Wirtschaften vor Ort

Handwerk nachhaltig begriffen

Timothy C. Vincent glaubt, dass ein Imagegewinn durch Nachhaltigkeit am Ende dem Handwerk auch bei der Nachwuchssuche helfen wird.

Timothy C. Vincent glaubt, dass ein Imagegewinn durch Nachhaltigkeit am Ende dem Handwerk auch bei der Nachwuchssuche helfen wird.

Wetter.   Der Wetteraner Steinbildhauer Timothy C. Vincent setzt sich für Handwerk ein, das ohne Billigimporte auskommt – dafür die Übernahme von Verantwortung verlangt.

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Noch hat das neue Jahr nicht allzu viel Fahrt aufgenommen. Ein guter Zeitpunkt, nicht einfach alles laufen zu lassen wie gewohnt, sondern etwas anders zu machen. Der Wetteraner Steinbildhauer Timothy C. Vincent glaubt fest, dass dies im Handwerk möglich ist, natürlich nicht nur dort.

Konjunktur als Chance zur Wende

2014 gründete Vincent den Verein „Handwerk mit Verantwortung“. Es handelt sich um einen bundesweiten Zusammenschluss, in dem sich verschiedene Handwerksbetriebe auf nachhaltiges Arbeiten und Wirtschaften sowie Transparenz der Wertschöpfungskette verständigt haben. Ein Beispiel der Idee: Das Brötchen, gebacken mit Mehl aus der Region, von Hand geknetet und geformt in der Backstube vor Ort an Stelle des Teigrohlings aus China, der in Deutschland millionenfach im Backautomaten des Discounters landet.

Oder, wie bei Vincent selbst, die Verwendung von Ruhrsandstein aus der Heimat statt Importsteinen aus Asien, die womöglich von Kinderhand gehauen, in jedem Fall abgebaut unter schlechtesten Arbeitsbedingungen, auf den Weg in den reichen Westen gelangen – genau wie Bekleidung aus asiatischen Billiglohnländern. „Wir brauchen das nicht“, ist der 48-jährige Handwerker aus Wetter felsenfest überzeugt. Und: „Im Moment ist die Zeit günstig. Handwerk boomt. Endlich bekommen Handwerker die Preise, die sie auch benötigen. Eine Gelegenheit, sich nachhaltig aufzustellen.“

Das Bewusstsein für verantwortliches Handeln erscheint manchem vielleicht wie ein Anachronismus in digitalen Zeiten. Jedenfalls boomt es nicht gerade, was sich auch in der Vereinsstärke widerspiegelt. Relativ schnell fanden sich nach der Gründung 2014 durch Timothy C. Vincent bundesweit gut zwei Dutzend Handwerksbetriebe, die sich der Initiative anschlossen. Auch Auszeichnungen wie Ende letzten Jahres in Göttingen die Verleihung des Deutschen Nachhaltigkeitspreises „ZeitzeicheN“ schmücken zwar, befeuern die Idee in Zeiten rasanter Globalisierung und bequemen Kaufens per Klick aber nur bedingt.

Vincent geht es keineswegs darum, die Zeit anzuhalten oder gar zurückzudrehen, im Gegenteil. Digitalisierung etwa könne durchaus eine Bereicherung für die Gesellschaft und somit auch für den Alltag im Handwerk sein. Zur Kommunikation mit dem Kunden oder Lieferanten, oder um ein Aufmaß zu nehmen. „Digitalisierung sollte immer nur Assistenz sein, sie darf aber unter dem Strich keine Arbeitsplätze kosten. Ja, sie (die Digitalisierung) sollte sogar Steuern zahlen“, findet der 48-Jährige – und meint Abgaben auf die damit verbundene Wertschöpfung. Vincent stellt gerne die Frage, in welcher Gesellschaft wir morgen leben wollen, worin sich der Mensch in Zukunft spiegeln wird. Im Roboter vielleicht? Das wäre dann sicher eine Bedrohung des Handwerks als Kulturtechnik. „Wie sollen wir dann die Welt begreifen?“, fragt sich der gebürtige Engländer, der den Menschen für ein zutiefst analoges Wesen hält.

Ruhrtaler ergänzt den Ansatz

Entmutigen lässt sich der Wetteraner nicht auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit. Jüngste Idee ist die Entwicklung eines „Ruhrtalers“, ähnlich wie die Regionalwährung „Der Chiemgauer“, Anfang des Jahrtausends erfunden von Schülern und bis heute im Umlauf. Auch in Hagen gab es mit dem „Volmetaler“ bereits solch einen Versuch. Das Charmante daran: Die Regiowährung schafft einen Binnenmarkt auf engem Raum, der wiederum eine Binnenkonjunktur auslösen kann. Anders als große Internet-Konzerne zahlen die Anbieter ihre Steuern vor Ort.

Im Kern geht es Timothy Vincent aber weiter darum, für mehr Verantwortung im Handwerk zu werben. Mehr Nachhaltigkeit verbessere sicher auch das Image des Berufsstandes. „Das könnte auch die Zukunft sichern, weil die Gewerke für Nachwuchs attraktiver werden.“ Ein guter Vorsatz im neuen Jahr – geeignet, ihn vielfach zu teilen.

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