Studentenrevolte

Hagener Rebellionsforscher: Gagarin gab den Anstoß für 1968

Frank Hillebrandt, Soziologie-Professor an der Fernuni Hagen.

Foto: Andreas Thiemann

Frank Hillebrandt, Soziologie-Professor an der Fernuni Hagen. Foto: Andreas Thiemann

Hagen.   Professor Frank Hillebrandt erklärt, warum die Studentenbewegung vor 50 Jahren eine Folge der russischen Herausforderung im All war.

50 Jahre später sind die 68er immer noch an allem schuld. Sagen manche. Frank Hillebrandt nicht. Kommende Woche sitzt der Soziologie-Professor von der Fernuni Hagen mit Hans-Christian Ströbele und Ingrid Steeger auf einem Podium, um über 1968 und die Folgen zu diskutieren. Als „Rebellionsforscher“.

Warum eigentlich 68 und nicht 67?

Frank Hillebrandt: 1968 ist ein Symbol. Überall auf der Welt gab es Aufstände und Proteste, auch in Japan. Aber was wir meinen, wenn wir von 1968 sprechen, ist ein gesellschaftlicher Wandel seit den 1960er Jahren, der teilweise schon vorher begonnen hat.

Mit den Ostermärschen?

Auch. Aber wichtiger war wahrscheinlich Juri Gagarin.

Wie das?

Dass die Sowjets 1961 den ersten Menschen in den Weltraum schickten, war eine Herausforderung für den Westen. Daraus folgte eine Bildungsoffensive. Bildung wurde zur Waffe im kalten Krieg. Das hatte Konsequenzen auch für mich persönlich: Ich bin ein Arbeiterkind. Ich wäre ohne Gagarin nicht an die Uni gekommen.

Das heißt: Die Studentenbewegung entwickelte sich, weil es mehr Studenten gab?

Die Studentenbewegung war zu Beginn eine Mangelbewegung. Mit einem Studium war nicht mehr alles zu erreichen. Das führte zu Zukunftsangst. Und zu einer noch größeren Öffnung der Bildung.

War 68 erfolgreich?

Kommunen haben sich nicht durchgesetzt. Aus freier Partnerwahl sind Swingerclubs geworden. Aber in den meisten Bereichen hat 68 gravierende Folgen hinterlassen: Die NS-Diktatur wurde endlich aufgearbeitet; das ist ein deutsches Kernthema geblieben. In der Wirtschaft musste sich das Management anders organisieren; die heutige Projektarbeit ist eine Folge davon, Spuren zeigen sich noch im Silicon Valley. Das Theater wurde von reiner Belustigung zu einem politischen Ort, die Justiz fragt nach dem sozialen Umfeld des Täters, die Rolle der Frau und das Familienbild haben sich unwiderruflich verändert. Dies sind nur wenige Beispiele für einen gesamtgesellschaftlichen Wandlungsprozess, der mit 1968 symbolisiert ist.

Dabei haben doch nur Minderheiten protestiert ...

Genau. Es ist keine ganze Generation auf die Straße gegangen, so wenig wie 1989 in der DDR. Aber das Lebensgefühl hat sich nicht nur für eine kleine intellektuelle Gruppe verändert, sondern für die Mehrheit der Jugend. Jeder wusste: Ich kann auch mal aussteigen. Vielleicht auch nur auf Zeit. Auf einem Rockfestival. So etwas gehört heute zur Grundstruktur westlicher Gesellschaften – bis hin zum Freizeitpark.

Wie wichtig war die Musik?

Die Rockmusik war der Soundtrack des Protests. Und das Gemeinschaftserlebnis der Festivals hat vieles befördert. Die Menschen müssen sich versammeln, sonst können sie keine Revolte machen. 68 hat gezeigt: Das geht und macht auch noch Spaß. Das war auch in der Umwelt- und in der Friedensbewegung in den 1980ern so. Wenn ich Teilnehmer interviewe, sagen auf die Frage nach dem Besonderen alle: „Dass wir gemeinsam da waren.“ Das ist durch Online-Proteste nicht zu ersetzen. Die physische Präsenz ist entscheidend.

Konservative bemängeln den Verlust von Werten ...

Die Autorität der Amtskirche ist verschwunden. Jegliche Autorität muss sich heute rechtfertigen. Es sind neue Werte entstanden, und sie sind wie die alten jetzt begründungspflichtig. Manche sehen die Menschen dadurch überfordert. Ich glaube das nicht. Das Reflexionsvermögen der Menschen ist enorm gewachsen.

Was ist mit dem Respekt?

Dass die Menschen nicht mehr so viel Respekt vor der Obrigkeit haben, dass sie sich einmischen, ist positiv. Und die Alternativkultur hat den Respekt vor den anderen vorgelebt.

Sie erwarten keine konservative Revolution?

Da lässt sich nichts zurückdrehen. Die Menschen genießen die Freiheiten und Möglichkeiten viel zu sehr. Außerdem geht es nie zurück. Das heißt nicht, dass alles immer besser wird, aber die neuen Probleme sind nicht die alten.

Ist 68 noch aktuell?

Die Bewegung war eine Ideenfabrik zur Frage, wie wir leben wollen. Das bleibt immer aktuell.

Auch interessant
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik