Heimat-Serie: Anker

Identifikation – Heimat gibt Halt in einer fragilen Welt

Der Biggeblick in Attendorn - Heimat ist nicht immer ein Ort.

Der Biggeblick in Attendorn - Heimat ist nicht immer ein Ort.

Foto: Stefan Reinke

Warstein.   Der Psychiater Josef Leßmann ist Experte für Seelenzustände. Hier erklärt er, warum Heimat nicht zwangsläufig ein Ort sein muss.

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Nach vielen Jahren an der Spitze wurde Josef Leßmann Ende 2016 als ärztlicher Leiter der LWL-Kliniken Warstein und Lippstadt verabschiedet. Doch aktiv als Experte für Seelenzustände ist der Psychiater immer noch.

Ist Heimat ein Ort oder ein Gefühl?

Josef Leßmann: Manchmal ein Ort, aber immer ein Gefühl.

Erklären Sie!

Die erste Heimat ist sozusagen die Mutter. Sie gibt Urvertrauen und Geborgenheit, Essen, Trinken, Sprache und Gefühl. Das wird auch so bleiben, so lange Männer keine Milch geben. Je größer das Vertrauen, desto angstfreier wird der Mensch. Das ist der Nährboden für eine stabile Persönlichkeitsentwicklung.

Das ist alles?

Keineswegs. In der nächsten Phase treten andere Menschen dazu. Man wird in Beziehungen hineingeboren. Es gibt eine Familie, einen Clan, ein Rudel und das Gefühl: Da gehöre ich hin. Dadurch wird das Territoriale, das Regionale interessanter; ich bin verwurzelt in einer bestimmten Umgebung.

Und wenn ich weg muss, gibt es Heimweh?

Wie stark das empfunden wird, hängt davon ab, ob der dritte wichtige Schritt für die Persönlichkeitsbildung gelingt: die Ablösung. Bin ich reif genug für einen eigenen schöpferischen Prozess der neuen Lebensgestaltung? Falls ja, kann ich auch anderswo eine Heimat finden. Heimat ist nicht Herkunftsnachweis, sondern Lebensmöglichkeit.

Irgendwann müssen wir hinaus?

Nicht immer und nicht für immer. Aber es kann gut tun. Und es ist leichter, wenn man ein Stück Heimat mitnimmt, wie in dem Lied: „Hinaus in die Ferne mit Butterbrot und Speck“.

Heimat bleibt mit Geschmack verbunden?

Das sind eben mit die frühesten Erfahrungen. Als ich in Kamerun gearbeitet habe, habe ich mir Backpulver schicken lassen, um einen Kuchen zu backen.

Was heißt es für das Heimatgefühl, wenn immer weniger Menschen ihr Leben am Geburtsort verbringen?

Manche sind neugierig, andere müssen fliehen, die meisten suchen einen Arbeitsplatz. Das sind schon unterschiedliche Motivationen. Aber eine gut strukturierte Person tut sich leichter. Sie findet neue Kontakte, wenn sie gelernt hat, soziale Beziehungen zu leben.

Ohne alte keine neue Heimat?

Je besser die Beziehungen waren, desto besser ist eine ­Weiterentwicklung möglich. Aus Hänschen muss Hans werden.

Wie bitte?

Sie kennen „Hänschen klein“?

Natürlich.

Sie kennen sicher die Fassung, in der Hänschen mit Stock und Hut und wohlgemut in die Welt zieht, die Mutter weint und die Strophe endet dann schließlich mit „Da besinnt sich das Kind/läuft nach Haus geschwind.“ Die Ablösung hat nicht geklappt. Im Originaltext dagegen bleibt Hänschen viele Jahre in der ­Fremde, dann erst kehrt er zurück: „Doch nun ist’s kein Hänschen mehr/Nein, ein großer Hans ist er.“

Heute gehen viele junge Leute ins Ausland...

Es ist bereichernd, neue Erfahrungen zu machen, neue Menschen und Kulturen kennenzulernen. Das schafft einen weiteren Blick. Es ist aber auch nicht so schwer, wenn man die Gewissheit hat, jederzeit in den ruhenden Heimatpol zurückkehren zu können.

Was ist Heimat für Sie persönlich?

Der Geruch wilder Johannisbeersträucher im Garten meiner Großeltern in der Warburger Börde.

Ein Ort in der Erinnerung...

Wenn es ein schönes Erlebnis an einem Ort gab, verbinde ich ein gutes Gefühl damit. Dazu muss ich nicht zwingend dort sein. Da gibt es auch ein Lied: „Die alte Kirche nehm ich mit, egal wie weit ich fahre.“

Warum ist Heimat auch in den Medien wieder so ein großes Thema?

Es ist die Suche nach Ankern und nach Idylle in einer fragiler werdenden Welt, in der Beziehungen, Ehen wie Arbeitsplätze, häufig befristet sind.

hänsch

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