Serie Tatorte

Wie Fingerabdrücke die Kriminalistik revolutionierten

Kriminalhauptkommissar Martin Rehrmann sichert im Labor des Polizeipräsidiums Hagen mit dem Rußpinsel Fingerabdrücke.

Kriminalhauptkommissar Martin Rehrmann sichert im Labor des Polizeipräsidiums Hagen mit dem Rußpinsel Fingerabdrücke.

Foto: MATTHIAS GRABEN

Hagen.   Seit 125 Jahren werden Fingerabdrücke am Tatort mit Rußpulver aufgespürt. Ermittlungen der Kripo machen mit der DNA-Analyse einen Quantensprung.

Der Pinsel ist besonders. Er hat einen Tank mit Rußpulver und verfügt über einen Blasebalg. Ein Utensil aus der kriminaltechnischen Mottenkiste?

Falsch.

„Am Tatort ist er nach wie vor erste Wahl“, sagt Kriminalhauptkommissar Martin Rehrmann. „Mit ihm kann der Fingerabdruck wunderbar eingestäubt werden. Ein Superverfahren. Man hat sofort ein Ergebnis.“ Der pulvrige Kohlenstoff macht die Papillarleisten, die feinen Hautstrukturen der Finger, sichtbar.

Schweiß und Fett reagieren

Warum? „Weil Substanzen wie Schweiß und Fett auf der Haut reagieren.“ Im Labor im Hagener Polizeipräsidium verweist der 46-Jährige auf die Erfolgsgeschichte der Daktyloskopie, so nennt sich diese wissenschaftliche Methode, bei der Überführung der Täter. „Zum ersten Mal ist 1892 in Argentinien ein Mord durch einen Fingerabdruck aufgeklärt worden.“

Ein Beweismittel, das nicht zu widerlegen ist. Warum? Weil bis heute keine zwei Menschen mit zwei gleichen Fingerabdrücken bekannt sind. Die Auswertung dieser Spuren ist nicht auf dem Stand von vor 125 Jahren stehengeblieben.

Täter ohne Handschuhe

War früher die Auswertung der sogenannten Fingerabdruckblätter mit hohem Zeitaufwand verbunden, werden sie heute im Computer elektronisch eingelesen und sofort mit dem digital gespeicherten Bestand der Fingerabdrücke abgeglichen. Auch Täter wissen das. Tragen sie heute keine Handschuhe? „Es ist überraschend“, sagt Rehrmann. „Besonders im ländlichen Raum verzichten sie darauf. Wir haben hier so viele Zuordnungen. Vielleicht denken die Beteiligten, wir erwischen sie nicht. Und bei Beziehungstaten zieht der Täter vorher keine Handschuhe an.“

Von den Fingern zu den Fasern. Die Kriminaltechniker sichern am Tatort Mikrofaserspuren. „Das ist Standard.“ Vermummt im Schutzanzug, mit Handschuhen, Mundschutz und mit Überziehern nehmen sie Materialspuren aller Art auf, die für das menschliche Auge kaum zu sehen sind. Wie? „Die Leiche wird komplett von oben bis unten mit einer transparenten Folie abgeklebt. Folie, an Folie, an Folie, die numeriert werden.“

Warum? Wenn man eine Faser findet, die nicht in das Lebensumfeld eines Opfers passt, wird es spannend. „Besonders beim Strafmaß. Man kann daraus schließen, ob ein Angriff von vorne oder von hinten erfolgt ist, ob es Mord oder Totschlag war.“ Die Auswertung dieser Spuren erfolgt beim Landeskriminalamt (LKA) unter dem Rasterelektronenmikroskop. Der Abgleich der Faser mit dem Vergleichsmaterial hilft bei der Beweisführung, lässt Rückschlüsse auf den Täter zu. „Das ist so, weil auch jede Faser individuell ist.“

Und mit der DNA-Analyse, sie gibt es seit 1998, hat der Werkzeugkasten der Ermittler einen Quantensprung gemacht. „Davor“, sagt Rehrmann, „haben wir das Blutgruppen-System gemacht, im Fachjargon das AB0-System.“

Am Tatort gesicherte Spuren nahmen die Ermittler mit einem Stück Flies auf, schickten es zum LKA und bekamen am Ende die Antwort, welche Blutgruppe es war. „Die Aussagekraft war überschaubar. Ein Mosaikstein im großen Puzzle. Mehr nicht.“

Eine Hautschuppe genügt

Die Verfahren sind im Laufe der Jahre viel feiner und kleinteiliger geworden. Die Menge, die benötigt wird, um die Erbinformation zu entschlüsseln, wird immer kleiner. Minimale Spuren verraten den Täter. Eine Hautschuppe, ein Speicheltropfen, ein Haar mit Wurzel, Sperma, ein Hauch Blut oder eine Zigarettenkippe genügen. „Für uns ist das ein ganz scharfes Schwert. Es ist für den Täter unmöglich, gar keine Spur zu hinterlassen. “

In der Regel erfolgt die Probennahme für die Analyse mittels einer Speichelprobe der Vergleichsperson. Und die Beweiskraft ist erschlagend. Ein DNA-Muster tritt statistisch gesehen, so heißt es, nur einmal unter mehr als 500 Milliarden nicht blutsverwandten Menschen auf. Die Kripo ist also im Kampf gegen das Verbrechen gut aufgestellt? „Die Erfolge geben uns Recht. Die Aufklärungsquote bei Kapitalverbrechen liegt bei 95 oder 96 Prozent.“

Papiertüten für Beweismaterial

Dass Verbrechen nach 30 oder 40 Jahren aufgeklärt werden, wundert Rehrmann nicht. „Es hat Sinn, Fälle aus den 1970er-Jahren noch einmal genauer unter die Lupe zu nehmen. DNA-Analysen hat es damals nicht gegeben. Das führt regelmäßig zu einem Treffer.“

Taugen diese alten Spuren noch etwas? „Nur wenn, wie bei allem biologischen Material, bei der Aufbewahrung Luft dran kommt. Unter Luftabschluss verrotten sie und sind unbrauchbar. Wir sichern am Tatort nur mit Papiertüten, die sind atmungsaktiv.“ Sieht man bei Krimis im Fernsehen aber nie. Warum? „Eine Papiertüte ist nicht durchsichtig. Die Zuschauer sollen sehen, wenn ein blutiges Messer als Tatwerkzeug gefunden worden ist. Deshalb die Plastiktüte.“

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