Oper Dortmund

Eine politische Arabella in Dortmund

Eleonore Marguerre als Arabella in Dortmund.

Foto: thomas m. jauk

Eleonore Marguerre als Arabella in Dortmund. Foto: thomas m. jauk

Dortmund.   Jens-Daniel Herzog inszeniert in Dortmund „Arabella“ von Richard Strauss mit deutlich politischem Unterton in einer unterkühlten Bühnenarchitektur

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Der Raum ist zu groß für die abgesunkenen Existenzen, die hier ihr Leben verdaddeln. Das stockfleckige Foyer eines ehemaligen Grandhotels wird zum Wartesaal ins große Glück. Graf Waldner hofft auf Gewinne beim Spiel, seine Tochter auf einen Mann, der sie nicht anödet, sondern umhaut. Intendant Jens-Daniel Herzog entblößt in der Dortmunder Oper jetzt Richard Strauss’ Komödie „Arabella“ von Wiener Schmäh nebst erotischem Zuckerguss und setzt dem Klangrausch der Partitur eine nüchterne Analyse der Gier entgegen. Das beachtliche Sängerensemble wird bei der Premiere vom Publikum mit Beifall im Stehen gefeiert.

Ungemütliche riesige Architekturen sind die Spezialität von Jens-Daniel Herzog und seinem Bühnenbilder Mathis Neidhardt. In der Dortmunder „Arabella“ blinkt ein Spielautomat an der Wand vergeblich gegen das Unbehaustsein an, das im Fall der Familie Waldner und ihrer Satelliten weniger aus dem finanziellen Bankrott herrührt als aus dem Kollabieren aller Werte. Mit seiner Spielsucht hat der Vater die Familie ruiniert, deshalb wird die eine Tochter über den Heiratsmarkt getrieben wie ein schlachtreifes Schwein, und die andere steckt man kurzerhand in Jungenkleider, um teure Roben zu sparen. Herzog führt seine Figuren präzise und auch ein bisschen boshaft. Es ist kein Zufall, dass der verkommene Graf Waldner bei ihm den Vornamen Theodor trägt und äußerlich dem CSU-Politiker zu Guttenberg ähnelt. Sympathisch ist keiner der Protagonisten, weder die Eltern noch die Mädchen oder deren Freier und auch nicht der exotische Mandryka, der Geld wie Dreck hat.

Galionsfigur

Die Dortmunder „Arabella“ ist durch die Hintertür eine politische Inszenierung. Auf der einen Seite klingt die Werkgeschichte mit, Uraufführung war am 1. Juli 1933 in Dresden. Gewidmet hatte Strauss die Partitur unter anderem Generalmusikdirektor Fritz Busch, jenem Siegener Dirigenten von Weltrang, der als anständigster Musiker des 20. Jahrhunderts gilt. Am 7. März 1933, vor Beginn einer Rigoletto-Vorstellung, wird Busch, der die Nazis verachtet, von SA-Männern vom Pult gebrüllt und muss sein Amt als Generalmusikdirektor aufgeben. Strauss entfernt daraufhin diskret seine Widmung, stimmt zu, dass Clemens Krauss dirigiert und wird fortan eine Galionsfigur nationalsozialistischer Kulturpolitik.

Doch auch werkimmanent liest Herzog das Politische heraus. Mandryka von irgendwo aus der Walachei ist der Mann für einfache Lösungen. Anders als Graf Waldner weiß er noch, dass Geld durch Arbeit entsteht, aber mit seinen Feldern und Wäldern und Tausenden von Leibeigenen ist er nicht der Typ, der fragt oder diskutiert; er reduziert die Komplexität des Lebens auf das, was ihm nutzt.

Wunderbares Sopran-Duett

In diesem Koordinatensystem irrlichtern die Figuren auf einem verwirrenden Grat zwischen Society und Halbwelt. Eleonore Marguerre könnte als Arabella die Prinzessin eines russischen Oligarchenclans sein, luxusverwöhnt, kapriziös, unzufrieden. Die Sopranistin entwirft in dieser Riesenpartie mit strahlenden, mühelosen Spitzentönen und kostbar verdunkelter Mittellage das Bild einer jungen Frau, die sich aus Überdruss nach Unterwerfung sehnt. Ashley Thouret setzt als Zdenka dagegen einen hellen, schlanken und sehr beweglichen Sopranakzent. Das berühmte Duett der beiden Schwestern wird zu einem berückenden Höhepunkt der Produktion.

Morgan Moody singt den Waldner mit leicht schmierigem, stets staunend gehaltenen Bassbariton. Thomas Paul lässt als unglücklich verliebter Matteo seiner großen Tenorstimme ein bisschen zu viel freien Lauf.

Und dann betritt Sangmin Lee als Mandryka die Szene, in Fellmantel und T-Shirt, die Stammeszeichen golden auf der Brust baumelnd, eine Mischung aus Hunnenkönig und Zuhälter. In den Smoking will er nicht richtig passen, das Gesellschaftliche ist nicht sein Parkett, aber der Mann ist sich stets gewiss, alles zu kriegen, was sich für Geld kaufen lässt. Der koreanische Sänger kann tatsächlich nicht nur gefährlich aussehen, sondern seiner Stimme auch jenes Timbre verleihen, das die Baritone so unberechenbar und sexy macht.

Die Bühne ist sängerfreundlich gebaut, trotzdem hält Generalmusikdirektor Gabriel Feltz die Dortmunder Philharmoniker wohlweislich zurück. Gerade deshalb entwickeln sich bildschöne Klänge, welche die Verstörungen der unterkühlten Szene nur unterstreichen.

www.theaterdo.de

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