Stress

Freche Schüler, garstige Eltern – Was Lehrer krank macht

Schulalltag: Lehrer leiden immer öfter unter Stress und Depressionen.

Schulalltag: Lehrer leiden immer öfter unter Stress und Depressionen.

Foto: Wolfram Kastl/dpa

Lüdenscheid.   Immer mehr Lehrer werden psychisch krank. Woran das liegt und wie geholfen wird, erklärt ein Lüdenscheider Klinikdirektor.

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Der Druck an den Schulen steigt, immer mehr Lehrer in NRW werden krank. Vorlaute Schüler, Eltern mit überzogenen Erwartungen und wachsende Aufgaben – mit diesen Faktoren werden die Lehrkräfte konfrontiert. Psychisch bedingte Krankschreibungen sind die immer häufiger eintretende Folge.

Dr. Gerhard Hildenbrand (57), Klinikdirektor für psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Klinikum Lüdenscheid, über Ursachen, Behandlung und Perspektiven.

Was macht unsere Lehrer krank?

Dr. Gerhard Hildenbrand: Wenn man es ganz einfach beantwortet: Stress. Lehrer leiden immer öfter unter sogenannten Stressfolgeerkrankungen wie hohem Blutdruck, Herz-Kreislauf-Beschwerden, Schmerzerkrankungen, aber auch unter seelischen Störungen wie Depressionen und Angstzuständen. Diese Erkrankungen begründen häufig längere Arbeitsunfähigkeitszeiten und können auch zum vorzeitigen Ausscheiden aus dem Erwerbsleben führen. Es entsteht schnell ein Teufelskreis. Durch den Ausfall der einen wird die Belastung der anderen immer größer.

Wie entsteht denn der Stress?

Dr. Hildenbrand: Die Krankentagesquote bei Lehrern in NRW lag im vergangenen Jahr bei 6,3 Prozent. Lustlose und unverschämte Schüler, garstige Eltern mit überzogenen Erwartungen, wachsende Klassenverbände und Aufgabenbereiche – mit diesen Faktoren müssen sich Pädagogen auseinandersetzen.

Welche spezifischen Risikofaktoren für Lehrer gibt es an Schulen?

Dr. Hildenbrand: Manchmal herrscht in Schulen ein Lärm, der unter industriellen Bedingungen nicht tolerabel wäre. Zudem wachsen die Aufgaben. Es wird ständig kolportiert, dass Lehrer immer nur vormittags arbeiten würden und dazu so viele Ferien hätten. Ein Vorurteil, das überhaupt nicht zutrifft. Lehrer haben häufig Arbeitswochen von über 50 Stunden und müssen gleichzeitig Wissen vermitteln, Erziehungsaufgaben übernehmen, zwischenmenschliche Krisen auffangen und die Organisation in der Schule aufrecht erhalten. Im Gegensatz zu anderen Berufsgruppen haben Lehrer auch kaum störungsfreie Pausenzeiten, sondern müssen dort Aufsicht oder Gespräche mit besorgten Eltern führen. Und wer sich nicht gut abgrenzt, der wird auch noch abends von Eltern oder Vorgesetzten in Anspruch genommen.

Welche Rolle spielen dabei die einzelnen Schulformen?

Dr. Hildenbrand: Heute gehen die allermeisten Kinder, die etwas erreichen wollen, auf Realschulen oder Gymnasien. In den Hauptschulen finden sich viele Kinder mit Lernschwierigkeiten, aber auch zunehmend traumatisierte Kinder mit Migrationshintergrund, Probleme in der Erziehung durch die Elternhäuser kommen hinzu. So sind Disziplin- und Motivationsschwierigkeiten gerade in dieser Schulform am ausgeprägtesten. Manche Lehrer versuchen dort, den Problemen mit Elternabenden entgegenzuwirken – und dann kommen manchmal von 30 Kindern vielleicht zwei Eltern. Das ist auf Gymnasien schon anders.

Einer aktuellen Statistik zufolge fühlen sich 40 Prozent aller Lehrer, die sich in den ersten fünf Berufsjahren befinden, unzureichend auf den Job vorbereitet. Woran liegt das?

Dr. Hildenbrand: Junge Lehrer sind fachspezifisch gut ausgebildet, verfügen aber noch nicht über Erfahrungen im Umgang mit schwierigen Unterrichtsituationen, z.B. mit Konflikten mit aggressiven oder provozierenden oder unmotivierten Schülern oder mit ansprüchlichen oder erbosten Eltern.

Ist es vor allem so, dass jüngere, wenig erfahrene Lehrer psychologische Betreuung suchen?

Dr. Hildenbrand: Nein. Ein Großteil der Patienten hier ist 50plus. Jüngere Lehrer fürchten häufig, die Inanspruchnahme von Psychotherapie könnte Auswirkungen auf das weitere berufliche Fortkommen haben. Besonders schlimm ist es für diejenigen, die noch nicht verbeamtet sind. Das Bekanntwerden einer psychischen Erkrankung kann im schlimmsten Falle eine Verbeamtung erschweren. Das spielt bei Älteren keine Rolle mehr. Diese Regelung erscheint völlig realitätsfern, denn eigentlich müsste eher die Nichtbeanspruchnahme von Psychotherapie trotz seelischer Beeinträchtigung ein Ausschlusskriterium für eine Verbeamtung sein.

Viele versuchen, die Probleme zu verdrängen.

Dr. Hildenbrand: Das Problem mit psychischen Erkrankungen ist in aller Regel, dass die Betroffenen oder auch die sie beratenden Hausärzte zu lange warten, den Schritt in Richtung psychotherapeutischer Behandlung zu gehen. Viele kommen zu uns und sagen, dass sie schon seit Jahren Probleme haben, aber immer versucht haben, sich durchzubeißen. Das verschlechtert durchaus auch die Prognose, der zu betreibende Aufwand bis zur Gesundung ist in solchen Fällen deutlich höher.

Kommen ältere Lehrer mit der Absicht zu Ihnen, womöglich leichter in Frühpension gehen zu können?

Dr. Hildenbrand: Ich würde dies niemandem unterstellen wollten, das Thema ist da. Aber: Etwa drei Viertel älteren Lehrer, die zu uns kommen, möchten an ihren Arbeitsplatz zurückkehren, der ihnen sehr lange sehr viel Spaß machte und sie wollen ihr Berufsleben nicht als kranke Frau oder kranker Mann beenden.

Wenn nun jemand mit psychischen Problemen zu Ihnen kommt, wo setzen Sie die Hebel an?

Dr. Hildenbrand: Am Anfang stehen ein bis mehrere ambulante Diagnosegespräche, um das genaue gesundheitliche Problem bestimmen zu können. Manchmal reichen schon zwei bis drei Termine, in denen man naheliegende Lösungsmöglichkeiten bespricht. Bei anderen sind es auch private Lebensumstände, die dafür sorgen, dass man sich im Job depressiv fühlt. Viele haben hohe Idealvorstellungen, einen perfektionistischen Anspruch, können auch nicht „nein“ sagen oder mal Verantwortung an andere abgeben. Dann muss im Rahmen einer Therapie herausgefunden werden, warum dieser Mensch solche Persönlichkeitseigenschaften entwickelt hat. Im Anschluss erarbeiten wir gemeinsam Problemlösungen, die natürlich zum Menschen passen müssen. Es nützt also wenig, nur mit Verhaltenstipps zu arbeiten.

Wie lange dauert eine derartige Therapie?

Dr. Hildenbrand: Eine ambulante Psychotherapie dauert im Durchschnitt – egal, bei welchem Menschen – 25 bis 50 Sitzungen, also knapp über ein Jahr. Stationäre Behandlungen laufen meist über sechs bis acht Wochen.

Wie hoch schätzen Sie die Erfolgsquote?

Dr. Hildenbrand: Ich würde sagen, dass bei knapp 80 Prozent die Wiedereingliederung in den Beruf gelingt.

Und die Rückfallquote?

Dr. Hildenbrand: Da haben wir keine genaue Langzeitstatistik, aber circa 10 bis 15 Prozent der bei uns Behandelten suchen zu einem späterer Zeitpunkt nochmalige Beratung, wobei das durchaus erwünscht ist. Das Ziel ist in erster Linie, dass der Patient im Fall einer neuerlichen seelischen Krise – die jeden erwischen kann – nicht zögert, Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Welche Entwicklung erwarten Sie für die Zukunft?

Dr. Hildenbrand: Momentan zeichnet sich nicht ab, dass die Stressbelastung und die Anzahl der Stressfolgeerkrankungen geringer wird. Das hat mit einer sich verändernden Gesellschaft zu tun, mit Leistungs- und Wettbewerbsdruck als Folge der ökononischen Globalisierung, mit Digitalisierung, Beschleunigung von Arbeitsprozessen sowie geforderter Flexibilität, was den Arbeitsstandort angeht. Gerade auch im Schulwesen. Viele Lehrer müssen häufiger mal den Standort wechseln, weil Schulen zusammengelegt oder geschlossen werden oder irgendwo Lehrermangel herrscht. Das ist gerade auch in NRW ein Thema.

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