Weihnachtsserie

Hebamme wünscht sich mehr Zeit für „einmalige Erlebnisse“

Franziska Neugebauer wusste schon als Kind, welchen Beruf sie später mal ausüben will. Nun ist sie Hebamme im Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke.

Foto: Susanne Schlenga

Franziska Neugebauer wusste schon als Kind, welchen Beruf sie später mal ausüben will. Nun ist sie Hebamme im Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke. Foto: Susanne Schlenga

Herdecke.   Franziska Neugebauer hat ihren Jugendtraum verwirklicht und arbeitet im Herdecker Krankenhaus als Hebamme. Mit allen Vor- und Nachteilen.

Franziska Neugebauer wünscht sich Zeit. Ein wenig für sich, aber noch viel mehr für die Mütter. Die 24-Jährige ist Hebamme, hat ihren Traum zum Beruf gemacht. Nach vier Jahren Studium der Hebammenwissenschaft und inzwischen einem Jahr im Kreißsaal-Schichtdienst macht sich im Traum allerdings langsam die Realität breit. Immer mehr Geburten, immer weniger Hebammen. Ein Problem, das an vielen Krankenhäusern ein drängendes ist, im Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke (GKH) zum Glück noch nicht so sehr. Und doch fehlt der jungen Frau die Zeit, die sie sich für die Geburten erträumt hat. Zeit, die sie mit der Mutter, dem Vater, der wachsenden Familie verbringen kann, um dieses „einmalige Erlebnis“ als das Besondere zu erleben, das es ist.

Schon als kleines Mädchen hat Franziska Neugebauer in ihrem Poesiealbum notiert, dass sie Hebamme werden will. In der Schule sind die Praktika dann zielgerichtet. Und das, obwohl sich da schon abzeichnet, dass der Beruf der Hebamme einen schweren Stand hat. Versicherungsprämien steigen, die Hausgeburt wird mehr und mehr zum Risiko erklärt, in den Kliniken wächst die Kaiserschnittrate. Und doch träumt die Berlinerin nicht mehr nur, sondern macht sich daran, diesen Beruf zu erlernen.

Vier Jahre Studium – auch am Herdecker Krankenhaus. Mit dem begleitenden Studium an der Hochschule für Gesundheit in Bochum werden es fünf Jahre des Lernens. Und das ist noch nicht vorbei. Franziska Neugebauer macht ihren Master und lernt jeden Tag dazu. „Wir sind ein Team mit jungen und auch erfahrenen Hebammen“, sagt sie. Bei den Älteren profitiert sie von deren Erfahrung, mit den Jungen – „und natürlich auch den Berufserfahrenen“ – lassen sich neue Erkenntnisse diskutieren. Als Hebamme will die 24-Jährige beides nutzen. „Erfahrung ist wichtig, sie darf aber nicht den Blick verstellen, darf nicht zur Routine werden“, sagt die junge Frau. Eine Erkenntnis, die im Studium immer wieder vermittelt wird: Reflexion des eigenen Tuns gehört im Alltag dazu.

Viele Herausforderungen

Ein Alltag, der die junge Hebamme immer wieder vor Herausforderungen stellt. Denn bei der Begleitung einer Geburt kommt man den Menschen nahe, ist dabei, wenn aus einem Paar eine Familie wird. „Um die Kinder geht es bei uns Hebammen ja eigentlich am wenigsten“, sagt Franziska Neugebauer und lacht. „Die kommen sofort zu den Müttern, in die Arme der Säuglingsschwestern oder – wenn es Komplikationen gibt – der Kinderärzte.“ Die Oma war Kinderkrankenschwester und hat ihrem Enkelkind oft von der Arbeit erzählt. „Da wollte ich anfangs Säuglingsschwester werden“, erinnert sich Neugebauer. Doch schnell wurde daraus der Traum, als Hebamme zu arbeiten. Und auch wenn — wie in jedem Beruf aus dem Traum manchmal harte Wirklichkeit geworden ist — ist ein Teil in Erfüllung gegangen. „Hebammen leben auch von der Dankbarkeit der Familien“, schätzt Franziska Neugebauer das Zubrot für die Seele.

Dass ihr erster Weg in die Klinik führen würde, war für die Berlinerin klar. „Ich möchte hier Erfahrung sammeln“, sagt sie. Und dass sie in Herdecke nach ihrer Ausbildung auch eine Stelle bekommen hat, macht es ihr leichter, im „System Krankenhaus“ zu arbeiten. „Ich habe auch Erfahrungen in einem nicht-anthroposophisch ausgerichteten Krankenhaus machen können, da war für mich klar, dass ich das nicht möchte“ ist sie überzeugt, dass der Umgang mit den Müttern im Gemeinschaftskrankenhaus dem Ideal einer Geburtsbetreuung viel näher kommt.

Doch auch hier gibt es die Tage, an denen sich eine Hebamme auf die Technik verlassen muss, um noch notwendige Büroarbeit zu erledigen oder auch zwischen zwei Kreißsälen hin und her zu wechseln. „Da ist es gut, dass man über das CTG sehen kann, wie es dem Kind geht. Würde ich das mit der klassischen Methode, dem Hörrohr machen, bräuchte ich viel mehre Zeit.“ Zeit, die sie sich wünscht. Für sich. Für die Mütter. Für die Kinder in dieser Welt.

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