Sprache

Fehler-Fetisch? Eine Lektorin über zwanghaftes Korrigieren

Dr. Carina Middel, zertifizierte Lektorin aus Sundern.

Dr. Carina Middel, zertifizierte Lektorin aus Sundern.

Foto: WP / HO

Hagen/Sundern.  Carina Middel ist zertifizierte Lektorin. Warum sie Leerzeichen manchmal nervös machen und wie sich WhatsApp auf die Sprache auswirkt.

Fehler sind nicht schön. Sie passieren uns hier leider auch. Wir hatten schon tolle Dinger bei uns in der Zeitung. Sogar in Schlagzeilen auf der ersten Seite: „NRW will Deutschkenntnisse von Ausländerkinder stärker fördern.“ Und vielleicht baue ich Ihnen gerade hier, an dieser Stelle, einen Fehler ein, der von uns übersehen wird. Dabei gibt es Menschen, deren Aufgabe es ist, Fehler nicht zu übersehen. Dr. Carina Middel ist so einer: Die Sunderanerin arbeitet als Pressesprecherin und zertifizierte Lektorin. Wir reden mit ihr. Über Fehler, Sprache und den Zwang, stets und immer alles Korrektur zu lesen.

Frau Middel, haben Sie heute schon Fehler entdeckt?

Carina Middel: Ja. Das Schöne, aber manchmal auch Anstrengende ist, dass man nicht nur bei der Arbeit, sondern fast überall von Texten umgeben ist. Die lese ich natürlich anders, und da halte ich mich auch mit Verbesserungen zurück.

Das heißt?

Ich weise Menschen nur auf Fehler hin, wenn sie mir den Auftrag dazu geben. Das haben mir meine Geschwister schon früh mit auf den Weg gegeben. Noch heute werde ich von ihnen damit aufgezogen, dass ich sie ständig verbessert habe.

Wie genau?

Sie haben nach dem Komparativ gern wie statt als benutzt. Also zum Beispiel: Hier ist es besser wie zu Hause. Ich war damals mit meinen 12, 13 Jahren ziemlich stolz, sie verbessern zu können (lacht). Heute würde ich das nicht mehr tun. Man muss eine gewisse Sensibilität mitbringen, um den Leuten nicht auf die Füße zu treten.

Haben Sie einen Fehler-Fetisch? Etwas, auf das Sie gern achten?

Das geht, noch fern von Textaufbau oder Stil, auf unterster Ebene bei der Typografie und Zeichensetzung los. Leerzeichen vor Kommata machen mich nervös. Noch schlimmer fast: doppelte Leerzeichen. Manchmal frage ich mich, ob das alles wirklich wichtig ist. Die Welt würde sich nicht viel verändern, wenn das überflüssige Leerzeichen da nicht stünde. Vielleicht ist es einfach eine Berufskrankheit. Ein Schreiner schaut sich Tischkanten auch anders an, als ich das tue.

Ist das schon zwanghaft?

Manchmal ist das schon zwanghaft, fürchte ich. Ich mag auch nicht, wenn Trenn- und Gedankenstriche verwechselt werden. Gedankenstriche sind länger. Word erkennt so etwas oft automatisch, WhatsApp nicht. Da müsste es eigentlich eine Lektoren-Version geben mit Sonderzeichen (lacht). Oder man müsste die langen Gedankenstriche aus externer Quelle einfügen. Aber das mache nicht einmal ich.

Es klingt anstrengend, Sie zu sein.

Nein, das ist es nicht, keine Sorge. Vieles ist mit einem Augenzwinkern verbunden. Es ist nicht wirklich Zwanghaftigkeit, viel eher die Leidenschaft für Sprache. Es geht gegen meine Berufsehre, als Lektorin bestimmte Fehler oder Besonderheiten nicht zu bemerken. Das scheint anderen auch so zu gehen.

Anderen Lektoren?

Während einer Fortbildung saß ich mit anderen Lektorinnen und Lektoren in einem italienischen Restaurant und habe bemerkt, dass wir alle die Speisekarte inspizierten, überflüssige Leerzeichen sahen, die herrliche Vermischung von deutscher und italienischer Sprache, die doch ungewöhnliche Schreibweise mancher Zutaten. Das war total abgefahren. Wir sind kaum zur Bestellung gekommen, weil wir so viel Freude hatten an diesem Chaos. Es ist erleichternd, wenn man feststellt, dass man nicht allein mit seinem Spleen ist (lacht).

Sie hatten Freude an einem sprachlichen Chaos?

Ja. Diese Speisekarte hatte Charme. Man muss Fehler ja nicht immer todernst nehmen, sondern unter manchen Umständen auch mit Humor. Ich bin von Beruf zwar ein Stück weit Besserwisserin und Pedantin, aber es hilft, sich den Sinn für sprachliche Entwicklung und eine Toleranz für sprachliche Anarchie und Vielfalt zu bewahren. Die Speisekarte hatte einen transkulturellen Wert.

Schreiben die Menschen Ihnen noch WhatsApps?

(lacht) Tja, wie soll ich sagen? Ich ertrage es zwar einerseits nur schwer, wenn die Dinge nicht richtig und gut geschrieben sind. Wenn von Gruss bis Strasse – nicht nur in Kurznachrichten – vorsichtshalber alles mit „ss“ geschrieben ist. Oder unachtsam und unpräzise formuliert wird. Es hat schon einen Sinn, korrekt zu schreiben. Denn wie wir uns ausdrücken und schreiben, sagt nicht nur etwas über uns und unsere Haltung gegenüber dem Leser, dem Empfänger der Nachricht, aus, sondern hat auch einen unmittelbaren Einfluss auf den Inhalt und die Wirkung unserer Botschaft.

Andererseits?

Andererseits kommt es immer darauf an, wer da wem in welchem Kontext schreibt. Wenn in der WhatsApp einer Freundin alles kleingeschrieben ist, dann bin ich die Letzte, die sagt, dass das nicht geht. Es gibt ja medial und sozial bestimmte Konventionen und Spielräume. Solange ich da verstehe, was und wie es gemeint ist, ist alles in Ordnung.

Verlernen wir – speziell die jüngere Generation – das Schreiben durch die WhatsApp-Sprache?

Mein erster Impuls ist, ja zu sagen. Ich habe Literaturgeschichte studiert und viele alte Briefe aus dem 18. und Anfang des 20. Jahrhunderts gelesen. Was da selbst einfache Leute für ein Sprachvermögen hatten… Aber der Stil, die Art, wie wir schreiben, hat sich mit der Welt und mit den zur Verfügung stehenden und gängigen Medien verändert. Das ist ja auch normal.

Und ist das gut?

Sprache ist nichts, was man konservieren müsste, sie ist lebendig und bleibt immer im Wandel. Dazu gehört, dass Standards aufweichen, dass zum Beispiel der Genitiv dem Dativ weicht. Gleichzeitig stelle ich aber eine grundsätzliche Nachlässigkeit mit Blick auf Ausdruck und Rechtschreibung fest, nicht nur in den sozialen Medien, sondern zum Beispiel auch in studentischen Arbeiten. Durch die tägliche Menge an Text, die uns umgibt, und die Geschwindigkeit, in der wir mittlerweile kommunizieren, ist das aber auch nicht verwunderlich. Die Tatsache, dass wir die Autonomie als Schreiber an Korrekturprogramme abgeben, spielt da ebenfalls eine Rolle.

Wie stehen Sie zu Fehlern, die aus einem Dialekt heraus entstehen?

Manche Phänomene, die standardsprachlich als Fehler gelten, können dialektal gängig und in regionalen Kontexten nicht nur akzeptiert, sondern gar Ausdruck dieser Regionalität sein. Als Sauerländerin gönne ich natürlich jede Mutter ihr Schnäpsken, während de Vatta noch auf Arbeit is und nachher denn nach Schulten Franz will.

Machen Sie denn auch manchmal Fehler?

Leider schon. Einen seriösen Lektor erkennt man daran, dass er Fehlerfreiheit nicht garantieren kann.

Welcher Fehler ist Ihnen heute noch unangenehm?

Titel-Fehler sind besonders ärgerlich. Ich weiß nicht wie, ich weiß nicht warum, aber mir ist mal der „Jungel der Paragrapfen“ durchgegangen. So viele eindeutige Fehler auf so wenig Raum – und ich habe sie übersehen. Das war wirklich peinlich.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben