Fußgänger

Fußgänger-Verband: Schritt für Schritt zu mehr Raum

Jürgen Breuning ist im Fachverband Fußverkehr Deutschland - kurz FUSS e.V. - akitv.

Jürgen Breuning ist im Fachverband Fußverkehr Deutschland - kurz FUSS e.V. - akitv.

Foto: Rolf Hansmann

Hagen.  In der Diskussion um E-Tretroller auf Gehwegen wurde der Verband „FUSS e.V.“ bundesweit bekannt. In Dortmund gibt es eine Ortsgruppe.

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Von Rolf Hansmann


Jürgen Breuning ist gut zu Fuß. Schnellen Schrittes geht der 59-Jährige auf dem Bürgersteig der Hagener Bahnhofstraße. Gerade noch hat er über die „Richtlinie für die Anlage von Stadtstraßen“ der Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen gesprochen. Demnach beträgt die ausreichende Gehwegbreite 2,50 Meter („zwei Fußgänger sollen sich begegnen können“). Er zeigt auf das Halteverbotsschild – ein Hindernis mitten auf dem Bürgersteig –, auf die Tische und Stühle eines Schnellrestaurants sowie auf den aus seiner Sicht überflüssigen Parkstreifen neben dem Fußweg, da sich gegenüber ein Parkhaus befindet. Von wegen 2 Meter 50 für Fußgänger. „Roland Stimpel hat durchaus Recht, wenn er davon spricht, dass der Fußgängerraum die Resterampe des öffentlichen Raums ist.“

Bundesweit bekannt

Roland Stimpel ist Sprecher von FUSS e.V. Der sogenannte Fachverband Fußverkehr Deutschland wurde in der Diskussion um E-Tretroller bundesweit bekannt. Die Fußgänger-Lobby schaffte es zusammen mit anderen Mitstreitern, dass Bundesverkehrsminister Scheuer von seinen Plänen einer Zulassung der E-Scooter auch auf Gehwegen Abstand nahm. „Eine Schnapsidee“, sagt Jürgen Breuning. Der Stadt- und Verkehrsplaner ist in der FUSS-Ortsgruppe Dortmund aktiv, die auch für Südwestfalen zuständig ist. Breuning hat einst Raumplanung studiert und im Jahr 1987 seine Abschlussarbeit über den „Fußverkehr“ geschrieben. „Damals war das ein exotisches Thema“, sagt er. Die Interessenvertretung hieß zu dieser Zeit noch Fußgänger-Schutzverein und kämpfte auch schon für mehr Platz im öffentlichen Raum.

Politik der kleinen Schritte

„Ja, es wurde in den Jahren schon einiges bewegt“, beschreibt Breuning die Politik der kleinen Schritte. Aber womöglich sind Fußgänger bis heute die fast vergessene Mehrheit der Verkehrsteilnehmer geblieben. Auch wenn die Diskussion um E-Tretroller zu einer „kleinen Renaissance der Fußgänger-Wege“ in der öffentlichen Wahrnehmung geführt habe, wie Breuning findet. Natürlich habe sich die Philosophie der Verkehrsplaner zum Guten verändert, sagt er. Also: erst Nebenflächen planen, dann Fahrbahnen. Natürlich gebe es die Tendenz, Radverkehr mehr auf die Fahrbahn zu verlagern und ihn damit der Sicherheit willen vom Fußverkehr zu trennen. Aber es bleiben die Hindernisse für Fußgänger, die es schon vor 20 Jahren gab und unter pessimistischer Betrachtung auch noch in 20 Jahren geben wird: auf Gehwegen fahrende oder abgestellte Fahrräder, schlechte Beschaffenheiten der Wege und mangelhafte Beleuchtungen, sowie Mülltonnen, Schalt- und Briefkästen, Geschäftsauslagen, Tische und Stühle der Gastronomie, die die Wege blockieren. Muss hier der Gesetzgeber eingreifen? „Nein“, lautet Breunings klare Antwort. Es müssten nur die vorhandenen Gesetze und Verordnungen – zum Beispiel die 2,50-Meter-Gehwegbreite – eingehalten werden. „Aber die Umsetzung wird von den Verwaltungen nicht unbedingt mit Verve betrieben.“ Will heißen: In den Kommunen fehle es an Personal, falsch parkende und haltende Fahrzeuge auf Gehwegen zu kontrollieren – und am Mut, bei Verstößen empfindlichere Bußgelder zu verhängen.

Eltern-Taxis sind eine Dorn im Auge

Aber der Geldbeutel sei nicht alles. Das Bewusstsein der Menschen müsse sich weiter verändern. Breuning denkt an die Smartphone-Nutzer, die sich nicht auf den Weg konzentrieren, und an die sogenannten Eltern-Taxis, die ihm schon lange ein Dorn im Auge sind. „Die Fahrzeuge werden vor Schulgebäuden häufig so angehalten, dass kein Kind mehr daneben gehen kann.“ Dabei befriedige das Zu-Fuß-Gehen den natürlichen Bewegungsdrang – „und die Schüler können sich nach dem Unterricht beim entspannten Gehen so richtig fallenlassen.“

Noch ein weiter Weg

Für Jürgen Breuning selbst ist das Gehen eine optimale Möglichkeit zu entschleunigen und „Details zu sehen, die man bei anderen Geschwindigkeiten nicht erfasst“. Bei aller Schwärmerei weiß der 59-Jährige, dass es noch ein weiter Weg sein wird, bis man Fußgängern den gebührenden Raum lässt. Doch er hat Hoffnung. Die Rahmenbedingungen hätten sich verbessert. Die gesellschaftliche Debatte über umweltverträgliche und nachhaltige Mobilität stärke die kostengünstigste Fortbewegungsart. Ja, Fußgänger haben derzeit einen Lauf.

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