LWL-Klinik

"Eine Forensik ist kein Wellnesshotel für Straftäter"

Dr. Nahlah Saimeh, Ärztliche Direktorin des LWL-Zentrums für Forensische Psychiatrie in Lippstadt-Eickelborn

Dr. Nahlah Saimeh, Ärztliche Direktorin des LWL-Zentrums für Forensische Psychiatrie in Lippstadt-Eickelborn

Lippstadt-Eickelborn.  Dr. Nahlah Saimeh verlässt die Forensik in Eickelborn als Ärztliche Leitung und macht sich selbständig. Ein Gespräch über Täter, Gewalt und Angst

Dr. Nahlah Saimeh ist eine der bekanntesten gerichtspsychiatrischen Expertinnen im deutschsprachigen Raum. Die Ärztliche Direktorin des LWL-Zentrums für Forensische Psychiatrie in Lippstadt-Eickelborn - dort sind psychisch kranke Straftäter untergebracht, die als schuldunfähig oder vermindert schuldfähig, aber weiterhin gefährlich gelten - steht derzeit nicht nur als Gutachterin im Prozess um das „Horrorhaus von Höxter“ im Blickpunkt der Öffentlichkeit. Ihre Meinung ist aktuell unter anderem bei den Themen „Radikalisierung“ und gewaltbereite Flüchtlinge gefragt. Nach knapp 14 Jahren in Eickelborn verlässt die 51-Jährige Ende April die Einrichtung und macht sich als forensische Psychiaterin selbstständig.

Das LWL-Zentrum ist eine der größten Maßregelvollzugseinrichtungen im Land und genießt einen sehr guten Ruf. Warum gehen Sie?

Dr. Nahlah Saimeh: Bereits mit 34 Jahren habe ich die erste Führungsposition bekleidet - als Chefärztin am Klinikum Bremen-Ost. Schon damals hatte ich den Eindruck, dass die optimale Zeitspanne für die Arbeit in einer Institution 12 bis 15 Jahre sind. Lange genug, um Dinge auf den Weg zu bringen, aber noch so kurz, dass man nicht zur Last wird. In Eickelborn bin ich genau in dieser Zeitspanne.

Sie werden nach Düsseldorf in die Selbstständigkeit wechseln. Wie wird dann Ihr berufliches Leben aussehen?

Dr. Saimeh: Ich möchte mich intensiver mit der Sachverständigentätigkeit befassen. Insbesondere die Fragestellungen zur Gefährlichkeitsprognose sind in den letzten Jahren viel komplexer und anspruchsvoller geworden.

Sie beschäftigen sich mit der Gewalt, die Menschen anderen Menschen antun. In ihrer Tätigkeit als Ärztin und Gutachterin sind sie 1000 Mördern und Gewalttätern begegnet. Was reizt Sie an Ihrem Beruf?

Dr. Saimeh: Ich werde oft gefragt, was mich an Gewalt fasziniert. Gewalt fasziniert mich nicht. Es geht vielmehr darum, Menschen von einem gewalttätigen Weg wegzuführen. Die Aufgabe der Forensischen Psychiatrie ist, Rückfallstraftaten verhindern zu helfen. Aber mir fällt es leicht, mich in andere Innenwelten hineinzudenken. Ich habe gewissermaßen einen großen inneren Raum, mit Menschen unbefangen und aufmerksam ins Gespräch zu kommen, mich sachlich und mit professioneller Distanz ihrer Biografie und ihren Denkmustern zu widmen. Und dies mit einer respektvollen Grundhaltung.

Sie blicken bei Gesprächen mit Straftätern in menschliche Abgründe. Können Sie abends nach Hause gehen und den Tag einfach so abschütteln?

Dr. Saimeh: Ja, das kann ich. Die Arbeit belastet mich nicht. Im Gegenteil: Sie macht mir große Freude.

Auch wenn Ihnen grausame Einzelheiten von Straftaten geschildert werden, die Außenstehende kaum ertragen könnten?

Dr. Saimeh: Ich kann sehr gut sehr sachlich bleiben, auch wenn die Straftaten, mit denen ich zu tun habe, zum Teil wirklich schlimm sind.

Die österreichische Gerichtsgutachterin Sigrun Roßmanith hat in einem Interview erzählt, dass ihre Vorliebe für die „finsteren Ecken der Seele“ in ihrer Kindheit entstand: Da hörte sie sonntags das Hörspiel „Wer ist der Täter?“ Was war Ihre Initialzündung?

Dr. Saimeh: Das Medizinstudium war mein Kindheitstraum. Das Vorhaben, Chirurgin zu werden, scheiterte an meinen beiden linken Händen. Im Studium war ich dann eine Weile ratlos, wohin es geht. Voller Vorurteile habe ich die Hauptvorlesung Psychiatrie besucht. Als darin ein Mann mit einem akut-psychotischen Krankheitsbild vom Professor gefragt wurde, welche Sprachen er lernen wolle, sagte dieser: „karpfisch und delfinisch“. Plötzlich merkte ich, dass das Menschsein in keinem anderen medizinischen Fachgebiet so berührt wird wie in der Psychiatrie. Ich ging aus der Vorlesung und wusste, was ich mache.

Das Bild von Maßregelvollzug ist in der Öffentlichkeit häufig verzerrt. Als habe man es mit lauter „Hannibal Lecters“ („Das Schweigen der Lämmer“) zu tun. Wie kommt es zu falschen Wahrnehmungen? Liegt es an dem Begriff Maßregelvollzug?

Dr. Saimeh: In der Forensischen Psychiatrie kommen zwei Aspekte zusammen, die Angst machen: Kriminalität und psychische Krankheit. Außerdem wissen viele nicht, wie es hinter dem Zaun zugeht. Die Vorstellung von einem Wellness-Ort für Straftäter einerseits und nicht zuletzt auch bundesweit bekannt gewordene schwerwiegende Vorkommnisse andererseits prägen das Bild, allerdings zu Unrecht. Wenn es gut läuft, hört man ja auch nichts. Es gibt aber mittlerweile auch eine sehr gute Medienberichterstattung über die forensische Psychiatrie. Eine Klinik wie unsere ist kein Wellnesshotel für Straftäter. Wir arbeiten intensiv daran, dass von Menschen keine weitere Gefahr mehr ausgeht. Das ist aktiver Opferschutz. Berichte, die ständig Angst vor der Psychiatrie verbreiten, sind ein Problem.

Wie wirkt sich eine solche „Angstmacherei“ aus?

Dr. Saimeh: Psychisch kranke Menschen gehen nicht zum Psychiater, vor allem, weil sie meinen, dass jeder in der Psychiatrie ans Bett festgebunden und niedergespritzt wird. Das ist falsch.

Dennoch: Viele Bürger in Eickelborn sind derzeit verunsichert, weil nach einem Gerichtsbeschluss Patienten mit Sexual- oder Tötungsdelikten wieder unbegleitete Ausgänge erlaubt sind. Zumal es zwischen 1988 und 1994 drei Gewalttaten von Patienten im Ort gab. Wie gehen Sie damit um?

Hagener Kriminalpsychologe: "Jeder kann Totschläger werden" Dr. Saimeh: Zunächst einmal möchte ich betonen: für mich war immer klar, dass solche Taten wie 1994 ein kollektives Trauma darstellen. Und zur Zeit gibt es eine große Verunsicherung, weil eine Sonderregelung, die den Bürgern extrem wichtig war, juristisch als unzulässig beurteilt wurde. Ich bedauere das sehr. Aber ich bin davon überzeugt, dass es uns gelingt, Vertrauen zurückzugewinnen. Wichtig ist, immer wieder mit Bürgern ins Gespräch zu kommen und auch Klinikbesichtigungen zu machen. Vor allem auch mit den Menschen direkt ins Gespräch zu kommen, die hier leben und behandelt werden. Die Angst sitzt tief. Aber die Forensik vor 25 Jahren können Sie mit der von heute nicht mehr vergleichen. Es wurde enorm viel getan, um die Sicherheit zu verbessern. Das Verhältnis zwischen Bürgern und Klinik war in all den Jahren, in denen ich das erleben durfte, hervorragend und geradezu vorbildlich. Auch jetzt erlebe ich die Diskussion letztlich von großer Sachlichkeit getragen.

Nur wenige Patienten mit Sexual- oder Tötungsdelikten erreichen die Lockerungsstufe des unbegleiteten Ausgangs, oder?

Dr. Saimeh: Das ist richtig. Im Schnitt nicht mehr als 10 bis 15 Patienten bei uns. Sie sind in der Behandlung weit fortgeschritten, psychisch stabil und so weit, dass sie womöglich in absehbarer Zeit für den Langzeiturlaub zur Vorbereitung einer Entlassung in Betracht kommen. Vor unbegleiteten Ausgängen müssen Sexualstraftäter von einem unabhängigen externen Gutachter untersucht werden. Das hat das Land NRW vorgeschrieben. Ohnehin wird jeder Patient alle drei Jahre von externen Gutachtern neu beurteilt.

Wie hoch ist die Rückfallquote?

Dr. Saimeh: Bei Patienten der forensischen Psychiatrie bundesweit im Promillebereich, bei ehemaligen Patienten liegt sie zwischen fünf und zehn Prozent - wobei es hier vor allem um niedrigschwellige Kriminalität geht wie Ladendiebstahl, Beleidigung, Schwarzfahren. Schwere Gewaltdelikte sind die absolute Ausnahme. Von solchen extrem niedrigen Quoten kann der Justizvollzug nur träumen.

Sie sind als Expertin in der Diskussion um die Gefahr durch gewaltbereite Flüchtlinge gefragt. Wie beurteilen Sie die Diskussion?

Dr. Saimeh: Ich wünsche mir eine sachliche, im besten Sinne des Wortes kühle Diskussion über die Vielschichtigkeit des Problems. Wir können die Probleme nur lösen, wenn ein gesellschaftliches Klima herrscht, in dem Probleme klar benannt werden können. Probleme lassen sich mit Ideologien nicht lösen. Und es hilft nicht zu negieren, dass Menschen aus verschiedenen Kulturräumen auch durch diese geprägt sind. Die „Flüchtlinge“ sind ja keine homogene Masse, sondern sehr unterschiedliche Menschen. Der eine tut sich leicht, der andere kommt nicht zurecht. Und es ist doch klar: wenn ich eine Million Menschen habe, dann habe ich allein schon einige tausend Menschen darunter, vor allem junge Männer, die kriminell sind. Egal, welcher Nationalität sie angehören. Das kann man schon aus der prozentualen Häufigkeit dissozialer Persönlichkeiten errechnen.

Kann kulturelle Entwurzelung dazu führen, dass Menschen gewalttätig werden?

Dr. Saimeh: Ja. Wenn Menschen ihren eigenen Kulturkreis unter schwierigsten Umständen verlassen und in ein Land kommen, dessen Sprache sie nicht sprechen und in dem sie soziale Signale nicht dechiffrieren können, geraten sie in eine immense Stresssituation. Sie laufen Gefahr, psychisch zu erkranken und aggressiv zu werden.

Zurück nach Eickelborn: Was werden Sie vermissen?

Dr. Saimeh: Eickelborn war und ist ein besonderer Forensik-Standort. Hier werden Forensiker gemacht. Jeder forensische Psychiater, der hier arbeiten darf, hat dem LWL-Zentrum viel zu verdanken. Ich bin dankbar für meine Zeit hier mit einem unglaublich engagierten Team. Das gilt für alle Berufsgruppen. Die Mitarbeiter sind in einem hohen Maße mit der Einrichtung identifiziert. Und die Eickelborner haben sich in mein Gedächtnis eingebrannt - sie sind auf eine bodenständige Art sehr offen und warmherzig.

Ihr letzter Arbeitstag wird am 27. April sein. Dann machen Sie erst einmal Urlaub, oder?

Dr. Saimeh: Nein, ich habe immer gerne gearbeitet. Es wird ein nahtloser Übergang in die Selbstständigkeit sein.

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