Gestrandet

Filipinos leben seit 18 Monaten in ihren Lkw – wie geht es weiter?

Gestrandete philippinische Lkw-Fahrer in Ense.  

Gestrandete philippinische Lkw-Fahrer in Ense.  

Ense.   Acht philipinische Lkw-Fahrer sind im Kreis Soest gestrandet. Sie leben in ihren Lastern. Gewerkschaft stellt Anzeige wegen Menschenhandels.

Das Schicksal der im Kreis Soest gestrandeten acht philippinischen Lkw-Fahrer ist weiter offen. Zwar konnten die Männer, die zum Teil seit 18 Monaten in ihrem 40-Tonner „leben“ und sich nicht eigentlich mehr in der Lage zur Weiterfahrt sehen, seit Freitag in Hotels übernachten, sie wissen aber nicht, wie es weitergeht.

Die Asiaten, die sich zwei Wochen auf einem Betriebsgelände in Ense-Höingen an ihren Lkw aufgehalten hatten, bekommen derzeit von dem dänischen Unternehmen Kurt Beier, bei dem sie mit einem polnischen Arbeitsvertrag angestellt sind, keine Fahraufträge mehr. Nach Gewerkschaftsangaben campieren weitere Filipinos ohne Auftrag auf Autobahnrastplätzen oder in Industriegebieten im Bundesgebiet.

Philippinischer Lkw-Fahrer sagt: "40-Tonner ist eine Todesmaschine"

„Ich habe seit 18 Monaten endlich wieder in einem richtigen Bett geschlafen“, sagt Roy (54), einer der acht Fahrer, „ich bin happy.“ Es ist nur eine vorübergehende Freude, weiß Edwin Atema von der niederländischen Gewerkschaft FNV. Er hat Strafanzeige wegen Menschenhandels, Ausbeutung der Arbeitskraft und Zwangsarbeit gestellt. „Die Filipinos sind die größten Opfer eines freien Europas. Sie haben keine Rechte.“ Bis zu 5000 Euro hätten sie aufbringen müssen, um in das „soziale Europa“ zu kommen, wie ihnen vorgegaukelt worden sei.

In Polen erhielten sie von einer mutmaßlichen Kurt-Beier-Briefkastenfirma Arbeitsverträge und Lkw-Schlüssel. Seitdem fuhren sie in Westeuropa – als Auftraggeber fungierte u.a. die Spedition in Ense –, mussten Lenk- und Ruhezeiten missachten und in ihren Führerhaus-Kabinen schlafen. So viel Stress, dass sie mittlerweile Sorge haben, zur Gefahr für andere Verkehrsteilnehmer zu werden. „Mein 40-Tonner ist eine Todesmaschine“, sagt einer der Fahrer.

Laster-Fahrer erhalten Grundlohn von 500 Euro

„Die EU-Richtlinie zur Entsendung von Arbeitnehmern ins EU-Ausland sieht vor, dass für diese die Bestimmungen des Arbeitsortes gelten“, sagt Michael Wahl vom Projekt „Faire Mobilität“ des DGB, „wenn sie in Deutschland fahren, müssen sie den gesetzlichen Mindestlohn bekommen.“ Die philippinischen Lkw-Fahrer erhielten als „Vergütung“ einen Monats-Grundlohn von unter 500 Euro, mit Spesen wären es 1000 Euro.

Zum Vergleich: Lkw-Fahrer aus Osteuropa kommen alles in allem auf 1500 Euro. Problem für die Filipinos: Fahren sie nicht, fehlen ihnen am Ende des Monats hunderte Euro. In der Regel, so Wahl, gehen 700 bis 800 Euro ihrer „Vergütung“ in die Heimat – um die Familie zu ernähren. „Sie haben Angst und fragen sich, ob sie sich wehren können und dabei ihren Job riskieren.“

Speditionen beauftragen Subunternehmer aus Osteuropa

Osteuropäische Staaten haben ein Geschäftsmodell zum Export von EU-Dienstleistungen entwickelt: Indem Spesen bzw. Tagespauschalen an Lkw-Fahrer gezahlt werden, die höher sind als der Grundlohn, fallen für Arbeitgeber deutlich weniger Steuern oder Sozialabgaben an.

Folge: Große Speditionen beauftragen zunehmend günstige Subunternehmer aus Osteuropa – die es womöglich mit Löhnen und Arbeitsbedingungen nicht ganz so ernst nehmen. „Es gibt viel zu wenig Kontrollen“, kritisiert Michael Wahl, „da riskieren Arbeitgeber lieber Bußgelder.“

Staatsanwaltschaft Arnsberg ermittelt

Thomas Poggel von der Staatsanwaltschaft Arnsberg bestätigt Ermittlungen. „Allerdings gegen keinen konkreten Beschuldigten.“

Gewerkschafter Atema wünscht sich mit Blick auf niederländische und dänische Behörden hierzulande mehr Nachdruck: „Die Fahrer müssen mehr geschützt werden. Die rechtlichen Mittel gibt es.“

„Beanstandungen“ bei einer Kontrolle der philippinischen Fahrer

Das Bundesamt für Güterverkehr hat „Beanstandungen“ bei einer Kontrolle der philippinischen Fahrer in Ense festgestellt. „Die derzeitige Rechtslage“, so Sprecher Horst Roitsch, lasse es aber nicht zu, „die Weiterfahrt mit dem Ziel zu untersagen, dass die Fahrer die regelmäßige Wochenruhezeit in einer festen Unterkunft mit geeigneter Schlafmöglichkeit verbringen“. Edwin Atema: „Der tägliche Überlebenskampf der philippinischen Lkw-Fahrer, ihr Albtraum in menschenunwürdigen Verhältnissen geht weiter.“

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