Gesellschaft

Erst High Society, dann Knast: Robert Rothers Leben in China

Robert Rother (rechts) aus Unna bei der Eröffnung seiner Werkstatt für Luxus-Autos.

Robert Rother (rechts) aus Unna bei der Eröffnung seiner Werkstatt für Luxus-Autos.

Foto: Edel Books

Hagen/Unna.  Ferraris, Partys, Geschäfte: Robert Rother aus Unna flog hoch in China. Dann gerät der Mann aus Unna in die Mühlen einer totalitären Justiz.

Aus Robert Rother wird Häftling 4418027614. Die Pforte zur Hölle habe sich geöffnet, sagt der heute 37-Jährige aus Unna. Er saß sieben Jahre und sieben Monate in einem chinesischen Gefängnis. Die Folge eines Lebens aus Luxus, Gier und krummen Geschäften, wie er selbst in seinem heute erscheinenden Buch einräumt.

„Du musst zur Maschine werden, deine Gefühle abschalten“, sagt er. Wer Robert Rother heute sprechen hört, hat das Gefühl, dass ihm das gelungen sein könnte.

Nüchtern berichtet er im Gespräch mit unserer Zeitung von dem, was eigentlich unvorstellbar ist: Von Folter an Häftlingen, Erniedrigungen, Beleidigung, von Zwangsarbeit, menschenunwürdigen Bedingungen, furchtbaren hygienischen Zuständen.

„Die Bilder von Häftlingen, die mit Elektroschockern oder auf dem Eisenstuhl gefoltert wurden, gehen mir niemals mehr aus dem Kopf“, sagt er. „Ich hatte das Gefühl, dass man uns gefügig machen will und uns die Seele rauben will.“ Er denkt sogar an Selbstmord.

Mit 11 Jahren entdeckt Robert Rother sein Interesse für Aktienkurse

Wie konnte es so weit kommen? Wie kann der Weg eines junge Mannes aus Unna in einen chinesischen Horror-Knast führen? „Ich passe nicht typisch in diese Gesellschaft“, sagt Robert Rother. Der Junge aus Unna entdeckt mit 11 Jahren sein Interesse an Aktienkursen, mit 13 – und der Vollmacht seiner Mutter – eröffnet er sein erstes Aktiendepot. 5000 Mark Startkapital, die ihm sein Vater vererbt hatte. Der starb, als der Robert 20 Monate alt war.

Mit 17 gründet Rother mit zwei Partnern seine erste Aktiengesellschaft. 50.000 Euro Startkapital bringt er mit ein. Er verspricht sich, mit 25 Ferrari zu fahren. Die Schule bricht er ab, zieht nach Frankfurt, lässt sich auszahlen: 200.000 Euro. Als er einen Bekannten auf eine Geschäftsreise nach Shanghai, China, begleitet, weiß er: Dort, in diesem aufstrebenden Land will ich sein und Geld machen.

Mit gerade einmal 21 Jahren geht Robert Rother nach China, versucht sich im Vertrieb von Schuhen, im Export nachgemachter Edel-Handtaschen und später im Handel mit Diamanten und Schmuck. Erst mit Geschäfts- und Lebenspartnerin Angelina an seiner Seite stellt sich Erfolg ein. Sie klärt ihn auf über die Gepflogenheiten in China, verschafft ihm Kontakte. Sie bauen ein Netzwerk auf.

Ferrari Eintrittskarte für High-Society

Mit dubiosen Vermögens-Transaktionen für Reiche – über ein Netz von 100 Konten hinweg – machen sie Geld. An einem Tag nimmt er so 800.000 US-Dollar ein. Er kauft sich seinen Ferrari. Mit 26. Der wiederum ist die Eintrittskarte in die High-Society Shenzhens. Ein Leben in Dekadenz: 300 Quadratmeter Luxus-Wohnung im Viertel der Mega-Reichen für 5000 Dollar Miete im Monat, Maserati, Mercedes, Partys mit Prostituierten und Cognac für 500 Euro die Flasche.

2009 gründet er seine eigene Investmentfirma, die den chinesischen Kapitalmarkt analysiert. Sie ist der Regierung ein Dorn im Auge. 2011 wird Robert Rother verhaftet. Gründe gibt es genug: Geldschmuggel über die Grenze, Beamtenbestechung, Insiderhandel, zählt Rother auf. Doch verhaftet wird er aus einem anderen Grund. „Der Vorwurf lautete, dass mein Geschäft auf einem Schneeballprinzip basierte. Das stimmte aber nicht. Wenn du verhaftet wirst, bist du in China eigentlich schon verurteilt.“

Er sitzt anderthalb Jahre in Untersuchungshaft, die Polizei versucht ein Geständnis zu erzwingen. Erst nach 13 Monaten, sagt Rother, hätte sein Anwalt die Akten einsehen dürfen. Ein Taiwanese hatte 16 Millionen Dollar bei Rother und seiner Partnerin angelegt, forderte das Geld aber früher als vereinbart zurück. Wegen Vertragsbetrugs mit einer Schadenshöhe von gut 20 Millionen Dollar wird Robert Rother 2013 verurteilt. Er lächelt für die Fotografen, als er den Gerichtssaal verlässt, um zu zeigen, dass er den Prozess für eine Farce hält. Seine Partnerin erhält lebenslänglich. Der damals 30-Jährige wird im Sommer 2014 ins Gefängnis von Dongguan verlegt. Aus Rother wird eben jener Häftling 4418027614.

Mit Mördern und Vergewaltigern

Seine Zelle teilt er mit Mördern, Vergewaltigern, Spitzeln. Er beschließt, das alles zu ertragen, nicht aufzubegehren, nicht aufzufallen. Am 19. Dezember 2018 wird Robert Rother entlassen. Flug nach Deutschland. Freiheit. Die erste Nacht in Deutschland verbringt er mit seiner Familie beim Lebensgefährten seiner Mutter in Werdohl.

„Ich habe das ganze letzte Jahr gebraucht, um alles aufzuarbeiten und mich wieder zu akklimatisieren“, sagt er. Er sagt, dass er ein anderer Mensch geworden ist. Ob er es anders machen würde, wenn er die Chance hätte? „Ich vermisse die materiellen Vorzüge meines ersten Lebens. Aber das heißt nicht, dass ich nicht auch froh bin, dass alles so passiert ist, wie es passiert ist. Denn dann hätte ich nie diese neuen Werte für mein Leben entdeckt.“

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<<<Das Buch>>>

„Noch ist vieles tot in mir.“ Das ist einer der letzten Sätze in dem Buch von Robert Rother. Ein Buch, das ihm bei der Aufarbeitung half. Ein Buch, das aber vor allem ein Vermächtnis ist von einem, der hoch flog und noch tiefer stürzte, der als Finanz-Genie galt und in China Millionen verdiente, der Ferrari fuhr und dabei eine 60.000 US-Dollar teure Uhr trug. Von einem, der sich dann plötzlich eine Zelle mit 14 anderen Häftlingen teilen musste. In der Mitte ein Loch als Toilette.

Drachenjahre – wie ich sieben Jahre und sieben Monate im chinesischen Gefängnis überlebte“ ist eine Anklage gegen die chinesische Justiz, gegen Menschenrechtsverletzungen im Knast – und auch gegen die eigene Gier. ISBN: 978-3-8419-0699-1
Preis: 17,95 Euro

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