Schule

Elterntaxis: Auch in Südwestfalen zunehmend ein Problem

Während das Elterntaxi nach dem Halt vor der Schule weiterfährt, versucht das Kind die Straße zu überqueren. Das kann gefährlich werden.

Während das Elterntaxi nach dem Halt vor der Schule weiterfährt, versucht das Kind die Straße zu überqueren. Das kann gefährlich werden.

Foto: Lutz von Staegmann

Hagen.   Elterntaxis verstopfen die Straßen und gefährden andere Kinder. Die Verkehrswacht appelliert an die Vernunft der Eltern.

Zwanzig Minuten vor Unterrichtsbeginn ist das Klassenzimmer im Erdgeschoss des Hagener Albrecht-Dürer-Gymnasiums hell erleuchtet. Von außen fällt die Wand-Aufschrift „Carpe Diem“ ins Auge. Genieße den Tag – das wünschen offenbar viele Eltern ihrem Nachwuchs auf ihre Art. Beispiel vergangener Freitag: Zwischen 7.40 und 8 Uhr herrscht reger Autoverkehr vor dem Schulgebäude. Dass manche Eltern ihre Kinder am liebsten mit dem Pkw bis in den Unterrichtsraum bringen würden, ist kein Einzelfall in Südwestfalen.

Die Situation

„Eltern fahren morgens bis vor die Schule und laden ihre Kinder aus. Mittags fahren sie wieder bis vor die Schule und laden ihre Kinder wieder ein“, sagt Horst Schöne von der Verkehrswacht im Bezirk Meschede. Durch das Telefon meint man ein Kopfschütteln zu vernehmen. Er spricht vom zunehmenden Problem der Elterntaxis.

Beispiel Gevelsberg: Kinder der Pestalozzi-Schule machten mit einer Menschenkette auf Gefahren durch Elterntaxis aufmerksam. Ihre Botschaft: „Liebe Mama, lieber Papa. Wir gehen gerne ein paar Schritte zu Fuß. Lasst uns doch dort aussteigen, wo die Verkehrs­situation weniger gefährlich ist.“

Vor dem Dürer-Gymnasium Hagen musste die Polizei unlängst mit einer Lautsprecherdurchsage eine Autos-Schlange auflösen. „Ein Einzelfall“, sagt Schulleiter Bernhard Scheideler, „Gefahren gehen eher von Pkw aus, die die enge Straße mit hohem Tempo passieren.“

Die Gründe

Clemens Fischer von der Kreis-Verkehrswacht Hochsauerland nennt den elterlichen Bring- und Abholdienst ein gutes Beispiel für das Phänomen der Helikopter-Eltern (Eltern, die ihre Kleinen umklammernd durchs Leben jonglieren). Väter und Mütter, die ihrem Nachwuchs Risiken im Straßenverkehr ersparen möchten, ihn aber durch das Rangieren vor Schulen womöglich erst in Gefahr bringen. Weiter fällt Fischer die Bedeutung einer morgendlichen Zeitersparnis ein – „wenn alle Familienmitglieder gleichzeitig das Haus verlassen“.

Nach Auffassung von Prof. Andreas Kastenmüller vom Lehrstuhl für Sozial- und Wirtschaftspsychologie an der Universität Siegen haben sich Nachrichten über auf dem Schulweg entführte oder missbrauchte Kinder in das „Arbeitsgedächtnis“ vieler Eltern hineingebrannt. Sie malten sich Szenarien einer unmittelbaren Bedrohung für ihr Kind aus – egal, ob die polizeiliche Kriminalstatistik ihre Wahrnehmung stützt.

Für Mathias Schiffmann von der Landesverkehrswacht NRW zeigt sich auch eine Auswirkung der freien Schulwahl: „Kinder können auch an Schulen angemeldet werden, die nicht um die Ecke liegen.“

Die fehlende Einsicht

Zwischen Parkplätzen am Rand und dem Eingang des Hagener Albrecht-Dürer-Gymnasium ist die Straße so schmal, dass keine zwei Autos nebeneinander fahren können. Dennoch hält ein Wagen am Freitag dort und blockiert kurzzeitig den Verkehr. Ein Vater steigt aus und holt den Tornister seiner Tochter aus dem Kofferraum. Auf die Frage des Reporters, ob er immer an dieser Stelle hält, reagiert er gereizt: „Was wollen Sie? Ich bin sofort wieder weg.“

Mathias Schiffmann kennt solche Aussagen: „Es gibt Eltern, die interessiert nicht, ob es ein Halteverbot an einer Schule gibt oder sie den Verkehr behindern.“

Die Probleme

Horst Schöne von der Verkehrswacht im Bezirk Meschede erinnert sich an die Schulzeit seiner Tochter. „Ich habe immer mit ihr einen Treffpunkt in deutlichem Abstand zur Schule vereinbart, an dem ich sie mit meinem Auto abgeholt habe. Aber sie musste das letzte größere Stück selbst gehen.“ Zuvor habe er mit ihr den Weg zur Schule geübt: „Wenn Kinder zu Fuß unterwegs sind, lernen sie, Gefahren im Straßenverkehr richtig abzuschätzen und werden zur Selbstständigkeit erzogen.“

Clemens Fischer von der Kreis-Verkehrswacht Hochsauerland sieht nicht nur pädagogische Effekte, sondern auch motorische: „Ich sage nur: Bewegung!“

Die Maßnahmen

„Immer mehr Beschilderung“, sagt Fischer, „löst kein Verkehrproblem.“ Tempo-30-Zonen, Schrittgeschwindigkeiten oder Halteverbote seien nur sinnvoll, wenn dies auch kontrolliert würde. Fischer hat nicht nur Zweifel an den personellen Ressourcen: „Die Polizei kann das Problem nicht lösen. Es geht nur durch Einsicht bei den Eltern und viel Aufklärungsarbeit.“ Dass dies kein Selbstläufer ist, weiß Mathias Schiffmann: „Es muss Kümmerer an Schulen geben, die das Thema immer wieder bei Eltern ansprechen.“

Rückblick auf den vergangenen Freitag: In den 20 Minuten vor Schulbeginn halten mehr als 50 Elterntaxis vor oder in unmittelbarer Nähe des Dürer-Gymnasiums. 200 Meter entfernt kontrolliert die Polizei die Geschwindigkeit in der Tempo-30-Zone. „Eine allgemeine Verkehrskontrolle“, sagt Sprecher Ralf Bode, „wie sie immer wieder in der Umgebung von Schulen geschieht.“ Die Bilanz: Zwölf Tempo-Verstöße zwischen 7 und 8.30 Uhr. Womöglich konnten daraufhin auch manche Eltern den Tag nicht richtig genießen.

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