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Märchen werden immer erzählt – nicht nur im Winter

Hagen.   Der Winter ist die Zeit der Märchen? Erzählforscher Hans-Jörg Uther erklärt, ob das stimmt. Und wie gut kennen Sie sich mit Märchen aus?

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Es wird kälter. Und dunkler. Also brauchen wir Geschichten. Und nicht irgendwelche. Der Literaturwissenschaftler und Erzählforscher Hans-Jörg Uther (73) ist Deutschlands führender Märchenexperte. Mehr als 40 Jahre lang hat er in Göttingen an der Enzyklopädie des Märchens mitgearbeitet und mehr als 70 Bücher veröffentlicht. Regelmäßig veranstaltet er auch Tagungen an der Ev. Akademie, früher in Iserlohn, heute in Schwerte. 2017 zu: Märchen und Geschichten zur Weihnachtszeit.

Was haben Märchen und Weihnachten miteinander zu tun?

Hans-Jörg Uther: Zunächst wenig. Zeiten und auch Jahreszeiten spielen in Märchen eine sehr untergeordnete Rolle. Deshalb können wir normalerweise nicht von Weihnachtsmärchen sprechen.

Aber?

Aber im 19. Jahrhundert haben die Theater Kinder als Publikum entdeckt. Man führt in der Vorweihnachtszeit Stücke speziell für sie auf. Das funktioniert sehr gut. An den Theatern heißt das „Weihnachtsmärchen“, auch wenn es sich nicht immer um Märchen handelt, sondern zum Beispiel auch um „Emil und die Detektive“.

Wintermärchen gibt es aber schon...

Es sind nicht sehr viele, die Schneekolorit haben. „Frau Holle“, „Brüderchen und Schwesterchen“ oder von Hans Christian Andersen „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern“, „Der Tannenbaum“ oder „Die Eisprinzessin“.

Ist der Winter nicht die Zeit, in der man sich einst Märchen erzählte?

Die Vorstellung wird gepflegt. „Geschichten am Kaminfeuer erzählt“ heißen Sammelbände. Das ist seit dem 18. Jahrhundert ein Buchgenre: „Geschichten zur Weihnachtszeit“ oder „A Christmas Carol“ von Charles Dickens.

Und das ist reines Marketing?

Natürlich hatte die bäuerliche Familie im Winter mehr Zeit, sich um sich selbst zu kümmern. Aber erzählt wird immer und überall.

Weihnachten ist märchenmäßig gar nicht bedeutsam?

In einer Hinsicht schon: Das alte Bauernjahr in Agrarregionen endete im November. Dann liefen die Arbeitsverträge aus, es war eine Zeit des Umbruchs, der Unruhe. Vor den Festtagen waren, so der Volksglaube, viele Geister unterwegs, es spukte mehr, Trolle trieben ihr Unwesen. Und in der Christnacht begannen die Tiere zu sprechen. Dazu kommen die Geschichten um die Heiligen, Barbara, Nikolaus und St. Martin.

Wie sind Sie denn zu den Märchen gekommen?

Zufall. Während meines Lehrerstudiums in Göttingen (Germanistik, Volkskunde, Geschichte) wurde eine Arbeitsstelle bei der Enzyklopädie des Märchens geschaffen. Dort fing ich 1971 als studentische Hilfskraft an. 1973 wurde eine Redakteursstelle frei, und ich griff zu. Bis 2015 habe ich die Institution geleitet. 16 Jahre lang war ich auch Professor für Literaturwissenschaft an der Uni in Essen. Aber meine professionelle Beschäftigung damit dauert schon 46 Jahre.

Was ist ihr liebstes?

Ich mag die humorvollen gerne, „Hans im Glück“, „Die Bremer Stadtmusikanten“ oder „Der gestiefelte Kater“. Beim deutschen Publikum stehen seit Jahren „Schneewittchen“, „Hänsel und Gretchen“ und „Rotkäppchen“ ganz oben.

Haben Märchen heute noch so viel Bedeutung wie früher?

In den 1970ern gab es viel Kritik: Das Frauenbild sei veraltet, Fleiß und Gehorsam würden überbewertet, die Geschichten seien zu grausam für Kinder. Manches davon war richtig. Aber Kinder haben kein Problem mit Grausamkeit, wenn Gut und Böse klar erkenntlich sind und das Gute siegt. Heute haben Märchen wieder einen hohen Stellenwert. Bruno Bettelheims Buch „Kinder brauchen Märchen“, das 1977 in Deutschland erschien und eine psychoanalytische Perspektive einbrachte, hat das Bild zum Positiven verändert. Inzwischen hat sich die Medienlandschaft verändert, es gibt viel mehr Konkurrenz um die Aufmerksamkeit der Kinder. Aber gut gemachte Märchenfilme im Fernsehen halten die Geschichten im Bewusstsein. Und die laufen besonders in der Weihnachtszeit.

Erwachsene bleiben fasziniert?

Meine Seminare für diesen Personenkreis sind stets ausgebucht. Und die Europäische Märchengesellschaft hat in Deutschland 2500 Mitglieder – so viele wie die Goethe- oder Schiller-Gesellschaft.

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