Mädchen-Fußball

Ehrgeizige Talente im Mädchen-Fußball-Internat Kaiserau

Die Mädchen des Fußball-Internats in Kaiserau träumen von der großen Karriere.

Die Mädchen des Fußball-Internats in Kaiserau träumen von der großen Karriere.

Foto: Julian Gebhardt

Kaiserau.   Die geplante Karriere: Im deutschlandweit einzigartigen Mädchen-Fußball-Internat in Kaiserau wohnen, leben, lernen und trainieren derzeit zehn Talente fernab der Heimat. Sie sind 15 bis 18 Jahre alt - und sehr ehrgeizig.

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Der eine Joggingschuh hat es nicht mehr ins Regal geschafft, dorthin, wo die türkisfarbenen Modeschuhe neben den Fußball-Tretern stehen. Lena Lückel muss ihn sich in Eile vom Fuß geschüttelt haben, nun liegt er da auf seiner Innenseite unter dem Schreibtisch, die leere Wasserflasche nur unweit entfernt, das Haarspray griffbereit auf dem Tisch.

Gleich ist wieder Training. ­Eigentlich ist immer irgendwas gleich. Lena Lückel aus Bad Berleburg, 16 Jahre alt, Innenverteidigerin, ist eines von zehn Mädchen des Mädchen-Fußball-Internats in Kaiserau. Sie lebt von montags bis freitags mit den anderen in einer von drei Wohngemeinschaften. Schlafen, essen, lernen, zur Schule gehen – alles abgestimmt auf das Training auf dem Rasen, den Halmen, auf denen die Träume blühen. Seit drei Jahren gibt es dieses Internat. Seit drei Jahren ist Lena da. Als sie ankam, war sie die Jüngste.

Sieben Junioren-Nationalspielerinnen

Björn Lerbs sitzt in einem Büro, das er sich mit Kathrin Peter, der Ideengeberin des ­Internats teilt, und schüttelt den Kopf. „Die Mädchen werden hier ziemlich schnell erwachsen“, sagt der Trainer. An der Wand hängt ein Jahreskalender mit den Terminen. Sieben seiner Mädchen sind Junioren-Nationalspielerinnen. Im Sommer stehen die U17-EM in der Schweiz und die U19-EM in der Türkei an. Lehrgänge, Turniere kommen hinzu – manches Talent abseits des Internats häuft so 50 bis 60 Fehltage pro Schuljahr an. Schule und Sport besser miteinander verquicken – ein Grundgedanke des Internats.

Das Zimmer ist ihr eigenes Reich, Lena Lückel muss es nicht teilen. Nicht mehr. Sie genießt das. Tür zu, „einfach mal meine Ruhe haben“, sagt sie und lächelt. Das Leben in diesem Mädchen-Haus ist bunt, hektisch, unübersichtlich. Die Ablagen im Bad sind namentlich unterteilt, an den Wänden in den Zimmern hängen Poster von Manuel Neuer, Cristiano Ronaldo und Justin Bieber - Letzterem hat allerdings jemand mit Filzstift einen stattlichen Schnäuzer verpasst.

Lena Lückel träumt

Auf dem Balkon sorgt eine Lichterkette für letzte weihnachtliche Gefühle und in der Küche glotzen ein paar grüne Papp-Elche auf den Esstisch hinab. Lena Lückels Zimmer ziert eine Szene aus New York. Großstadtgedrängel, Verkehr, Tuch auf Holzrahmen. Alles Schwarz-Weiß, nur die Taxis stechen mit ihrem Gelb hervor - so wie die größten Talente aus den Westfalenauswahlen, die hier auf die Karriere getrimmt werden.

„Wir sprechen natürlich die an, von denen wir glauben, dass sie das größte Potenzial besitzen“, sagt Björn Lerbs. Sie sollen hier am besten bis zur nationalen Elite gefördert werden. „Die Mädels“, sagt er noch, „müssen natürlich wissen, worauf sie sich hier einlassen.“ Vor ihm surrt der Computer. Auf ihm ließe sich problemlos abbilden, was er meint. Die ausgedruckten Wochenpläne sehen ein strammes Programm vor: vormittags Schule, Mittagessen in der Mensa, Hausaufgaben, Athletiktraining, Nachhilfe, Fußball-Training, medizinische Behandlung. 22 Uhr Nachtruhe.

Hoch professionelle Bedingungen

Wer zwischendurch noch Luft und Lust hat, kann sich im Kraftraum abreagieren. Auf einer Chipkarte werden individuelle Informationen gespeichert. „So können wir sehen, wie wann gearbeitet wurde“, sagt Lerbs. Regelmäßig werden Technik-Videoaufnahmen und Leistungstests durchgeführt. Alles hoch professionell. „Anhand der Daten kann jede Spielerin sehen, dass es etwas bringt, sich reinzuhängen“, sagt Lerbs.

Lena Lückel ist damals nicht angesprochen worden, sie hat sich für das Internat beworben. Sie ist ehrgeizig. Mit fünf Jahren hat sie beim VfL Bad Berleburg zu spielen angefangen, mittlerweile kickt sie wie fast alle für Gütersloh, deren erste Mannschaft spielt in der zweiten Liga. Lena geht aufs Gymnasium in Kamen, elfte Klasse, Leistungskurse Mathe und Physik. „Den Traum von der großen Karriere hat hier jede von uns“, sagt sie. Sie weiß, dass der Weg weit ist, sie weiß, dass selbst wer am Ziel ankommt nicht zwingend davon leben kann. Trotzdem.

Einzigartig in Deutschland

„Die erste Zeit war nicht ganz einfach“, sagt sie. Neue Schule, neue Umgebung, fern von Freunden und Familie. Am Wochenende hat sie einen Tag in der Heimat, an dem anderen ist sie mit dem FSV Gütersloh unterwegs. „Ich habe mich daran gewöhnt“, sagt sie. Natürlich hat sie schon daran gedacht, alles hinzuwerfen, zuletzt, als sie der dritte Bänderriss außer Gefecht setzte. „Aber ich habe schon zu viel dafür aufgegeben.“ Sie blieb. 400 Euro zahlen ihre Eltern monatlich für das gesamte Paket, Hauptträger ist allerdings der Verband. Das ist einzigartig in Deutschland.

Ihren Joggingschuh wird Lena Lückel bald wegräumen. Freitags ist Aufräumtag, weil dann die Wohngemeinschaften kontrolliert werden. Es gibt Mitbewohner in diesem Haus, die haben freitags dann mehr zu tun als sie, weil sie schnell gelernt hat, sich rechtzeitig um alles zu kümmern. Da war die Mitbewohnerin zu Beginn ihres Aufenthalts doch ein Vorteil. „Franzi war damals die Älteste“, sagt Lena Lückel, „sie hat mich ein bisschen weiter mit erzogen.“

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