Forschung

Ein gebürtiger Siegener holt den Chemie-Nobelpreis

Er hatte mit allem gerechnet, nur nicht mit dem Anruf des Nobelpreis-Komitees: der gebürtige Siegerländer Joachim Frank, hier mit seiner Frau Carol Saginaw.

Foto: Richard Drew/dpa

Er hatte mit allem gerechnet, nur nicht mit dem Anruf des Nobelpreis-Komitees: der gebürtige Siegerländer Joachim Frank, hier mit seiner Frau Carol Saginaw. Foto: Richard Drew/dpa

New York/Siegen.   Joachim Frank wurde mit dem Nobelpreis für Chemie ausgezeichnet. Der Wahl-Amerikaner und gebürtige Siegener rät dem Nachwuchs zum „Querdenken“.

Seine ersten Experimente tüftelte er als Kind unter der Terrasse seines Elternhauses im Siegerland aus, nun wird er mit dem Nobelpreis in Chemie ausgezeichnet: Joachim Frank, geboren am 12. September 1940 in Weidenau, lebt heute in New York. Andere Wissenschaftler halten ihn für einen brillanten Kopf – und er pflegt das offene Wort: Den US-Präsidenten Donald Trump bezeichnet Frank als „Trottel“. Gemeinsam mit dem Schweizer Jacques Dubochet und dem Briten Richard Henderson bekommt er am 10. Dezember die höchste Auszeichnung, die sich ein Forscher vorstellen kann. Wir haben mit Joachim Frank gesprochen.

Sehen Sie sich noch ein bisschen als Deutscher oder nur als Amerikaner?

Noch ein bisschen als Deutscher und (vielleicht noch wichtiger) als Europäer.

Welche Bindungen haben Sie noch in Ihre Heimat im Siegerland?

Ich habe dort noch Verwandte, nämlich die Familie einer Cousine, die genau gegenüber dem Haus meiner Eltern lebt. Nachdem meine Mutter im Jahr 1990 gestorben ist, haben meine Geschwister und ich das Elternhaus verkauft.

Hätten Sie den Nobelpreis auch gewinnen können, wenn Sie in Deutschland geblieben wären?

Das ist nicht leicht zu beantworten. Jedenfalls damals, als ich mit der Entwicklung der Methode anfing, war es schwieriger, in Deutschland einen unkonventionellen Pfad zu gehen – dort herrschte ein striktes autoritäres Klima, ganz anders als in den USA.

Wie wird Ihre Erfindung die Welt verändern?

Sie hat sie schon verändert – die Strukturen von einer Vielzahl von Molekülen, die nicht mit Röntgenkristallographie bestimmt werden können, ist jetzt der Strukturforschung zum erstem Mal zugänglich.

Was raten Sie jungen Menschen, die auch mal einen Nobelpreis bekommen wollen?

Querdenken – und sich nicht von einer Idee abbringen lassen, wenn sie nicht in das derzeitige Denken passt.

Sie haben im Alter von zwölf Jahren begonnen, zu tüfteln. Sollten nun alle Eltern ihren Kindern einen Experimentierbaukasten schenken…?

Meine Tüftelei startete sogar früher, vielleicht mit neun. Es ist gut, wenn die Eltern so etwas respektieren und fördern, aber es braucht nicht unbedingt einen Baukasten.

Im Ernst: Die naturwissenschaftlichen Fächer werden an den Schulen in Deutschland nicht genug gefördert – lautet eine oft geäußerte Kritik. Wie könnte man das aus Ihrer Sicht ändern?

Es würde vielleicht schon helfen, wenn die Schüler Vorträge von prominenten Wissenschaftlern besuchen könnten.

Ihr Kollege Jacques Dubochet leidet an einer Lese-Rechtschreib-Schwäche. Das spricht doch dafür, dass man auch mit vermeintlichen Defiziten Großes erreichen kann, oder?

Sicher! Ich habe das sogar nicht über ihn gewusst, obwohl ich ihn seit 30 Jahren kenne.

Sie schreiben auch Kurzgeschichten und fotografieren aus Leidenschaft. Ist das ein Ausgleich zur wissenschaftlichen Arbeit?

Ja, genau – ich brauche so einen Ausgleich, um funktionieren zu können und mich selbst voll zu realisieren.

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