Schule

Ein früher Schulbeginn mindert die Leistungen der Schüler

Ein früher Unterrichtsbeginn schadet Schülern, sagen Wissenschaftler.

Ein früher Unterrichtsbeginn schadet Schülern, sagen Wissenschaftler.

Foto: dpa

Hagen.   Bundesfamilienministerin Schwesig hat eine Debatte um einen späteren Schulbeginn entfacht. Die Kinder hätten unter einem frühen Aufstehen zu leiden.

Eltern und Lehrer kennen es. Das Schauspiel wiederholt sich in der Woche täglich. Mit leerem Magen und leicht verquollenen ­Augen quälen sich Mädchen und Jungen morgens in die Schule. Schulbeginn in NRW ist zwischen 7.30 und 8.30 Uhr. So will es ein Erlass des Schulministeriums. Die genaue Uhrzeit legt der Schulträger fest.

Der Schüler

„Morgens sind Schüler schon ziemlich müde“, sagt Sönke Eskeldsen von der Landesschülervertretung NRW, der sich deshalb einen späteren Schulbeginn vorstellen könnte. Nachteil sei allerdings, dass der Oberstufenunterricht noch weiter nach hinten verlagert würde und die Schüler noch weniger Freizeit hätten.

Sein ganz persönlicher Denkanstoß: ­„Warum kann es keine Gleitzeit wie im Arbeitsleben geben?“ So könne man vor dem eigentlichen Unterrichtsbeginn und nach dem Unterrichtsende Arbeitsphasen (z.B. für Hausaufgaben) einrichten.

Der Elternvertreter

Schulen haben bereits jetzt die Möglichkeit, den Unterricht um 8.30 Uhr beginnen zu lassen, sagt Eberhard Kwiatkowski von der Landeselternkonferenz NRW. „Aber dies geschieht nur in den seltensten Fällen.“ Zum einen müsste dann noch mehr Unterricht in den Nachmittag rutschen - was auch für die Schule eine organisatorische Herausforderung ist -, zum anderen könnten berufstätige Eltern bei einem späteren Schulbeginn Probleme bekommen: Wohin mit dem Kind?

Der Schlafmediziner

„Ich würde Schüler in der ersten Stunde keine Latein-Vokabeln ­auswendig lernen lassen“, sagt Schlafforscher Dr. Georg Nilius von der Helios-Klinik in Hagen-Ambrock. Studien zufolge sind Schüler morgens um 8 Uhr noch nicht so leistungsfähig wie zu einem späteren Zeitpunkt - was mit dem Biorhythmus zu tun hat. Das bedeutet gleichzeitig: „Die Lernleistungen in der ersten ­Stunde werden nicht automatisch besser, wenn die Schüler abends eine Stunde eher ins Bett gehen.“

Der Schulforscher

„Natürlich gibt es viele Schüler, die um 9 Uhr fitter sind als eine Stunde früher“, sagt der Siegener Schul­forscher Dr. Jörg Siewert. Allerdings: „Das sind längst nicht alle Schüler.“ Für ihn läuft die Diskussion über einen späteren Schul­beginn („eine Scheindebatte“) auf eine Flexibilisierung hin. „Die ­Frage ist doch, wie wir allen ­Kindern gerecht werden können.“ Von den Frühstartern, die auch in der ersten Schulstunde gefordert sein wollen, bis zu denen, die morgens Zeit brauchen, um anzukommen.

Der Schulleiter

„Mit dem Schulbeginn um 7.30 Uhr sind wir weit vorne“, sagt Johannes Schröder, Rektor der Marsberger Hauptschule. „Mir wäre ein späterer Beginn lieber. 8 Uhr wäre besser.“ Warum wird es nicht gemacht? „Die Anfangszeit ist mit den Busfahrplänen abgestimmt. Anders geht es derzeit nicht.“ Um 7.55 Uhr beginnt für 753 Schülerinnen und Schüler am St.-Ursula-Gymnasium in Attendorn der Unterricht. Zu früh? „Die richtige Zeit wird es nie geben“, sagt Schulleiter Markus Ratajski.

„Es wird immer Lerchen und Nachtigallen geben.“ Der 48-Jährige hält es für maßgeblich, „wann die Schüler ins Bett gehen“. Wer bis 2 Uhr morgens vor dem PC hocke, könne nicht wach im Unterricht sitzen. „Nicht zuletzt soll die ­Schule auf die Lebenspraxis vor­bereiten. Da halte ich 8 Uhr für ­realistisch.“ In der Norbertus-Grundschule in Arnsberg beginnt der Unterricht um 7.45 Uhr. Rektorin Claudia Schulte hält eine ­Verschiebung nach hinten für wenig sinnvoll. „Auch von Seiten der Eltern gibt es diesen Wunsch nicht. Mir ist keine Schule bekannt, an der es bessere Leistungen der ­Schüler gibt, wenn sie später mit dem Unterricht beginnen.“ Für durchaus sinnvoll hält Christoph Henrichs, Rektor der ­Anne-Frank-
Schule in Lennestadt-Meggen, einen späteren Beginn. An der Ganztagshauptschule beginnt der Unterricht für 185 Schüler um 7.50 Uhr: „Je später, desto besser für die Schüler.“ Für die Pennäler ja, für die Lehrer auch?

Egon Specht, Rektor der Kardinal-von-Galen-Grundschule in Olsberg, sieht die Müdigkeit der Kinder als Problem der Eltern. „Wenn der Nachwuchs früher schlafen gehen würde, gäbe es die ganze Diskussion nicht.“

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