Bayreuth Festspiele

Ein Tristan im Bayreuther Angstraum

Szene aus  «Tristan und Isolde» in Bayreuth mit (v.l.)  Christa Mayer, Stephen Gould, Petra Lang und Iain Paterson.

Szene aus «Tristan und Isolde» in Bayreuth mit (v.l.) Christa Mayer, Stephen Gould, Petra Lang und Iain Paterson.

Foto: Enrico Nawrath

Bayreuth.   Auf Bayreuth-Regisseuren lastet viel Erwartungsdruck. Katharina Wagner löst diesen ein, wenn sie „Tristan und Isolde“ in Angsträume versetzt

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Weltweit gibt es keine Inszenierungen, die so viel Beachtung erfahren und so intensiv diskutiert werden wie die Bayreuther Produktionen. Das erzeugt Erwartungsdruck. Sinnlich sollen sie sein, die Wagner-Deutungen auf dem Grünen Hügel, aber gleichzeitig neue Erkenntnis-Ansätze liefern und vor allem den „Sense of Wonder“ bedienen, die Sehnsucht nach dem Überraschenden, noch nie Dagewesenen, Wunderbaren.

Bei so viel Ansprüchen sind Enttäuschungen prädestiniert, zumal Festspielleiterin Katharina Wagner Wert darauf legt, möglichst unterschiedliche zeitgenössische Regie-Handschriften im Festspielhaus zu präsentieren. Allerdings scheint es immer schwieriger zu werden, Künstler zu finden, die Wagners Geschichten gegen den Strich lesen können und die gleichzeitig über die handwerkliche Kompetenz verfügen, ihre Konzepte auf der riesigen Bayreuther Bühne umzusetzen.

Gefangen im Labyrinth

Katharina Wagners „Tristan“ ist ein Beispiel dafür, wie sich neue Deutungsansätze mit handwerklichem Können zu einem hochspannenden Theatererlebnis verbinden. Die Festspielchefin konfrontiert eine extrem technische Raumarchitektur zur sinnlichsten Musik der Operngeschichte. Im ersten Akt besteht die Bühne aus himmelhohen labyrinthischen Treppen, die nirgendwo hinführen, plötzlich abklappen und sich bewegen. Das ganze Konstrukt, das an ein ausgeschlachtetes Kreuzfahrtschiff erinnert, dient dazu, Tristan und Isolde voneinander fern zu halten. Denn die beiden brauchen keinen Liebestrank, sie treffen angesichts Isoldes drohender Zwangshochzeit mit König Marke sehenden Auges die Entscheidung für die Liebe.

Das führt die beiden direkt in Markes Folterkeller. Leuchtsterne aus Plastik müssen die Nacht der Liebe in diesem Angstraum erhellen. Doch Katharina Wagners Sympathie ist nicht ungeteilt auf der Seite von Tristan und Isolde. Sie zeigt das Paar in einem Liebesrausch, der auch vor extremen Mitteln der Luststeigerung wie der Selbststrangulation nicht zurückschreckt.

Christian Thielemann dirigiert die Partitur als samtdunkles Nachtstück voller glühender und geheimnisvoller Klangfarben mit Englisch Horn, Bassklarinette und Holztrompete. Selten hört man diese Musik so pulsierend, atmend, schwellend und dabei doch immer kontrolliert. Die Sänger wachsen über sich hinaus: Petra Lang so wild und ungezähmt als Isolde, Stephen Goulds Tristan, der sich im dritten Akt in hingebungsvollen Phantasien mit fliegenden Isolden verliert, Iain Paterson als vernünftig-ergebener Kurwenal und Christa Mayer als Brangäne mit flüssigem Kupfer in der Stimme beim Wachruf.

Am Ende schleppt König Marke (René Pape) seine Zwangsbraut von Tristans Leichnam weg. Weil Katharina Wagner Isolde den Liebestod verweigert, gibt es laute Buhs von Teilen des Publikums. „Katharina-Buhen“ ist ohnehin der Lieblingssport einiger Alt-Wagnerianer.

Erlösungsmotivik

Anders der „Parsifal“. Regisseur Uwe Eric Laufenberg thematisiert die Geschichte im Kontext der Erlösungsmotivik des Christentums. Amfortas leidet fürchterliche Qualen, damit die Gralsbrüder länger leben können; Eigensucht sticht Mitleid aus. Allerdings gerät die Regie im zweiten und dritten Akt in die Falle schwüler Katholizismus-Bilder. Dafür haben sich die Sänger aber wunderbar in ihre Partien eingearbeitet: Andreas Schager als jungenhafter Parsifal mit heldischem Tenor, der auch weiche Töne findet; Günther Groissböck als Gurnemanz mit schwerem Bass, Derek Welton als geschmeidig-gefährlicher Klingsor und allen voran Elena Pankratova, die als Kundry stimmlich und darstellerisch das ganze Universum des Frauseins zwischen Opfer und Täterin durchmisst. Semyon Bychkov dirigiert die Partitur wie Schöpfungsmusik.

Wagners Opern sind lang und komplex. Entsprechend braucht man bei guten Inszenierungen mehrere Durchgänge, um sie zu entschlüsseln. Auch die Sänger benötigen eigentlich mehrere Runden, um sich in ihre Partien zu finden. Doch selbst Bayreuth ist im Klassik-Markt angekommen. Hatte Wolfgang Wagner noch verlangt, dass die Sänger während der Festspiele uneingeschränkt zur Verfügung stehen, so richtet sich jetzt die Disposition nach den Terminplänen der Stars. Anna Netrebko soll 2019 zwei „Lohengrin“-Vorstellungen als Elsa singen. Man darf gespannt sein, ob es soweit kommt.

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