Anschlag in Berlin

Ermittler prüfen Anis Amris Verbindungen nach Dortmund

In dem Eckbau mit der grünen Fassade, in dessen Erdgeschoss sich die Darusselam Moschee befindet, soll sich einem WDR-Bericht zufolge Anis Amri mehrfach aufgehalten haben. Vertreter der muslimischen Gemeinschaft dementieren dies.

In dem Eckbau mit der grünen Fassade, in dessen Erdgeschoss sich die Darusselam Moschee befindet, soll sich einem WDR-Bericht zufolge Anis Amri mehrfach aufgehalten haben. Vertreter der muslimischen Gemeinschaft dementieren dies.

Foto: Rolf Hansmann

Dortmund.   Der mutmaßliche Berliner Attentäter Anis Amri soll nach WDR-Recherchen regelmäßig zwölf Moscheen im Ruhrgebiet besucht haben.

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Das Mehrfamilienhaus in der Dortmunder Nordstadt fällt schon alleine durch seine grüne Fassade auf. Nach dem Terroranschlag von Berlin soll die in dem Nachkriegsbau befindliche Darusselam Moschee den Ermittlern aufgefallen sein. Nach WDR-Informationen soll sich der mutmaßliche Attentäter Anis Amri in den vergangenen Monaten mehrfach in zwölf Moscheen im Ruhrgebiet aufgehalten haben, darunter eben in der im Jahr 2009 eröffneten Darusselam Moschee in der Dortmunder Burgholzstraße. Eineinhalb Kilometer vom Hauptbahnhof und einen Steinwurf vom fußball-berühmten Borsigplatz entfernt.

Über der Tür zur Moschee im Erdgeschoss ist ein Schild mit der Aufschrift „Bengalische Muslimgemeinschaft. Darusselam Camii“ angebracht. Klingeln befinden sich einige Meter weiter, unter den Namen von 14 Wohnungsmietern prangt der Hinweis „Imam + Büro“. Nach dem Betätigen der Klingel geht die Tür auf. Beim Gang durchs gelb-weiß gestrichene Treppenhaus bis oben in die 4. Etage öffnet sich allerdings keine Wohnungstür. Als ein zehnjähriger, Englisch sprechender Junge seine Hilfe anbietet, ist auf einmal ein „Hallo“ hinter einer Tür zu hören. Die Ehefrau des Vorstandsvorsitzenden hat gerufen. Sie schickt den Zehnjährigen mit dem Gast zur Moschee. „Dort wartet mein Mann auf Sie.“

Abu Bakar Siddique ist ein freundlicher Mensch. „Ich bin bereit“, sagt er und begleitet den Besuch zunächst in den Gebetsraum („ab und zu bin ich hier auch als Vorbeter tätig“). Nachdem die Schuhe ausgezogen sind, geht es in das Büro des Vorstandsvorsitzenden. Er hat an seinem Schreibtisch Platz genommen und schaut seinem direkt gegenüber sitzenden Gast tief in die Augen: „Nein“, sagt der 68-Jährige mit der weißen Kleidung, „mir ist noch nie ein Mann namens Anis Amri begegnet und keiner, der dem Mann auf den Fahndungsbildern nach dem schlimmen Ereignis von Berlin ähnlich sieht.“

Auf der Liste der Ermittler

Dabei soll, so erfuhr der WDR aus Sicherheitskreisen, sich der mutmaßliche Attentäter wiederholt in der Darusselam ­Moschee aufgehalten haben. „Ich weiß auch nicht, wie wir auf die Liste der Ermittler gekommen sind“, so Siddique.

Der Terroranschlag auf den Weihnachtsmarkt vor der Gedächtniskirche ist auch in der Bengalischen Muslimgemeinschaft in Dortmund Gesprächsthema Nummer 1. „Keiner von uns hat jemals Kontakt zu diesem Menschen gehabt“, sagt Siddique und will erst gar keine Zweifel aufkommen lassen: „Ich verurteile den Anschlag zutiefst“ – sagt’s und zeigt auf seinen Oberkörper. „Von ganzem Herzen.“

Siddique ringt mit den Worten. Er sieht das Berliner Attentat als Tat eines „Unwissenden“: „Der Mann wusste nicht, was der Islam ist. So etwas gehört nicht zum Islam, zur Religion des Friedens.“

Die Kontakte des in Italien ­erschossenen Tunesiers nach ­Dortmund sollen so intensiv gewesen sein, erfuhr der WDR von ­Seiten der Sicherheitsbehörden, dass er den Schlüssel einer Moschee in der Lindenhorster Straße besessen haben soll, um dort regelmäßig übernachten zu können. Zudem soll Anis Amri den Dortmunder Salafisten-Prediger Boban S. regelmäßig besucht haben. „Auch den kenne ich nicht“, sagt Abu Bakar Siddique, der eine gleichlautende Aussage mittlerweile auch von Vertretern anderer Dortmunder Moschee­gemeinden gehört hat.

Moschee in einem Hinterhof

Zum ­Beispiel in der Al-Fath-Moschee in der Mallinckrodtstraße. Ebenfalls in der Nordstadt, dem Dortmunder Stadtteil mit der größten Moschee-Dichte. Das Gebetshaus befindet sich in einem Hinterhof, die Tür neben einem Briefkasten mit ­altdeutscher Schrift wird an ­diesem Nachmittag nicht geöffnet. Auf einer Fensterscheibe klebt ein Hinweis für Eltern. „Arabisch-Unterricht: Ferien vom 24.12. bis 1.1.“

Im Laden mit orientalischen ­Lebensmitteln im Vorderhaus der Moschee wird bei Erwähnung des Namens Anis Amri nur der Kopf geschüttelt. Ein Kunde bleibt einen Moment ­stehen: „Den kennt hier keiner.“

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