Bauern

„Hände weg von der Tierhaltung!“

Ein Schweinestall in NRW. Berlin hat Verfassungsklage gegen deutsche Mindeststandards – 0,5 m² Platz für ein 50-kg-Mastschwein – erhoben.

Ein Schweinestall in NRW. Berlin hat Verfassungsklage gegen deutsche Mindeststandards – 0,5 m² Platz für ein 50-kg-Mastschwein – erhoben.

Foto: Friso Gentsch/dpa

Münster.   Westfälisch-Lippischer Landwirtschaftsverband wehrt sich gegen Berliner Verfassungsklage. Wolf gefährdet Weidehaltung und muss bejagt werden.

Abends lädt der Westfälisch-Lippische Landwirtschaftsverband (WLV) zum Havichhorster Presseabend (Hauptgang: Schweinelende), am Morgen hat das Land Berlin Verfassungsklage eingereicht gegen die „unzureichenden Mindeststandards“ für die Schweinehaltung in der deutschen Nutztierhaltungsverordnung. Mit einer ähnlichen Klage hatte NRW in den 1990ern das Ende der Käfighaltung von Legehennen eingeleitet. Die Reaktion des WLV-Präsidenten Johannes Röring, CDU-Bundestagsabgeordneter und Schweinehalter, war so eindeutig wie erwartbar: „Hände weg von der Tierhaltung!“ Ein Urteil wird 2021/22 erwartet.

Röring betonte, die Mehrheit der Bauernfamilien in Westfalen-Lippe sehe die Tierhaltung als Basis ihrer Existenz. Auch das Grünland im Sauerland müsse weiter bewirtschaftet werden: „Nur Wiederkäuer können Gras verwerten.“ Das „Tierhaltungs-Agribusiness“, das von Landmaschinenherstellern bis zu Wurstfabrikanten reicht, habe in NRW eine Bruttowertschöpfung von 13 Milliarden Euro jährlich und sei damit der Chemie- und Pharmaindustrie vergleichbar. Deshalb sei es „verantwortungslos, dass Teile unserer Gesellschaft glauben, immer mehr Grundlagen unseres Wohlstands zerstören zu müssen. Nach Energiewirtschaft und Dieseltechnologie gerät nun die Tierhaltung ins Visier.“ Die Bauern seien sich des Wertewandels der Gesellschaft bewusst und wollten ihre Betriebe in Richtung von mehr Nachhaltigkeit entwickeln. „Wir werden eigene Verbesserungsvorschläge machen“, versprach Röring und erzählte: „Mein Großvater hat noch doppelt so viel Futter für ein Kilo Schweinefleisch gebraucht wie mein Sohn heute.“ Die Entwicklung sei ressourcenschonend und nachhaltig.

Das Einkommen

Im Wirtschaftsjahr 2017/18 (1. Juli bis 30. Juni) stieg der durchschnittliche Gewinn der landwirtschaftlichen Haupterwerbsbetriebe in Westfalen-Lippe um 8 Prozent auf 64.000 Euro. Ackerbauern blieben auf Vorjahresniveau, Schweinehalter büßten 28 Prozent ein, Milchbauern erzielten ein Plus von 67 Prozent. Öffentliche Transfers machten im Durchschnitt 25 Prozent des Einkommens aus.

Die Dürre

Von Dorf zu Dorf verschieden seien die Auswirkungen der Trockenheit im langen Sommer 2018 gewesen, so Röring. „Vor hundert Jahren hätten wir mit dieser Ernte eine Hungersnot bekommen.“ Heute könne man durch Importe ausgleichen, aber zugleich gelte die Rechnung „schlechte Ernte, gute Preise“ deshalb nicht mehr. Noch unklar seien die Auswirkungen der Dürre auf die Milchproduktion, spürbar sei jedoch der Futtermangel.

Der Wolf

Mit Sorge sieht der WLV den Anstieg der Wolfspopulation in Deutschland auf mittlerweile 1000 Tiere und einem Wachstum von 30 Prozent pro Jahr. In Niedersachsen wurden 2018 bereits mehr als 250 Nutztiere gerissen, in NRW 51, überwiegend Schafe, aber auch Rinder. Auch in Westfalen-Lippe sei mit verschärften Konflikten zu rechnen, wodurch die Weidehaltung vor dem Aus stehe, obwohl sie für den Erhalt der Kulturlandschaft, für Naturschutz, Naherholung und Tourismus wichtig sei. Die Forderung: „Bevor die Probleme unbeherrschbar werden, muss die Begrenzung der Wolfspopulation mit jagdlichen Mitteln ermöglicht werden.“

Das Tierwohl

Abgesehen von aktuellen Schweinereien – im Klägerland Berlin gibt es zwar keine nennenswerte Schweine-, wohl aber die Erwartungshaltung einer „sehr sensiblen“ Bevölkerung, so Verbraucherschutzsenator Dirk Behrendt (Grüne) – spielt das Thema Tierwohl für die westfälischen Landwirte eine immer stärkere Rolle. „Wir sind gespannt auf den Feldversuch mit einem staatlichen Tierwohllabel“, so der WLV-Präsident: „Dann klärt sich die Frage, was die Verbraucher wirklich bereit sind, zusätzlich zu bezahlen.“

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