Wirtschaft

Handwerk fühlt sich zunehmend von „Bürokratie begraben“

Im Dachdeckerhandwerk ist Nachwuchsmangel bereits deutlich zu spüren.

Foto: Michael Reichel Elisa Sobkowiak

Im Dachdeckerhandwerk ist Nachwuchsmangel bereits deutlich zu spüren. Foto: Michael Reichel Elisa Sobkowiak

Dortmund.   Dortmunds Handwerkskammerpräsident Berthold Schröder macht beim Jahresempfang Bürokratie als größten Hemmschuh für die Branche aus.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Wer heute einen Handwerker benötigt, darf sich kaum Hoffnungen machen, dass der Fachmann schon morgen vor der Tür steht. Der Bauboom und die entsprechend außerordentlich gute Auftragslage sind die für viele Betriebe erfreuliche Seite der Medaille. Berthold Schröder, Präsident der Handwerkskammer (HWK) Dortmund, erinnert aber auch an die Kehrseite. „Das Handwerk fühlt sich unter Bürokratie begraben“, skizziert Schröder gestern Abend auf dem Jahresempfang der Kammer in Dortmund.

Es geht nicht mehr um vorbeugenden Pessimismus, wenn die Experten feststellen, dass die Zahl der Neugründungen im Handwerkskammerbezirk in den letzten fünf Jahren um 20 Prozent abgenommen hat. Vergangenes Jahr waren es zwar noch über 600 Neugründungen, 2013 aber fast 900. Auch liegt NRW noch besser als der Bundestrend, aber „viele junge Menschen sind bei dem Schritt in die Selbstständigkeit vorsichtiger geworden“, stellt Schröder fest.

Unter dem Strich bedeutet dies, dass es weniger Ausbildungsbetriebe gibt, also weniger Lehrlinge, die zu Gesellen und später vielleicht zu Gründern werden. Am Ende des Kreislaufs fehlen schließlich noch mehr Fachkräfte als heute schon. Im großen Handwerkskammerbezirk Dortmund mit knapp 20 000 Betrieben, die vertreten werden, gaben jüngst bei einer Sonderumfrage 78 Prozent an, erhebliche Probleme beim Akquirieren von Personal zu haben.

50 Prozent Schriftkram

Aktuell nutzen übrigens auch die besten Beziehungen nichts, damit die Baustelle zuhause schneller fertig wird. Selbst „Branchen-Promis“ wie Südwestfalens Handwerkskammerpräsident Willy Hesse, gestern zu Gast in Dortmund, müssen warten: „Ich brauche gerade schnell einen Elektriker, aber es ist nichts zu machen.“ Schulterzucken.

Vielleicht sitzt Hesses Elektriker auch zuviel am Schreibtisch, statt sich auf Baustellen zu begeben. Ausgeschlossen ist das nicht. Aus den Reihen der rund 200 Gäste beim Kammer-Jahresempfang ist jedenfalls zu hören, dass die Chefs gut und ungern 50 Prozent ihrer Zeit mit Schriftkram verbringen müssen. Nicht gerade das, was junge Leute sich auf dem Weg ins Handwerk unter erfüllender Arbeit vorstellen dürften. Kammerpräsident Schröder sieht hier einen weiteren Hemmschuh, der potenzielle Gründer davon abhält, sich selbstständig zu machen: „Wir haben den Eindruck, es mit einer bürokratischen Hydra zu tun zu haben.“ Also: Wird eine Vorschrift abgebaut, folgen gleich zwei neue.

Datenschutzgrundverordnung

Ganz so ist es vielleicht nicht, aber es herrscht auch Verunsicherung. In exakt einer Woche, am 25. Mai, tritt die Datenschutzgrundverordnung in Kraft, die die Europäische Union eigentlich zum Schutz der Verbraucher vor Daten sammelnden und handelnden Großunternehmen auf den Weg gebracht hatte, die aber alle und jeden trifft. Natürlich auch den kleinen Handwerksbetrieb. Da wirkt ein bisschen Bürokratieabbau in NRW durch Abschaffung der Hygiene-Ampel und Entschlackung des Tariftreue- und Vergabegesetzes bloß wie der Tropfen auf den heißen Stein. Im Handwerk brodelt es allmählich.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (1) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik