Gesundheit

Drucker und Zigaretten: Es gibt Schlimmeres als Dieselautos

Bereits vor zehn Jahren wurde der Märkische Ring in Hagen wegen überschrittener Feinstaub-Werte für Lkw gesperrt.

Bereits vor zehn Jahren wurde der Märkische Ring in Hagen wegen überschrittener Feinstaub-Werte für Lkw gesperrt.

Schmallenberg/Hagen.   Beim Thema Feinstaub spielen Autos nicht die Hauptrolle. Ein Schmallenberger Lungenspezialist hält die Debatte daher für Hysterie.

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Nicht nur über E-Auto-Quoten, Fahrverbote und die Nachrüstung von Diesel-Fahrzeugen wird gestritten, sondern auch über tatsächliche Gefährdung, die von Stickoxiden und Feinstaub überhaupt ausgeht. Ein Überblick über den Stand der Forschung und der Diskussion.

Die Alarmisten

38 000 Menschen seien 2015 vorzeitig gestorben, weil Dieselfahrzeuge die Abgaswerte nicht eingehalten haben, 11 400 davon in der EU. Insgesamt seien in dem Jahr durch Stickoxide aus Dieselautos in den größten elf Autoländern 107 600 Menschen vorzeitig zu Tode gekommen. Das hat ein Team von Environmental Health Analytics in Washington hochgerechnet.

Der Skeptiker

„Ich verstehe die Hysterie um Feinstaub nicht“, sagt Prof. Dieter Köhler. Der Lungenspezialist, zeitweise Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und bis 2013 ärztlicher Direktor des Fachkrankenhauses Kloster Grafschaft: „In den Mengen, über die wir reden, ist er keine Gesundheitsgefährdung. Zigarettenrauch hat millionenfach mehr Feinstaub als die Luft an Hauptverkehrsstraßen.“

Die Probleme der Forscher

Die überwältigende Mehrheit der Wissenschaftler sieht einen statistischen Zusammenhang zwischen Stickstoffdioxid und negativen gesundheitlichen Auswirkungen. Allerdings ist es aus mehreren Gründen schwierig, einen direkten Ursache-Wirkung-Zusammenhang nachzuweisen: Stickstoffdioxid kann die Bildung von Ozon fördern und zu mehr Feinstaub führen – beides gefährdet die Atemwege und das Herz-Kreislauf-System –, tritt aber nicht isoliert auf. Und auch die Kombination findet man in einer so niedrigen Dosierung, dass auf dieser Basis keine aussagekräftigen Tierversuche möglich sind. Und die vergleichenden Langzeit-Studien von Bevölkerungsgruppen, die an stark befahrenen Straßen wohnen und abseits, weisen zwar Unterschiede auf, doch diese sind gering. „In dieser Größenordnung können kleinste Störfaktoren das Ergebnis massiv beeinflussen – etwa ob jemand im Monat eine Zigarette mehr raucht, als er angegeben hat, oder ob er seine Blutdruckmedikamente nicht so regelmäßig einnimmt wie er sollte“, gibt Dieter Köhler zu bedenken.

Die Quellen des Feinstaubs

Der weitaus größte Teil des Feinstaubs in der Luft kommt nicht von Autoabgasen, sondern hat natürliche Ursachen: Auf- und absteigende Luft wirbelt Dreck auf. Auch beim Autoverkehr kommt nur der kleinere Teil des Feinstabs aus dem Auspuff: Reifenabrieb, Verwirbelungen und Bremsen erzeugen deutlich mehr – daran würden auch Elektroautos nichts ändern. Laut Umweltbundesamt übersteigen inzwischen die Emissionen aus Holzheizungen die des Straßenverkehrs. In Köln und Düsseldorf stammt rund ein Viertel der Stickoxide vom Schiffsverkehr auf dem Rhein. Ein großer Anteil des Feinstaubs stammt auch aus der Landwirtschaft: Beim großflächigen Düngen mit Gülle wird sehr viel Ammoniak freigesetzt, aus dem Feinstaub entstehen kann.

Vergleichszahlen

Zwischen 1990 und 2014 haben sich die Stickoxid- und die Feinstaubbelastung mehr als halbiert: Die Maßnahmen wirken. Die Luft wird sauberer. Die Grenzwerte sind allerdings sehr unterschiedlich festgelegt: An Straßen dürfen 40 Mikrogramm Stickstoffdioxid im Kubikmeter Luft sein, am Arbeitsplatz im Innenraum mehr als 20 Mal so viel: 950 Mikrogramm. Kopierer und Laserdrucker sind so betrachtet um ein Vielfaches gefährlicher als Dieselautos.

Die Zigaretten

Wissenschaftler vom Krebsinstitut in Mailand ließen 2004 in einer geschlossenen Garage einen Ford Mondeo Turbodiesel eine halbe Stunde laufen. Sie maßen Feinstaubwerte, lüfteten und brannten im gleichen Raum in der gleichen Zeit drei Zigaretten ab. Die Belastung war zehn Mal so hoch.

Das Fazit

Dr. Ulrich Franck vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig sieht „aus Kenntnis der Literatur und aus eigenen Studien(...) Hinweise auf eine die menschliche Gesundheit schädigende Wirkung von Stickstoffdioxid“, schätzt die Risiken im Vergleich zu anderen Risiken allerdings als geringer ein. Prof. Nino Künzli vom Schweizerischen Tropen- und Public-Health-Institut in Basel hält eine „auch mit weniger Stickoxiden belastete Stadtluft für gesünder“. Das alles heißt: Weniger verbrannte fossile Energien, weniger Verkehr und sauberere Luft sind besser. Aber Diesel-Pkw-Abgase sind, anders als man derzeit den Eindruck haben könnte, keines unserer wichtigsten Gesundheits-Probleme.

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