Wirtschaft

H&R Federntechnik biegt ab in den OP-Saal

Das Unternehmen ist sehr erfolgreich mit Federn im Automotivebereich - hat aber auch für Medizintechnik eine Feder erfunden, der Bonehelix.

Das Unternehmen ist sehr erfolgreich mit Federn im Automotivebereich - hat aber auch für Medizintechnik eine Feder erfunden, der Bonehelix.

Foto: Morris Willner

Lennestadt.   Das Lennestädter Spezialfedern-Unternehmen H&R ist mit einer ausgezeichneten medizinischen Feder für Knochenbrüche am Markt.

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Heinz Remmen kennt die Überholspur quasi wie seine Westentasche, nicht nur entlang der Bundesstraße 55, wo der 70-jährige Seniorchef des Lennestädter Unternehmens H&R Spezialfedern zuhause ist. Remmen ist als Motorsportler traditionell schnell unterwegs und auch geschäftlich mit H&R, dem Unternehmen, dass er vor fast 40 Jahren mit seinem mittlerweile verstorbenen Partner Werner Heine gegründet hatte, in der Spitzengruppe der südwestfälischen Federnindustrie am Start. Motto: „H&R hat den Anspruch, immer Erster zu sein.“

Mit Industriepreis ausgezeichnet

Seit geraumer Zeit müssen sich die Gründerfamilien Heine und Remmen allerdings in Geduld üben. Während die für über 3000 verschiedene Modelle bei H&R gefertigten Federn und Sportfahrwerkskomponenten in der Szene höchsten Ruf genießen und entsprechenden Absatz finden, bog das Unternehmen vor einigen Jahren, eher zufällig, auch auf das Feld der Medizintechnik ab. Mit der für 35 Länder patentierten Knochenfeder Bonehelix sind sie nicht nur die ersten, sondern auch exklusive Anbieter. Nur ist der Medizinmarkt wohl nicht so offen für Innovationen wie andere Branchen.

2017 und 2018 wurde das Produkt auf der Hannover Messe jeweils mit dem Industriepreis ausgezeichnet, dennoch wartet H&R noch auf den entscheidenden Durchbruch mit den „Federn, die nicht federn“ und eine viel schonendere Operationsmethode versprechen als beispielsweise das Einhämmern eines Marknagels mit roher Gewalt und Schweiß auf der Stirn des Operateurs.

Bei der Bonehelix handelt es sich um eine Spezialfeder, die bei Brüchen von Röhrenknochen im Arm, Oberschenkel oder Schienbein zum Einsatz kommen kann und mit einer Art Korkenziehermethode in das Mark gedreht wird. Der Vorteil: Erstens schont es das wichtige Knochenmark, das beispielsweise bei einem Schienbeinbruch üblicherweise entfernt werden muss, um Platz für den monströsen Marknagel zu schaffen. Zweitens entfällt das brachiale Einbringen des massiven Stabilisators. Drittens ist die Feder in der Horizontale im Mikrobereich durchaus leicht beweglich, was offenbar zu schnellerer Kallusbildung, also Heilung des Knochenbruches, führt.

Seit 2014 sind die Spezialknochenfedern im Prinzip in der heutigen Variante auf dem Markt und werden mittlerweile in Kliniken wie etwa der Charité in Berlin oder in Minden verwendet. H&R entwickelte passend zum Produkt sogar einen sterilen Spezialwerkzeugkoffer zum Ein- und Ausführen der je nach Knochen verschieden starken Federn sowie zum Kürzen auf die gewünschte Länge. Die Sauerländer haben für die Produktion auf dem Firmengelände an der Elsper Straße in Lennestadt eigens eine Reinraumproduktion aufbauen lassen.

Erfunden hat die Bonehelix der frühere Chefarzt des Klinikums Witten-Herdecke und Professor an der Universität Witten-Herdecke, der Schwerter Reiner Labitzke. Nach eigenen Angaben führte der Chirurg die erste Operation mit der „Knochenfeder“ an einem Röhrenknochen bereits im Jahr 1990 durch – erfolgreich. Allerdings dauerte es etliche Jahre, bis der Mediziner zufällig auf den Federnspezialisten Werner Heine aus dem Sauerland traf. Das Familienunternehmen H&R ließ sich schnell für eine Zusammenarbeit begeistern. Gemeinsam entwickelte man schließlich die Bonehelix weiter.

Während große und namhafte Hersteller von Medizinprodukten die Innovation des Professors zwar hochinteressant fanden, aber als Produzenten von Marknägeln möglicherweise lieber weiter Geschäfte mit alter Technologie machen wollten und wollen, starteten die Sauerländer Federspezialisten 2014 die Serienproduktion bei H&R in Lennestadt.

50 Kliniken nutzen neue Technik

Gegründet wurde eine Tochterfirma, die H&R Medizintechnik mit Helena Heine und Danny Christopher Remmen als Geschäftsführer. Sie sind die zweite Generation im Sauerländer Familienunternehmen, zu der auch Christian Heine und Yannick C. Remmen gehören, die sich erfolgreich auf die H&R Fahrwerkstechnik fokussieren. Es ist das starke Standbein, mit dem Werner Heine und Heinz Remmen 1979 so erfolgreich an den Start gingen, dass sich das Unternehmen nun, allen Ausbremsmanövern von Branchen-Lobbyisten zum Trotz, den langen Atem beim Medizinprodukt auch leisten kann. Und allmählich scheint der sich auszuzahlen. Mittlerweile wenden rund 50 Kliniken bundesweit die Operationsmethode an. Hört sich an wie ein Wechsel auf die Überholspur.

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