Betrug

Großaufgebot der Polizei verhaftet kriminelle Hundezüchter

Die Hunde fristen ihr Dasein unter erbärmlichen Bedingungen, teilweise sitzen sie  auf nacktem Beton, viele leiden unter hochansteckenden Krankheiten.

Foto: Jürgen Schade

Die Hunde fristen ihr Dasein unter erbärmlichen Bedingungen, teilweise sitzen sie auf nacktem Beton, viele leiden unter hochansteckenden Krankheiten. Foto: Jürgen Schade

Buschhütten.   Kreuztaler Familie soll jahrelang Welpen als Rassetiere verkauft haben. Die Hunde lebten unter erbärmlichen Bedingungen, viele leiden an Seuchen.

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Großeinsatz der Polizei am Mittwochmorgen: Beamte haben in einem Haus an der Setzer Straße in Buschhütten ein Ehepaar und dessen Tochter wegen des Verdachts des gewerbs- und bandenmäßigen Betrugs beim Handel mit Hunden festgenommen. Sie sollen jahrelang Welpen aus Polen als selbstgezüchtete Rassehunde verkauft haben. Ihnen wird vorgeworfen, Welpen für 80 bis 100 Euro erworben und für 1000 Euro als eigene Zucht weiterverkauft zu haben. „Es geht um organisierte Kriminalität“, sagt Polizeisprecher Lars Detmer. Das Protokoll des Einsatzes.

10 Uhr. Die Polizei rückt mit einem Großaufgebot in dem Buschhüttener Gewerbegebiet an – Beamte aus Hagen, Siegen und Kräfte einer Hundertschaft. Eine Gerüstbaufirma stellt für den Einsatz ihr Gelände zur Verfügung. Dahinter befindet sich das Haus, das die Polizei ins Visier genommen hat. „Eine so große Durchsuchungsaktion ist für Siegen unüblich“, sagt Detmer. Eine Polizeidrohne schwebt über dem Anwesen; Einsatzwagen sperren die Waldwege auf der Rückseite des Gebäudes ab. Beamte bewachen die Auffahrt, die neben dem Firmengelände hoch zu dem Haus führt. Immer wieder bellen Hunde.

Tierlieferungen aus Polen und Rumänien

11.12 Uhr. Ein schwarzer Mercedes fährt rückwärts aus der Einfahrt, Detmer vermutet ein Auto der Polizei Hagen – das Nummernschild ist mit Alufolie abgeklebt. Eine Person auf dem Beifahrersitz zieht die Mütze der dunklen Jacke weit übers Gesicht. Der Wagen dreht auf dem Firmenparkplatz, braust davon. Detmer verkündet einen Zwischenstand: „Wir haben Personen festgenommen, die jetzt vernommen werden.“ Die Polizei durchsucht Haus und Gelände. „Wir müssen schauen, welche Beweismittel wir finden und sie auswerten.“

11.47 Uhr. Die Polizei lässt die Pressevertreter näher an das Haus heran – bis zu dem Tor, an dem ein weißes Schild mit schwarzer Schrift angebracht ist: „Warnung vor dem Hunde“ ist darauf zu lesen. Das Haus, in dem die Betreiber der Hundezucht wohnen, ist ein großes Anwesen mit mehreren Etagen. Regelmäßig sollen hier in den vergangenen Jahren Wagen mit polnischen und rumänischen Kennzeichen vorgefahren sein, die Tiere lieferten. Hinter dem Gebäude befinden sich Käfige, in denen die Hunde eingesperrt sind. Der Weg dorthin führt über das Gelände der Gerüstbau-Firma.

Hunde leiden unter hochansteckenden Seuchen

12.15 Uhr. Am Zaun, hinter dem die Hunde in Käfigen untergebracht sind, steht Birgitt Thiesmann von der internationalen Tierschutzstiftung Vier Pfoten. Sie macht Fotos von den Hunden. „Sie führen hier ein armseliges Leben“, sagt die 53-Jährige, die seit 2009 für die Stiftung tätig ist. Am Dienstagabend sei sie über den Einsatz informiert worden. Um Mitternacht stieg sie in München in den Zug, um 7 Uhr morgens war sie in Kreuztal. „Das Internet ist eine Drehscheibe für den illegalen Handel“, sagt Thiesmann.

Die Bedingungen, unter denen die Tiere bei den Hundezüchtern in Buschhütten tatsächlich leben, stimmten keineswegs mit den Online-Inseraten des Betriebs überein. Im Internet sei die Rede „von grünen Wiesen, hier sitzen die Hunde teilweise auf nacktem Beton“. Ein Hund koste „zwischen 850 und 950 Euro“, sagt Thiesmann, das sei kein billiger Preis. Bei Vier Pfoten hätten sich Personen gemeldet, deren Tiere nach dem Kauf erkrankt oder gestorben seien. Die Hunde litten unter der Sarcoptes-Räude, einer hochansteckenden parasitären Hauterkrankung. Veterinäre, die den Einsatz begleiten, finden auf dem Gelände tote Hundewelpen.

Tierärztin in Hessen festgenommen

13.15 Uhr. Eine Polizistin wird beim Einsatz von einem Hund gebissen, ein Notarzt versorgt sie. Auch die Ehefrau (52), die wie ihr Mann (65) und die Tochter (22) festgenommen wurde, wird medizinisch behandelt. Sie soll einen Schwächeanfall erlitten haben.

15.20 Uhr. Die Polizei habe Haftbefehle vollstreckt, sagt der Hagener Oberstaatsanwalt Dr. Gerhard Pauli. Die Beamten hätten zeitgleich zu dem Einsatz in Buschhütten auch eine Tierärztin in Hessen festgenommen. Eine 25-jährige Frau, die in Buschhütten vermutet wurde, „ist noch flüchtig“, sagt Pauli. Die Zustände in der Hundezucht bezeichnet er als „verheerend“. Es sei „möglich, dass das ganze Gelände unter Quarantäne gestellt werden muss.“ Mehrere Tiere seien krank.

„Impfausweise sind gefälscht“, berichtet Pauli. „Wir führen die Personen jetzt dem Haftrichter vor.“ Zeitgleich zu der Aktion im Siegerland wurde auch ein Hundezuchtbetrieb in Bayern durchsucht, es gebe noch eine Reihe weiterer Beschuldigter im ganzen Bundesgebiet, teilt die Hagener Staatsanwaltschaft mit.

>>HINTERGRUND: Kreis Siegen-Wittgenstein wehrt sich gegen Vorwürfe

Der Kreis Siegen-Wittgenstein wehrt sich gegen Vorwürfe, bei der Hundezucht in Buschhütten nicht ausreichend kontrolliert zu haben. „Es gab regelmäßige Kontrollen“, so Kreissprecher Torsten Manges. „Es wurden Mängel festgestellt, deshalb hat der Betrieb auch Auflagen erhalten.“ Die Option, einen Betrieb zu schließen, sei „ immer der letzte Schritt“.

Die Hundezucht aus Buschhütten hatte 2015 vor dem Oberlandesgericht Hamm eine Niederlage einstecken müssen. Danach durfte die Tierschutzorganisation Animal Rights Watch weiter vor mutmaßlichen Missständen in dem Betrieb warnen und dabei Namen des Züchters nennen. Der Kreis stützte damals den Betrieb: Die Hundezucht erfülle „alle Bedingungen“, die das Tierschutzgesetz für die Zulassung von Hundezucht und -handel verlange.

2004 hatte das Oberverwaltungsgericht Münster dem Verantwortlichen die gewerbsmäßige Hundezucht untersagt. 2005 wollte die SPD-Kreistagsfraktion wissen, wie es dann möglich sei, „dass dieser gewerbliche Hundehandel in großem Stil weiterhin betrieben werden kann?“ Die damalige Antwort der Kreisverwaltung: Die Ehefrau und eine Tierärztin hätten eine Erlaubnis für die Zucht beantragt. Beide Anträge seien zwar abgelehnt worden. Widersprüche lägen aber bei der Bezirksregierung Arnsberg vor. Zwangsmaßnahmen seien daher nicht umsetzbar gewesen, heißt es weiter in der Vorlage aus dem Dezember 2005. Zu den Erkenntnissen der Veterinärbehörde, nach denen die SPD ebenfalls fragte, stellte der Kreis fest: „Gravierende Mängel bezüglich Unterbringung, Pflegezustand und Versorgung konnten vor Ort nicht festgestellt werden.“

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