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"Game of Thrones": Warum Mittelalter-Fantasy so fasziniert

"Es herrscht eine starke Bedrohungslage" - diese These können "Game of Thrones"-Fans bestätigen.

"Es herrscht eine starke Bedrohungslage" - diese These können "Game of Thrones"-Fans bestätigen.

Foto: HBO Enterprises /dpa

Siegen.   Je weniger man weiß, um so mehr lässt sich hineinpacken. Der Germanist Nathanael Busch zum Fantasy-Boom. Eine wissenschaftliche Tagung in Siegen.

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Die TV-Serie „Game of Thrones“ ist der Renner, die „Herr der Ringe“-Trilogie lockte Millionen in die Kinos, Mittelalter-Romane erobern Bestseller-Listen und Fantasy-Spielwelten begeistern Jugendliche. Was ist da los? Und wie hängen mittelalterliche Literatur und die Fantasy-Welle zusammen? Solchen und anderen Fragen geht von Donnerstag bis Samstag eine Tagung der Universität Siegen nach. Organisiert hat sie der Germanist Dr. Nathanel Busch.

Was ist so faszinierend an dieser Mittelalter-Fantasy?

Nathanel Busch: Persönlich ­geantwortet: Ich konnte mich als Jugendlicher perfekt in diese ­Welten versenken und erlebte eine Anregung meiner Phantasie. Über diese Mittelalter-Begeisterung bin ich zur Germanistik und zur Mediävistik gekommen, habe dann aber gemerkt, dass die mittelalterliche Literatur ganz anders funktioniert.

Was in Ihrer Jugend, Sie sind Jahrgang 1978, eine Nische war, ist aber gewaltig gewachsen.

Busch: Zweifellos. Die Verfilmung von Tolkiens „Herr der Ringe“ durch Peter Jackson ab 2001 hat dem Genre gewaltige Popularität verschafft. Harry Potter spielt auch eine Rolle.

Aber warum jetzt?

Busch: Die Geschichten spiegeln immer etwas, das uns heute beschäftigt. Bei „Game of Thrones“ lässt sich das am besten erklären. Die Romansaga, „Das Lied von Eis und Feuer“, erschien ab Mitte der 1990er. Aber zur Weltlage passt es erst richtig seit dem 11. September 2001: Es herrscht eine starke Bedrohungslage, Herrschaftsfragen sind unklar, es gibt komplizierte Intrigen, ungeliebte Verbündete und merkwürdige moralische Grundsätze. Das ist die Stimmung, in der massenhaft Verschwörungstheorien kursieren.

Das alles könnte ja auch zu einer anderen Zeit spielen. In der Zukunft oder in der Antike. Wieso im Mittelalter?

Busch: Die Zeit ist wohl sehr attraktiv. So etwas wie „Die Wanderhure“ bringt es auch ohne Fantasy-Elemente zum Erfolg.

Was also ist das Spezielle am Mittelalter?

Busch: Die Antike ist vielleicht durch den Schulunterricht, der sich mit den Anfängen der Demokratie befasst, mit dem Limes oder dem Söldnerwesen, entzaubert. Über das Mittelalter gibt es bei der Mehrheit der Menschen wenig konkrete Kenntnisse, aber eine allgemeine Vorstellung, eine Art kulturelles Gedächtnis. Das sagt: Die Kirche ist korrupt, es herrschen Ungerechtigkeit, Dreck und Gewalt, aber auch Idealismus. Und Ritter. Die Gesellschaft ist einfach - hier der Bauer, dort der König, Gut und Böse klar getrennt. Mit der Realität hat das wenig zu tun, aber gerade weil das Mittelalter so ein Hohlraum ist, lässt sich viel hineinpacken.

Also auch Zwerge, Elfen, Drachen?

Busch: Da spielen die Märchen mit hinein. Das wird über das 19. Jahrhundert, also die Grimms, vermittelt. Das betrifft die Figuren und die Erzählstrukturen. Wobei die Erzählweise der erfolgreichen Bücher sich da ganz an den modernen Romanen orientiert. Die Sprache ist ein wenig altertümelnd, aber die Handlung ist aufgebaut wie bei Grisham oder Dan Brown. „Don Quijote“ zum Beispiel, der Anfang des 17. Jahrhunderts entstand, ist viel schwieriger zu lesen.

Dennoch sind Fantasy-Bücher anders als andere Bestseller.

Busch: Sie sind viel dicker. Alles ist miteinander verzahnt. Es geht eben um episch anmutende Erzählwelten.

Das geht auf Tolkien zurück?

Busch: Ohne ihn wäre ein Großteil der heutigen Literatur nicht denkbar. Aber er ist ­anders. Er war renommierter Alt-Anglist, hat recht ­anspruchsvoll geschrieben.

Er wollte wohl ein Gegenstück zu germanisch-nordischen Legenden schaffen. Ist das nicht seltsam in den 1950ern?

Busch: Das Nibelungenlied, der Mythos der Deutschen, ist auch „erst“ im 12. Jahrhundert entstanden und erzählt aus grauer Vorzeit.

Tolkien war zunächst nicht so erfolgreich.

Busch: Das kam erst in den 1970ern. Damals wurde die Saga im Zusammenhang mit alternativen Lebensentwürfen gesehen, als Pseudoreligion. Das ist jetzt anders. Weniger esoterisch.

Alles Kommerz?

Busch: Kürzlich sah ich in einem großen Einkaufszentrum neben anderen Geschäften einen Schwerterladen.

Sind Sie denn noch Fantasy-Fan?

Busch: Mit manchem, was ich als Jugendlicher verschlungen habe, bekomme ich heute Schwierigkeiten. Das ist zum Teil miserabel geschrieben, und es gibt eine problematische Moral. Etwa: Ein guter Herrscher vollzieht die Todesstrafe selbst. Man sollte aufpassen, was die Texte auch unterschwellig transportieren. Aber Fantasy muss nicht rückwärtsgewandt und konservativ sein.

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