Internet

Politikwissenschaftler: Gefährdet das Netz die Demokratie?

Bei den Piraten hat das nicht so perfekt geklappt mit der Demokratie und Transparenz. „Sie haben Partei und Gesellschaft verwechselt“, sagt Mundo Yang.

Foto: dpa Picture-Alliance / Oliver Berg

Bei den Piraten hat das nicht so perfekt geklappt mit der Demokratie und Transparenz. „Sie haben Partei und Gesellschaft verwechselt“, sagt Mundo Yang. Foto: dpa Picture-Alliance / Oliver Berg

Siegen.   Der Politikwissenschaftler Mundo Yang erklärt, ob das Internet die Demokratie gefährden kann. In Siegen hält er dazu am 1. Juni einen Vortrag.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Viele Menschen machen sich Sorgen um die Demokratie. Wegen Trump und Le Pen, Putin und Erdogan, Orban und FPÖ, EU und Brexit, Globalisierung und Re-Nationalisierung. Aus ganz verschiedenen Gründen also. Ebenfalls vertreten in der Gefährder-Liste: das Internet, das doch ganz neue Teilhabe- und Informationsmöglichkeiten geschaffen hat. „Ruinieren Internetmedien die demokratische Öffentlichkeit?“ ist der Vortag überschrieben, den der Siegener Politikwissenschaftler Mundo Yang am 1. Juni im Siegener Lyz-Kulturhaus hält (20 Uhr), im Rahmen eines Veranstaltungsprogramms der Uni Siegen zum Thema „Demokratie - Gefährdung und Kultivierung“.

Also, zerstört das Netz die Organisation unseres politischen Zusammenlebens?

Mundo Yang: Ich versuche, den Vortrag unparteiisch zu gestalten, aber ich bin Jahrgang 1977, mit dem Internet aufgewachsen und sehe die Rolle schon eher positiv. Aber es gibt dazu keine richtige oder falsche Meinung. Wie definieren Sie Demokratie? Wie definieren Sie Internet? Die Beantwortung dieser Fragen hängt stark von der Mediensozialisation der jeweiligen Person ab.

Sie sehen es nicht als problematisch an, dass man nur noch mit Gleichgesinnten kommuniziert, nur die Nachrichten zu sehen bekommt, die einem gefallen und so in der eigenen Blase eingeschlossen bleibt?

Diese Fragmentierungsthese ist kurz nach der Jahrtausendwende aufgekommen. Nach der wäre ein mediales Lagerfeuer, um das sich alle versammeln, wünschenswert. Aber da fragt sich wieder, wer Sie sind? Welcher Gruppe gehören Sie an? Für Minderheiten ist die Fragmentierung attraktiv. Und alles ist nicht fragmentiert, es gibt durchaus wichtigere und unwichtigere Akteure. Außerdem ist es unrealistisch anzunehmen, dass jemals jeder über alles informiert war und dann immer nur auf Augenhöhe diskutiert wurde. Man braucht auch nicht zu jedem Thema eine Meinung. Worauf es ankommt, ist das allgemeine Niveau.

Aber sinkt das Diskussionsniveau nicht?

Ja und nein. Das Internet ist plural. Es gibt ganz unterschiedliche Orte und Plattformen, es gibt Öffentlichkeit und Teilöffentlichkeit in verschiedenen Graden. Trolle und Hetze sind mancherorts ein Problem, woanders geht es moderiert und abgewogen zu. Auf Youtube etwa, wo viele jüngere, technisch interessierte Männer Kommentare posten, erleben Sie emotionale Überreaktionen. Dort sind die Diskussionen in der Tat häufig nicht schön.

Wie stehen Sie zur These, dass die Aufmerksamkeit abnimmt und die Oberflächlichkeit zu?

Ich habe Zweifel, dass sich etwas verändert hat. Wir sehen das jetzt nur deutlicher. Und auch hier ist es wieder formatabhängig. Es gibt Hobbyexperten, die sich sehr gründlich mit Themen befassen.

Aber die meisten Nutzer lesen Texte doch nur kurz an.

Texte sind nicht mehr das alles Entscheidende, Bilder werden wichtiger. Und wenn alles sehr schnell geht, wenn man zu einer komplexen Frage nur kurz einen social button anklickt, um etwas zu entscheiden, dann kann das schon gefährlich sein.

Ist die größere Transparenz ein Vorteil für die Demokratie?

Bei Enthüllungsplattformen wie Vroniplag oder Wikileaks kann man das so sehen. Aber es besteht auch, durch die zunehmenden Angriffe auf Personen die Gefahr, dass Leute davon abgeschreckt werden, sich öffentlich zu engagieren.

Ist unabhängiger Journalismus bedroht, wenn immer weniger Menschen dafür bezahlen wollen?

Der Journalismus ist in einer Krisenphase. Wie er in Zukunft funktionieren wird, ist nicht ganz klar. Es könnte ein Qualitätsverfall eintreten, wenn neue Zahlungsmodelle sich nicht durchsetzen, denn dann würden Journalisten durch parteiliche Akteure, Verbände oder ähnliches ersetzt.

Was folgt aus all dem?

Wir sollten misstrauisch auf die Kommerzialisierung des Internets schauen. Die Frage der Netzneutralität ist eine sehr wichtige. Eine Charta der digitalen Grundrechte, die von Bürgern dem Europäischen Parlament übergeben worden ist, wäre ein Fortschritt.

Die Demokratie hält das Internet aus?

Ganz grundsätzliche Bedenken sind eher eine Form pauschaler Generationenkritik.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Auch interessant
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik