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Ein Notfall in der Hagener City – wie reagieren die Leute?

Rund um Notfalldarsteller Sven Kill (blaue Jacke) haben wir in der Hagener City einen Notfall simuliert, um zu sehen, ob Passanten anhalten und helfen.

Foto: Fabian Strauch

Rund um Notfalldarsteller Sven Kill (blaue Jacke) haben wir in der Hagener City einen Notfall simuliert, um zu sehen, ob Passanten anhalten und helfen. Foto: Fabian Strauch

Hagen.   Laienreanimation kommt in Deutschland viel zu selten zum Einsatz. Die Redaktion simuliert einen Notfall und zieht ein erfreuliches Fazit.

Nur in 15 Prozent aller Fälle leisten Laien in Deutschland Wiederbelebungsmaßnahmen, bevor der Rettungsdienst eintrifft. Grund genug für die WESTFALENPOST, in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Roten Kreuz (DRK) und der Polizei in Hagen eine Simulation zu kreieren, die die Hilfsbereitschaft von Passanten testet und Unwissenden erklärt, wie man sich in einem Notfall bestmöglich verhält.

Wiederbelebungs-Kurs

Wenn der Betroffene nicht mehr atmet, muss eine Wiederbelebung stattfinden. Wie das geht, erklärt Claudia Bolzenius, Erste-Hilfe-Ausbilderin aus Warstein.
Wiederbelebungs-Kurs

Die Situation

Donnerstag, 11 Uhr, Friedrich-Ebert-Platz, Hagen. Sven Kill (21), Notfalldarsteller vom DRK, bleibt plötzlich an einem Pfeiler stehen. Er beginnt, kräftig zu husten. Noch reagiert niemand, die Menschen laufen wortlos vorbei.

Kill hustet immer kräftiger. Einige schauen kurz zu ihm hin, gehen aber weiter. Als er dann die Augen verdreht, zusammensackt, sich unter den Arm greift und auf die Treppe setzt, geht alles sehr schnell. Insgesamt dauert es vom ersten Husten an nur knapp zwei Minuten, bis sich Passantin Julia Nölle um den Mimen kümmert.

Eine ältere Dame kommt ebenfalls hinzu und befragt Kill zu seinem Zustand. Auch Handwerker Manfred Schiesser, der gerade eigentlich unterwegs zum nächsten Termin ist, eilt herbei, als ihn der Schreiber dieser Zeilen auf die Situation aufmerksam macht. Zeit für Marion Junker vom DRK, die Simulation an dieser Stelle aufzulösen und das Helfer-Trio darüber aufzuklären, was im Realfall zu tun sei.

Die Reaktionen

„Keine Zeit, mein Bus kommt“, „Ich habe ‘nen Termin“, „Lassen Sie mich in Ruhe, ok?“ – Aussagen wie diese oder einfach nur verständnislose Blicke im Vorbeigehen ernten wir auf Nachfrage bei einigen Passanten, warum sie nicht geholfen hatten. „Er sah aus, als hätte er Schmerzen. Also habe ich nachgefragt, ob etwas nicht stimmt“, sagt uns hingegen Julia Nölle, die schon das Schlimmste befürchtete: „Er griff sich ja auch an den linken Arm, das ist ja die Herzseite.“ Schiesser, der zufällig auch schon eine Ausbildung als Rettungssanitäter absolviert hat, stellt klar: „Hätten sie die Sache hier nicht aufgelöst, hätte ich sofort Verstärkung gerufen.“

Dass drei Personen zur Hilfe kamen, überraschte Marion Junker positiv: „Es ging zum Einen schnell, zum Anderen kamen mehr Leute, als ich gedacht habe.“ Dies auch, obwohl sich Sven Kill nicht einmal leblos auf die Straße legte, um die Situation noch ein wenig extremer aussehen zu lassen. „Meine Haltung war die normale Schonhaltung bei einem Herzinfarkt. Man würde sich dabei nie automatisch hinlegen“, weiß er. Carsten Rabenschlag, zuständiger Bezirksleiter der Polizei, zieht ein zufriedenes Fazit: „Das war ein ruhiger Einsatz.“ Was alle Beteiligten im Vorfeld eher nicht erwartet hätten.

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Die Rechtslage

Die Realität ist häufig eine andere: Im vergangenen September wurden zwei Männer und eine Frau zu Geldstrafen zwischen 2400 und 3600 Euro verurteilt, weil sie im Oktober 2016 einem in einer Essener Bankfiliale zusammengebrochenen 82-Jährigen nicht halfen, sondern einfach weitergingen. Der Senior starb einige Tage später im Krankenhaus. Hier kommt § 323c des Strafgesetzbuchs (StGB) zum Zuge: „Wer bei Unglücksfällen (...) oder Not nicht Hilfe leistet, obwohl dies erforderlich und den Umständen nach zuzumuten (...) ist, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder Geldstrafe bestraft.“

Sogenannte „Gaffer“, also Schaulustige, die die Arbeit eintreffender Rettungskräfte behindern, können seit dem 30. Mai dieses Jahres ebenfalls verurteilt werden, ein entsprechender Absatz wurde im Strafgesetzbuch hinzugefügt.

Bei den genauen Strafbewertungen spielen verschiedene Faktoren eine Rolle, wie der Hagener Staatsanwalt Bernd Maas erklärt: „Die Folgen der Tat, der Umfang der Pflichtwidrigkeit, Vorstrafen, Geständnis und Reue, eine womöglich erfolgte Schadenswiedergutmachung und die Sozialprognose sind allesamt bedeutende Faktoren.“

Wer sichergehen will, sich in einer Notfallsituation gesetzeskonform zu verhalten, der muss „alles für die Hilfe Erforderliche tun, was ihm möglich ist. Jemand, der Arzt oder Sanitäter ist, kann natürlich mehr als jemand Fachfremdes“, wie Maas zu bedenken gibt. Und muss dann auch mehr tun.

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