Medizin

Herdecker Neurowissenschaftler erforscht die Selbstheilung

Tobias Esch von der Uni Witten/Herdecke (rechts) im Gespräch mit Eckhart von Hirschhausen (links) in der Lutherkirche in Köln.

Tobias Esch von der Uni Witten/Herdecke (rechts) im Gespräch mit Eckhart von Hirschhausen (links) in der Lutherkirche in Köln.

Foto: Lars Heidrich

Witten/Köln.   Der Herdecker Tobias Esch hat ein Buch über den Selbstheilungscode geschrieben. Er erklärt, wie man mehr Lebenszufriedenheit schaffen kann.

„Wunderheilungen sind äußerst selten“, sagt Tobias Esch. Und nichts läge dem Arzt, Neurowissenschaftler und Professor für Integrative Gesundheitsversorgung an der Universität Witten/Herdecke ferner, als solche in Aussicht zu stellen. Sein Buch „Der Selbstheilungscode“, das er am Donnerstagabend mit Eckart von Hirschhausen (der auch das Vorwort geschrieben hat) in der Kölner Martin-Luther-Kirche präsentierte, weist darauf hin, dass positive Emotionen und effektives Selbstmanagement Krankheiten verhindern oder mindern und mehr Lebenszufriedenheit schaffen können. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Teil des Dreiklangs der Medizin

Die Stärkung des „inneren Arztes“, ist für Esch ein Teil des Dreiklangs der Medizin. Die anderen beiden Elemente sind Medikamente und therapeutische Eingriffe des Arztes. Es geht nicht um den Ersatz der heute praktizierten Medizin, sondern um ihre Ergänzung. Und dieser Eigenanteil, die Nutzung der Fähigkeit zur Selbstregulation, funktioniert unspektakulär. Esch sieht vier Ebenen: 1. Stress verringern und ungesunde Denkmuster ändern. 2. Bewegung. 3. Entspannung. 4. Ernährung.

Wenn wir hinten anfangen: Sind Diäten gegen Krebs oder Alzheimer nicht typisch für Pseudo-Wunderheiler? Um Diäten geht es Esch so wenig wie um „Super-Foods“. Wenn er über Mittelmeer-Küche spricht, meint er auch die Kultur der gemeinsamen Mahlzeit. Er predigt nicht Verzicht, sondern regt an, die Lebenssituation zu verbessern: „Sie können eine Verhaltensänderung, wie mit dem Rauchen aufzuhören, nur erreichen, wenn etwas Neues an die Stelle tritt, das genau so viel Freude bereitet. Es geht nur über Erfahrung, über Training und oft nur mit professioneller Hilfe.“

Mehr als rosarote, esoterische Zuckerwatte

Und dieses positive Denken – „ist das mehr als rosarote, esoterische Zuckerwatte?“, fragt von Hirschhausen. Tobias Esch: „Im Placeboeffekt haben die Selbstheilungskräfte überlebt.“ Er plädiert für einen offeneren und selbstbewussteren Einsatz von Pillen ohne Wirkstoffe. Man müsse den Patienten dabei nicht täuschen. Es reicht, die Selbstheilung anzuregen und die Motivation dafür zu schaffen. Und wer nicht positiv genug denkt, der hat nicht nur den Krebs, sondern auch selbst die Schuld daran?

Diese Denkweise empört wiederum Esch: „Es gibt einen klaren statistischen Zusammenhang zwischen positiver Lebenseinstellung und Lebenserwartung. Aber das darf nicht auf den Einzelfall heruntergebrochen werden. Und Schuld ist ganz gewiss nicht heilungsfördernd.“

Gegen den krank machenden Stress, gegen die Tendenz über die Vergangenheit zu grübeln und sich über die Zukunft zu sorgen, helfen Achtsamkeitsübungen und Meditation. „Ich weiß das“, sagt von Hirschhausen. „Es tut mir gut. Aber ich mache es nicht.“ Wir sind eben alle nicht perfekt. Das will auch Esch nicht erreichen. Er will nicht mehr Druck erzeugen, keine zusätzliche Umdrehung im Hamsterrad. Sein Selbstheilungscode ist nicht als Aufruf zur Selbstoptimierung im harten Wettbewerb zu verstehen. Im Gegenteil: „Es geht darum, in was für einer Welt wir leben wollen. Wir schlafen heute schon eine Stunde weniger als unsere Urgroßeltern.“

Erfahrungswissen verschüttet

Tobias Esch will dazu ermutigen, wieder auf die eigenen Kräfte zu vertrauen: „Wir selber sind die besten Experten für uns selbst und unseren Körper.“ Durch die technisierte Medizin, die niemand missen wolle, sei Erfahrungswissen verschüttet worden, „das Gefühl dafür, was uns guttut“. Sein Buch ist als Appell zu verstehen, das „große Potenzial“ wieder mehr zu nutzen – und dieser Appell richtet sich genauso an die Ärzte, die sich öfter auch „demütig zurücknehmen“ müssten.

>>> Ein Kernthema der Medizin

Das Buch: Tobias Esch: Der Selbstheilungscode – Die Neurobiologie von Gesundheit und Zufriedenheit. Beltz Verlag. 335 Seiten. 19,95 Euro.

Für Eckart von Hirschhausen, den Arzt, Kabarettisten und Fernsehmoderator ist Tobias Esch „ein Visionär für die Medizin der Zukunft“. Hirschhausens Methode, den inneren Schweinehund, den er für „ein Kernthema der Medizin“ hält, zu überwinden: „Bei jedem Telefongespräch, von dem ich weiß, dass es länger als fünf Minuten dauern wird, stehe ich auf und gehe dabei um den Block.

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