Vortrag

Ex-Google-Chef: Gefährlich an Digitalisierung ist Unwissen

Christian Baudis, von 2006 bis 2008 Google-Deutschlandchef, erklärte in der Märkischen Bank in Hagen zu deren 120. Geburtstag, wie er die Zukunft durch Digitalisierung sieht.

Christian Baudis, von 2006 bis 2008 Google-Deutschlandchef, erklärte in der Märkischen Bank in Hagen zu deren 120. Geburtstag, wie er die Zukunft durch Digitalisierung sieht.

Foto: Michael Kleinrensing

Hagen.   Die Welt wird sich immer schneller verändern. Nur wer sich digitales Wissen aneignet, wird bestehen, glaubt der Digitalexperte Christian Baudis.

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120-Jähriges feiert die Märkische Bank in diesen Tagen. Seit der Gründung der Genossenschaftsbank in einer Wurstküche beim Metzger im Hagener Ortsteil Boele hat sich viel verändert. Ist doch klar. Wir befinden uns im Zeitalter der Digitalisierung. Aber was bedeutet das für unsere Gesellschaft? „Die Gefahr bei diesem Thema ist, dass wir uns nicht auskennen“, warnt Christian Baudis, ehemals Chef von Google-Deutschland. Heute ist er Start-up-Sucher und -Finder - und tritt als Erklärer der digitalen Welt auf, wie bei der Geburtstagsfeier in der Hagener Bankzentrale.

Was uns erwartet

Nach Baudis’ fester Überzeugung wird sich vor allem die Geschwindigkeit des Wandels verändern: „Alle Märkte werden sich drehen, und es wird auf alle Fälle noch wesentlich schneller werden.“

Beispiel Auto: Früher dauerte es gerne ein dreiviertel Jahr von der Bestellung bis zur Auslieferung, heute zwei Monate. „In Zukunft wird es so sein, dass ich morgens beim Händler anrufe und abends das Auto vor der Tür steht.“ Übertrieben? Baudis leitet seine Beschleunigungsthese ab vom Internethandel. Seine Erkenntnis beruht auf eigener Erfahrung beim weltgrößten Onlinehändler. Innerhalb von Stunden lande Bestelltes nach dem Klick bei ihm zuhause. Die Erklärung: Der Onlinehändler sei perfekter Datensammler, wisse, was wer wann bestellen wird. Urlaube, Dienstreisen - alles werde berechnet, das Produkt entsprechend auf Abruf vorgehalten.

Der Mensch-Maschine-Punkt

Eine Revolution sieht Baudis durch Sensorik kommen – und nennt reale Beispiele: Weinbauern, die Rebstöcke mit Sensoren versehen und jederzeit wissen, wie es den Trauben geht. Sind sie zu trocken? Ist es zu feucht? Greift die Reblaus an? Eine enorme Arbeitserleichterung.

Oder: Google hat eine Linse für Diabetiker entwickeln lassen, die über die Tränenflüssigkeit im Auge den Blutzuckerwert misst und dem Erkrankten per App zu jeder Zeit den Gesundheitszustand meldet. „Wir sind am Mensch-Maschine-Punkt angekommen.“ Beinahe unglaublich: Sensoren, die Computerchips und das Gehirn per Sensor verknüpfen. Möglicherweise werde diese Entwicklung dafür sorgen, dass Querschnittgelähmte wieder gehen könnten. Ein Beispiel eines Bein amputierten Bergsteigers mit Roboterfüßen gebe es bereits.

Leichter vorstellbar: Siliconpflaster mit Sensoren, die Blutdruck, Plus, Herzfrequenz auf eine App übertragen könnten. „In fünf Jahren können Sie das Pflaster im Drogeriemarkt kaufen“, versichert Baudis. Ob das stimmt? Es scheint jedenfalls, als könne die Welt in fünf Jahren zweimal auf den Kopf gestellt werden.

Big Data

Als Google vor ein paar Jahren seine Kameraautos jeden Straßenzug in Deutschland fotografieren ließ, gab es die Frage nach Datenschutz.

Der Suchmaschinenriese, erklärt Baudis, habe damals vorbereitet, worum es heute gehe: Die Vermessungsdaten wurden gesammelt, um autonomes Fahren möglich zu machen. „Die Google-Autos werden keine Unfälle bauen“, behauptet der ehemalige Manager. Die Automobilhersteller müssten sich mehr mit dieser Entwicklung beschäftigen. Elektromobilität sei zweitrangig.

„Die Kunst ist die schnelle und richtige Verdichtung von Daten. Das kann nur ein Prozent aller Unternehmen“, sagt Baudis. Im Wesentlichen verändern demnach die großen Digitalkonzerne und die kleinen Start-ups die Welt. In Deutschland würden Start-ups zu wenig gefördert, deshalb kämen erfolgreiche Innovationen aus den USA. Hier sei der Staat gefragt, denn erfolgreiche Start-ups schafften neue Arbeitsplätze - „viele alte werden wegfallen“. Ansonsten solle sich der Staat am besten heraushalten. Die Digitalwirtschaft könne sich über eine Selbstverpflichtung am besten selbst regulieren, meint Baudis.

Die Zweifel und die Botschaft

Eine Vorstellung, die nicht nur den Aufsichtsrat der Märkischen Bank zu Skepsis veranlasst: „An diesem Punkt habe ich so meine Zweifel“, sagt Wolfgang Kirchhoff, als Mitinhaber und Geschäftsführer des gleichnamigen Sauerländer Unternehmens durchaus mit der Digitalisierung und Industrie 4.0 vertraut.

Aber gerade wegen dieser Zweifel scheint es geboten, dem Rat des früheren Google-Deutschland-Chefs zu folgen: Unternehmen, ältere wie jüngere Menschen, alle sollten sich mit Digitalisierung beschäftigen, sich fortbilden und möglichst eng mit dem Thema anfreunden – um den Wandel zu verstehen und mitgestalten zu können, lautet Baudis Botschaft. Vielleicht gilt dann auch in Zukunft noch die Überzeugung von Hermann Backhaus, Chef der Märkischen Bank: „Bei aller Digitalisierung steht eine Genossenschaftsbank immer für Menschen.“

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