Ausbeutung

Gestrandete Lkw-Fahrer – Chef wiegelt alle Vorwürfe ab

Die Lkw-Fahrer von den Philippinen sind im Auftrag einer polnischen Spedition gefahren, die zu einem dänischen Fuhrunternehmen gehört.

Die Lkw-Fahrer von den Philippinen sind im Auftrag einer polnischen Spedition gefahren, die zu einem dänischen Fuhrunternehmen gehört.

Foto: Rolf Hansmann

Ense.  Acht philippinische Lkw-Fahrer sitzen seit einer Zoll-Kontrolle in Ense bei Soest fest. Jetzt äußert sich ihr Chef – und gibt anderen die Schuld.

Seit Wochen warten acht philippinische Lkw-Fahrer in Ense darauf, dass es endlich weiter geht – nun könnte sich etwas bewegen: Der Arbeitgeber bezieht Stellung, nimmt sich den Vorwürfen aber trotz aller Anschuldigungen der Gewerkschaften nicht an.

Erstmals hat sich Carsten Beier, Chef des betroffenen dänischen Fuhrunternehmens, öffentlich zu dem Fall geäußert. Er sieht keinerlei Schuld bei sich. Man habe schon vor Wochen das Gespräch mit den Fahrern gesucht, aber das habe die niederländischen Transportarbeitergewerkschaft FNV „leider nicht zugelassen, was mich persönlich schwer enttäuscht hat“, schreibt Beier in einer Stellungnahme.

Ein direktes Gespräch mit Gewerkschaft oder Fahrern sei abgelehnt worden, behauptet er. Die Gewerkschaft sieht das anders: Es habe von Anfang an Gespräche gegeben, betont Edwin Atema von FNV. „Wir haben sogar Unterlagen ausgetauscht“, berichtet er dieser Zeitung. Aus diesen Unterlagen habe sich ergeben, dass den phillipinischen Fahrern mindestens 2000 Euro brutto im Monat für ihren Job zustehen würden. Arbeitsvertraglich sei ihnen aber nur 428 Euro pro Monat und 700 Euro Spesen zugesagt worden. Alls das sei extrem schwierig aufzuarbeiten, weil „bis heute keine Lohnabrechnungen vorliegen“. Immer wieder sei der Kontakt von der Firma bei Nachfragen abgebrochen worden. „Seriös ist das nicht“, so Atema.

Mitarbeiter entsprechend entlohnen

Firmenchef Beier wehrt sich dagegen, seinen Fahrern nur einen Hungerlohn zu zahlen. Er habe ein Gutachten in Auftrag gegeben, um die Gehälter rückwirkend zu prüfen. Sollte der Lohn tatsächlich unter dem Mindestlohn liegen, „werden wir hierauf sofort reagieren. Denn selbstverständlich soll jeder unserer Mitarbeiter entsprechend entlohnt werden.“

Beier, so der Firmenchef, würde die Filipinos ja gern weiter beschäftigen, heißt es, aber: „Uns ist es wirtschaftlich kaum noch möglich, die Filipinos zu beschäftigen, da das Thema so medienwirksam ist, dass einige unserer Auftraggeber nun aufgeschreckt sind. Kurz gesagt: Man hat nachvollziehbarer Weise Sorge, durch Aufträge, die von Philippinern ausgeführt werden, selbst in den Medienrummel zu geraten.“

Am Donnerstag hat sich auch der DGB zu Wort gemeldet: „Wir begrüßen es, wenn jetzt auch der Arbeitgeber der Ansicht ist, dass den Fahrern der gesetzliche Mindestlohn zusteht; er sollte dann umgehend einen Abschlag zahlen, eine lückenlose Arbeitszeitdokumentation und die bisherigen Lohnabrechnungen vorlegen, mit der eine saubere Abrechnung erfolgen kann. Diese ist er bislang schuldig geblieben. Ebenso gab es keinerlei Kontaktaufnahme seitens des dänischen Unternehmens mit dem DGB.“, berichtet DGB-Vorstandsmitglied Stefan Körzell.

Firmeninhaber verstarb

Die von der Firma Beier beauftragte Consilium Rechtskommunikation GmbH beantwortet die Frage, warum das Unternehmen nicht auf Anrufe unserer Zeitung reagierte wie folgt: „Der Zeitpunkt unseres ersten öffentlichen Statements ist verschiedenen Umständen geschuldet: Mit dem Tod des Gründers Kurt Beier am 1. November 2018 stand das Familienunternehmen unter besonderen organisatorischen und persönlichen Herausforderungen. Auch hätten wir die Dinge gern ohne die Öffentlichkeit gelöst, um unsere Fahrer zu schützen. Dialog geht uns stets vor Konfrontation. Leider war hier nur eine schwierige bis gar keine Kommunikation mit den Fahrern möglich. Der Medienansturm hat uns überrascht, noch ehe wir Gelegenheit gehabt hätten die Dinge selbst anzugehen.“

Die phillipinischen Fahrer waren auf einem Firmenparkplatz in Ense gestrandet, weil ihr Chef ihnen keine Aufträge mehr gab. Für eine polnische Spedition, die zum dänischen Unternehmen Kurt Beier gehört, waren sie teils anderthalb Jahre lang von Ense aus Touren durch ganz Europa gefahren. Geschlafen haben sie immer auf dem Bock, sagen sie. Der Vorwurf: Hotelzimmer, ordentliche Ruhezeiten, Fahrtenschreiber, deutscher Mindestlohn? Alles Fehlanzeige.</p><p>Anfang November kam ihnen der Zoll auf die Schliche – und seitdem hängen die Filipinos in Ense fest. Inzwischen sind sie in einem Flüchtlingsheim untergebracht und dürfen endlich wieder in echten Betten schlafen.

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