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Es ging von Anfang an ums Geld

Nie ohne Smartphone oder Tablet: Die sozialen Medien sind für die junge Generation eine natürliche Umgebung, meint der Medienwissenschaftler.

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Nie ohne Smartphone oder Tablet: Die sozialen Medien sind für die junge Generation eine natürliche Umgebung, meint der Medienwissenschaftler. Foto: Getty Images

Siegen.   Forschung in Siegen: Von den Anfängen der Kreditkarte zu den sozialen Medien.

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Am Neuen ist selten alles neu. Deshalb blickt der Siegener Medienwissenschaftler Sebastian Gießmann, der sich mit Netzaktivismus und digitalen Bürgerrechten, mit Kulturtechniken der Kooperation und mit sozialen Medien befasst, derzeit zurück.

Auf die amerikanische Kreditkarte in den 1950er Jahren, auf American Express und Diners Club, auf ein damals neuartiges Angebot für Geschäftsleute: „An diesen Plattformen der US-Bankenwirtschaft lässt sich der Aufbau von Infrastrukturen untersuchen. Also: Was muss man Händlern und Karteninhabern bieten? Wie hoch können die Gebühren sein? Was wird akzeptiert? Da werden die Akteure ähnlich vernetzt und vergleichbar auf die Plattform geholt wie bei Facebook heute.“

Finanzdienstleister als Pioniere

Dass Finanzdienstleister Pioniere bei der Datenerhebung, -vernetzung und -auswertung sind, liegt in der Natur der Sache. Geldgeber wollen wissen, wie zahlungsfähig ihr Kunde ist. Die erste private Agentur zur Ermittlung von Kreditwürdigkeit entstand 1841 in Brooklyn, weiß Gießmann: „Da gibt es auch einen Bericht über die Kreditwürdigkeit von Abraham Lincoln.“ Die Schufa, die Schutzgemeinschaft für allgemeine Kreditsicherung, die heute drei Viertel der Deutschen erfasst hat, entstand in den 1920er Jahren, als die Berliner Elektrizitätsgesellschaft auf Raten finanzierte Haushaltsgeräte verkaufte und ein System zur Beurteilung des Zahlungsverhaltens entwickelte.

Der Medienwissenschaftler sieht „eine erstaunliche Kontinuität“ beim Einsatz dessen, was heute Scoring genannt wird: „Wer heute online aufwächst, baut sich eine Reputation auf, die gemessen wird. Und auf einmal kann man dann vielleicht einen Vertrag nicht abschließen.“

Das mag daran liegen, dass man in einem Migrantenviertel lebt oder an völlig anderen, unkontrollierbaren Datenverbindungen. „Das ist völlig intransparent“, bemängelt Gießmann. „Selbst die Schufa musste sich teilweise öffnen.“ Dazu stelle sich die Frage, wie gut die Basisdaten überhaupt seien, wie gut erhoben und wie sinnvoll korreliert: „Alles ist kontextabhängig. Eine rein quantitative Auswertung von ‚Big Data‘ aus verschiedenen Quellen lässt das weg.“

„Desillusionierung“ ist ein wichtiger Begriff im Medien-Diskurs der letzten Jahre. Viele Hoffnungen auf einen Zugewinn an individueller Freiheit, an kooperativer Kommunikation, an emanzipatorische Formen von Öffentlichkeit, auf mehr Demokratie haben sich nicht erfüllt. „Die Dauerüberwachung ist da“, sagt Gießmann. Wenn Facebook, Twitter und Google Funktionen der massenmedialen Öffentlichkeit übernähmen, sei es vorbei mit der anonymen Nutzung, wie sie Rundfunk und Zeitung ermöglichten: „Oder man muss sich sehr viel Mühe geben.“ Nur in einer kurzen Phase, von den 1970ern bis zu den 1990er Jahren habe das Recht auf eigene Daten eine wichtige, juristisch durchsetzbare Rolle gespielt.

Es fehlt „Privacy by Design“

Seit den 2000ern würden alle Datenquellen vernetzt, und es sei sehr schwer sich zu entziehen: „Schutzmechanismen sind im Arbeitsalltag kaum durchzuhalten. Und privat muss man zum Verschlüsseln technisch sehr versiert sein. Was wir bräuchten, wäre ‚Privacy by Design‘, aber das wird kaum gemacht.“

Und die Jugend? „Die sozialen Medien sind für die junge Generation eine natürliche Umgebung, in der man handelt. Dass dabei Daten aggregiert werden, dass mit denen etwas passiert, ist allen klar. Aber man ist bereit, mit Daten zu bezahlen.“ Gießmann sieht manche besser gerüstet als andere, Info-Eliten, die auf der Popularitätswelle elegant surfen und weniger Kompetente. Fehlt es nicht generell an kritischem Bewusstsein? In den Chor mag der Medienwissenschaftler nicht einstimmen: „Jede Generation wählt ihre Medien selbst. Das dann zu kritisieren, hat eine sehr lange Tradition.“

Was ihn umtreibt ist die Sorge vor der kompletten Ökonomisierung der Netzkommunikation, die Frage danach, was heute Öffentlichkeit ist, wie Partizipation und freie Rede zu sichern sind: „Die Kategorien des Öffentlichen und des Privaten müssen neu verhandelt werden.“

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