seien vier Grundschulen gewesen. Dabei zeigen Studien, dass Mobbing vor allem dort ein Thema ist.

Wichtig ist aus seiner Sicht, dass Mobbing in der Schule dort durch die Lehrer und Fachkräfte gelöst werden kann – indem man diese fortbilde. Dann könnten sich die Schulpsychologen mehr auf die Unterstützung in der Prävention konzentrieren.

Mobbing direkt in der Klasse begegnen

Denn derzeit müssen sich Ratsuchende, Lehrer und Schulen ein bis drei Monate gedulden, wenn sie Hilfe von der regionalen Schulberatungsstelle im Hochsauerland benötigen, sagt Psychologin Cornelia Heinz. In Einzelfällen berate man auch Eltern und Kinder. Vier Mitarbeiterstellen gibt es in der Beratung – und laut Landesamt für Statistik etwa 28.000 Schüler im Kreis. „Wir haben Wartelisten“, so Heinz, „wir handeln aber schnell, wenn es sich um massive Mobbingfälle handelt oder Kinder nicht mehr in die Schule gehen“.

Auch sie ist der Überzeugung, dass es am besten sei, Mobbing direkt in der Klasse zu begegnen. Das sei Teil der Beratungslehrerausbildung und werde auch an den Studienseminaren für Referendare unterrichtet. Noch wichtiger sei aber, wenn sich die Kinder mit ihrer Schule identifizierten, wenn es ein Wir-Gefühl gebe. „Wo es wenig Anonymität gibt und Lehrkräfte eine Leitungsfunktion haben, ist das Risiko für Mobbing gering.“

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