Automobilbranche

Heinz-Dieter Tiemeyer: Die Zukunft des Autohandels ist offen

Heinz-Dieter Tiemeyer, Vorstand der Tiemeyer Gruppe mit Sitz in Bochum, in einem ID.3. Die Verzögerungen bei der Auslieferung des E-Modells und Elektronikprobleme beim neuen Golf haben das VW-Geschäft in diesem Jahr beeinträchtigt.

Heinz-Dieter Tiemeyer, Vorstand der Tiemeyer Gruppe mit Sitz in Bochum, in einem ID.3. Die Verzögerungen bei der Auslieferung des E-Modells und Elektronikprobleme beim neuen Golf haben das VW-Geschäft in diesem Jahr beeinträchtigt.

Foto: Ralf Rottmann / FFS

Bochum.  Einer der größten VAG-Händler in Deutschland, Heinz-Dieter Tiemeyer aus Bochum, sieht für kleine Händler in Zukunft nur noch wenig Chancen.

Die Tiemeyer Gruppe mit Sitz in Bochum gehört zu den großen VW-Vertragshändlern in Deutschland. Im Interview mit unserer Zeitung spricht Heinz-Dieter Tiemeyer, Inhaber und Vorstandsvorsitzender, über die Zukunft von Autohäusern und des VW-Konzerns .

Herr Tiemeyer, die jüngsten Absatzzahlen von VW waren ganz ermutigend. Gilt das auch für den deutschen Markt?

Heinz-Dieter Tiemeyer: Wenn wir auf die verschiedenen Marken sehen ist es so: VW hat beim ID.3 und dem Golf Probleme mit den Lieferungen gehabt. Der ID.3 ist jetzt lieferbar, aber noch lange nicht in den Stückzahlen, die wir brauchen! Den Golf bringen wir jetzt in den Markt. Kurz, VW muss sich anstrengen.

Gilt dies für alle Konzernmarken?

Nein. Seat und Skoda verkaufen sich sehr einfach. Beide Marken haben für den deutschen Markt die Modelle verfügbar und sie haben sich in den vergangenen Jahren ein sehr gutes Image erarbeitet. Aber VW ist unser Hauptlieferant, da müssen wir uns sehr anstrengen, weil wir den meisten Umsatz mit VW machen. Audi fährt etwa auf Vorjahresniveau. Mit den kleinen Marken ist es im Moment einfacher, Geschäft zu machen.

Weil sie günstiger sind?

Skoda ist nachgefragt. Und Seat hat sein Image total aufpoliert. Cupra und Seat sind für junge Menschen attraktiv. Natürlich hat VW die dreifache Menge im deutschen Markt, nur konnten eben weder Golf noch ID.3 im Sommer geliefert werden.

Beim ID.3 weiß man, dass VW erhebliche Schwierigkeiten mit der Software hat. Aber was ist beim Golf los?

Wir haben auf den Golf gesetzt, aber auch er hatte Anlaufprobleme: die Elektronik. Wir haben bei VW einen sehr hohen Auftragsbestand und durch Corona sind VW sehr viele Lieferantenwege zusammengebrochen.

Für Händler war das WLTP-Absatzloch schon schwierig. Jetzt das Corona-Loch. Wie lange halten Autohändler wie Sie das noch aus?

Wir haben ja noch einen Geschäftsbereich der sehr gut funktioniert. Das sind die Gebrauchtwagen. Da hatten wir nach dem ersten Lockdown unglaubliche Zuwächse. Da hat sich der Markt um rund zehn Prozent gesteigert, deutschlandweit. Und auch der Kundendienst ist nach wie vor eine Stütze. Ich denke, es wird ein anstrengendes Jahr, aber der Handel wird es überleben.

Die Tiemeyer Gruppe ist weiter auf Expansionskurs. Sie haben vor vier Jahren Schauerte mit vier Standorten im Sauerland übernommen, ab 2021 mit Köpper drei Betriebe in Dorsten und Dülmen. Können nur die großen Händler überleben?

Das Signal ist klar. Man braucht eine gewisse Größenordnung, um die Boni des Herstellers zu bekommen. Daher glaube ich, ein kleiner Händler wird es auf Dauer unheimlich schwer haben. Zumal die Konzerne auch anstreben, große Händlergruppen zu haben, die sie weniger betreuen müssen. Wenn sich im Umkreis etwas anbietet, prüfen wir das. Wir wollen in NRW weiter wachsen, wenn es lukrativ ist.

Die Konzerne möchten in Zukunft über Onlineplattformen ohne Händler direkt an die Kunden verkaufen. Macht Ihnen das Angst?

Der Hersteller kann nur eine sehr begrenzte Menge direkt liefern. Darüber haben wir in dem neuen Händlervertrag mit dem VW-Konzern verhandelt, der 2019 abgeschlossen wurde und erst einmal unbefristet gültig ist. Allerdings, wie das in Zukunft sein wird, ist offen. Volkswagen ist ein Global Player und als Händler spielt man eine untergeordnete Rolle.

Trotzdem konnten Sie den Direktverkauf erst einmal abwenden?

Ich war lange im Händlerbeirat. Momentan brauchen die OEM (Automobilhersteller) die Händler noch, um ihre Autos zu verkaufen.

Was bedeutet die Umstellung auf Elektrofahrzeuge für Ihren Servicebereich? Müssen Sie bald auch Softwareexperten einstellen und wann muss ein ID.3 überhaupt noch in die Werkstatt?

Na ja, bei einem Unfall etwa. Wir haben heute auch schon Hochvoltexperten in den Werkstätten. Wenn die Elektroautos irgendwann einmal ziemlich flächendeckend da sind, werden die Werkstätten rund 25 Prozent weniger Umsatz und Personal haben.

Wie schnell wird das gehen?

Über die Transformation der Branche spricht jeder, sie findet aber viel langsamer statt als wir darüber sprechen. Im Moment brauche ich jeden Mann und jede Frau an Bord. Wir wollen auf keinen Fall Personal abbauen. Wir haben 217 Azubis in der Gruppe. Es ist noch ein hoher Andrang da. Wir haben jedes Jahr ein paar tausend Bewerbungen. Nachwuchsprobleme bei der Besetzung unserer Lehrstellen haben wir nicht. In jeder anderen Position schon. Wir haben im Moment über 40 offene Stellen.

Eine hohe Ausbildungsquote.

Wir investieren auch viel in Ausbildung, schicken alle unsere Azubis seit ein paar Jahren in eine private Berufsschule mit kleineren Klassen. Das ist teuer, aber wir erzielen damit deutlich bessere Ergebnisse als mit den öffentlichen Berufsschulen. Und wir setzen die Förderung mit einer eigenen Tiemeyer Akademie fort, wenn sich Beschäftigte für Führungspositionen interessieren.

Werden Autohäuser in zehn Jahren noch aussehen wie heute oder sind es dann futuristische Erlebniswelten, wie ich sie mir heute noch gar nicht vorstellen kann?

Wenn Sie mögen, bekommen Sie heute schon eine VR-Brille aufgesetzt und können dann mit dem Auto, in der Farbe die Sie schön finden, durch Tirol fahren, obwohl Sie bei Tiemeyer in Bochum oder Finnentrop stehen. Allerdings, ein großer Teil der Kunden mag das heute noch nicht. Ich glaube in zehn Jahren wird ganz viel online passieren, so dass 90 Prozent der Kaufentscheidung sicher ist. Dann kommen Sie nur noch für eine Probefahrt und vielleicht etwas Beratung ins Autohaus. Der Beruf des Autoverkäufers wird dann zu dem eines Markenberaters werden. Die Branche wird sich total verändern. Die Frage ist, wie schnell.

Ist das dann noch lukrativ für Sie als Händler?

Autohändler verdienen immer wenig. Aber wir sind mit dem wenigen zufrieden, was uns der VW-Konzern vom Tisch wirft. Ich denke, dass die Hersteller auch in Zukunft ohne ein Handels-und Werkstattnetz nicht auskommen werden.

Müssen Sie in Zukunft andere Services erfinden? Sie bieten aktuell eine Covid-19-wirksame Innenraumdesinfektion an.

Das soll eigentlich kein neuer Services sein, sondern unseren Kunden Sicherheit geben, damit sie weiter zu uns kommen.

Kommen die Menschen in Corona-Zeiten noch gerne ins Autohaus? Machen sie vielleicht in Zeiten, in denen Kinos und Theater geschlossen sind, sogar einen Ausflug zu Ihnen?

Ausflüge eher nicht. Wir merken, dass weniger Kunden kommen, weil es einfach weniger Unfälle gibt.

Corona hat erhebliche wirtschaftliche Auswirkungen. Was wird das für das 2021 bedeuten?

Wir fahren auf Sicht. Die Mehrwertsteuersenkung hat uns tatsächlich geholfen. Wie es in Zukunft ist, ist Stochern im Nebel.

Die Förderung für den Kauf von Elektroautos soll bis 2025 laufen. Braucht es zum Überleben doch auch eine Prämie für Verbrenner?

Für mein Geschäft wäre es natürlich toll – aber ich glaube, es ist nicht nötig! Hoffentlich sagt Dr. Diess morgen nicht etwas anderes (lacht). Ehrlich gesagt haben es die Gastronomen gerade nötiger, dass ihnen unter die Arme gegriffen wird.

Mal ehrlich, welche Rolle spielt der deutsche Markt wirklich noch für VW?

Ich glaube, Deutschland ist noch der zweitwichtigste Markt, China der wichtigste.

VW ist doch voll auf Asien fokussiert, oder?

Ja die Fahrzeugquote pro 1.000 Einwohner ist dort gering. China, Indien und Pakistan sind gewaltige Märkte – wahrscheinlich irgendwann wichtiger als Europa.

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