Kultur

50 Jahre Gegenkultur: Hippies, Revoluzzer und die Folgen

Die Musiker sehen inzwischen ein wenig anders aus:, aber die Hagener Band „Green“ existiert noch immer.

Die Musiker sehen inzwischen ein wenig anders aus:, aber die Hagener Band „Green“ existiert noch immer.

Foto: privat

Hagen.   Hippies 1968 in Westfalen: War da überhaupt was? Und wenn: Was ist daraus geworden. Erinnerungen von Zeitzeugen und die Historiker-Analyse.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Die 68er haben den Wind der Freiheit in den bundesdeutschen Nachkriegsmief geblasen. Sie haben den Verfall von bürgerlichen Werten, RAF-Terror und Drogen zu verantworten. So kontrovers sind die Urteile noch heute. 1968 bleibt ein Symbol. Dabei hat alles früher angefangen: 1967. Da feierten die Hippies in San Francisco den Sommer der Liebe und in Berlin wurde Benno Ohnesorg erschossen. Abseits der Metropolen hat es aber vielleicht auch später angefangen. In den 70ern.

Umbruch als längerer Prozess

Der Münsteraner Historiker Thomas Großbölting (Jahrgang 1969), dessen Buch „1968 in Westfalen“ im Dezember im Ardey Verlag erscheint (144 Seiten, 13,90 Euro) sieht den Umbruch als längeren Prozess: „In Westfalen geht es erst nach 1968 richtig zur Sache. Die Demonstrationen in Münster, Dortmund, Bochum und Bielefeld waren verhaltener als in Berlin, Frankfurt und München. Das treffendste Beispiel ist die Reaktion der Studierenden in Münster auf den Tod von Benno Ohnesorg: Sie begehen schweigend einen Marsch, halten sich dabei völlig an die Vorgaben der Polizei und entrollen die Protestplakate erst, als sie auf dem Gelände der Universität sind. Der Bruch mit den Verhaltensformen der 50er und 60er Jahre ist noch nicht erfolgt.“

Viel spannender sei der Prozess des „langen 1968“: Die stärkere Gleichstellung von Frauen, die sexuelle Befreiung, das Zusammenleben von nicht verheirateten Männern und Frauen in Wohngemeinschaften, das 1965 noch undenkbar ist und 1975 eine gewisse Normalität erlangt. Man überlässt auch die Politik nicht länger den Honoratioren, sondern geht selber in die Parteien oder versucht, über Bürgerinitiativen seine Interessen zu vertreten.“

Für den Musiker Milla Kapolke (Jahrgang 1952, „Green“, „Grobschnitt“) aus Hohenlimburg ging es dagegen schon früher los: „Ich habe schon mit 14 in einer Band gespielt.“ Aber was ihm noch wichtiger ist: Es hat auch nie aufgehört. Die Ideen, die damals aufkamen, hält Kapolke noch heute für richtig: „Wir haben viel Idealismus gehabt, waren sozial engagiert, glaubten an neue Formen des Zusammenlebens, setzten auf ,Make Love not War’, Spiritualität und Meditation. Aber infiziert worden sind wir natürlich durch die Musik.“

Psychedelische Welle von der US-Westküste

Erst durch die Beatbands aus England, dann durch die psychedelische Welle von der US-Westküste. „Wir haben schon in Hohenlimburg mit einer Blubber-Lightshow gespielt, die mein Schwager aus San Francisco mitgebracht hatte.“ Es war eine aufregende Zeit. „Ich bin dankbar, dass ich damals groß werden durfte“, sagt der 65-Jährige. „Es passierte ständig etwas Neues. Man hörte Musik, die es vorher noch nicht gab. Wir waren euphorisch, als Sgt. Pepper erschien oder Fink Floyd kamen.“ Aber es war nicht nur Musik. Nach Abitur und Zivildienst zog Milla Kapolke 1972 mit knapp 20 Freunden und Mitmusikern auf einen Bauernhof in Ennepetal-Voerde. Das hielt fast 20 Jahre. Und seit 25 Jahren lebt der (inzwischen Hobby-)Musiker und Lehrer (an einer Waldorfschule) auf einem Bauernhof in Hückeswagen im Bergischen Land.

Kommune oder Wohngemeinschaft? „Wir haben schon zusammen gewirtschaftet, auf alle Rücksicht genommen, hatten aber alle feste Beziehungen und Familien.“ Nicht die ganz freie Liebe. Das Konzept hielt meist nicht so lang.

Eigene Wohnung mit eigener Küche

In Hückeswagen ist jetzt mehr Platz. Drei Paare sind noch da. Der Keyboarder wollte vor zwei Jahren erstmals in seinem Leben eine eigene Wohnung mit eigener Küche erleben. Kapolke kennt das nicht. Die Kinder sind alle aus dem Haus, teilweise aus beruflichen Gründen weiter weg. Man musiziert aber noch gemeinsam. „Meine Söhne würden auch gerne in größeren Gemeinschaften leben“, erzählt Kapolke. Aber sie wüssten nicht, wo sie die Leute dafür finden sollten. Das war leichter in der Aufbruchstimmung der 60er/70er Jahre. In der es auch Illusionen gab: „Wir haben gedacht, wir könnten mit Musik die Welt verändern. Das war in den 80ern vorbei. Da ging es nur noch ums Verdienen und Verkaufen.“ Da stieg Milla Kapolke bei Grobschnitt aus und wurde Lehrer: „Aus voller Überzeugung. Ich habe das nie bereut.“ Auch sonst wenig: „Natur und Ernährung, Ökologie – kommt alles von 68 und ist heute wichtiger denn je.“

Ekkehard Meinecke stieß erst später zur Szene. Altershalber (Jahrgang 1955). Er gründete 1977 mit 15 Leuten die erste WG in Wetter – in einer großen Villa, die heute als Bürgerhaus fungiert. Dank der damaligen Bewohner: Als denen 1980/81 die Miete zu teuer wurde, starteten sie eine Aktion, um die Stadt einzubinden. „Hat geklappt“, sagt Meinecke. Sonst nicht alles: „Wir haben an vernetzten, alternativen Einkaufsstrukturen mit WGs in Hagen-Wehringhausen gearbeitet - vergeblich.“ Aber es sei eine aufregende Zeit gewesen: „Die Erste Allgemeine Verunsicherung und Erich Fried haben nach Auftritten bei uns gewohnt, Milla Kapolke spielte im Garten, wir haben Friedensdemos organisiert.“ Meinecke ist überzeugt: „Die eigentlichen 68er waren die 70er. Da begannen die Anti-Akw-Demos und die Hausbesetzungen.“

Und heute? Engagiert er sich weiter im Kulturverein Lichtburg und ist „im Herzen immer noch anders. Aber das glauben wahrscheinlich alle von sich.“

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben