Heimat

So wurde Jean-Francois Guers aus Hagen zu einem Kind Europas

662 Kilometer zwischen Hagen und Montlucon: Auch dank Jean-Francois Guers sind sich beide Städte sehr nah.

662 Kilometer zwischen Hagen und Montlucon: Auch dank Jean-Francois Guers sind sich beide Städte sehr nah.

Foto: Ralf Rottmann

Hagen.   Vater Franzose, Mutter Deutsche: Jean-Francois Guers kümmert sich um die Städtepartnerschaft Hagen – Montlucon, die seine Eltern zum Paar machte.

Im ersten Moment weiß er auch nicht, wie er das genau ­beschreiben soll. Jean-Francois Guers sucht nach den richtigen Worten, bis sie plötzlich glasklar vor ihm auftauchen. „Ich bin ein Kind Europas“, sagt der Franzose dann in glänzendem Deutsch und lächelt, weil er weiß, dass das gut klingt. Und weil er vor allem weiß, dass das stimmt. „Ich bin froh und stolz auf meine Geschichte.“

Europa ist ein großer Kontinent. Der Zusammenschluss seiner Staaten als EU ist noch größer und mit all seinen Verstrickungen und Verflechtungen ein manchmal schwer zu durchschauendes Konstrukt, dessen Image besser sein könnte. Wie viel Gutes und Schönes darin steckt, sieht man manchmal erst, wenn man die Lupe zur Hand nimmt und sie auf die Landkarte richtet. Auf Hagen zum Beispiel. Dorthin, wo Jean-Francois ­Guers gerade sitzt. In einem Café zwischen Palmen.

Zwei Städte, zweimal Heimat

Seine Geschichte ist die einer Städtepartnerschaft zwischen Hagen und Montlucon, einer kleinen Stadt im Herzen Frankreichs. Beide Städte sind seine Heimat. Sein Vater, Fechter, stammt aus Montlucon. Seine Mutter, Fechterin, aus Hagen. Sie lernten sich Ende der 60er Jahre, als die Städtepartnerschaft noch ganz frisch war, bei einem Austausch kennen. Er holte sie mit seinem Wagen am Bahnhof ab. Sie sprach kein Französisch, er kein Deutsch. Die Liebe verband sie.

Ein paar Jahre später kam Jean-Francois zur Welt. Die Familie lebte in Montlucon, machte Urlaub bei der Familie in Hagen. Die Mama kümmerte sich stets um die Freundschaft der beiden Städte, organisierte, reiste, begleitete. Sie starb vor 14 Jahren. „Ich habe sofort ihre Pflichten übernommen“, sagt Jean-Francois Guers, 47 Jahre alt, Fechter. „Ich wollte auch helfen, die Beziehungen zu entwickeln.“

Mit 30 Jugendlichen kam er ­dieses Mal nach Hagen: Turner, Basketballer, Tischtennisspieler. Morgens stand Training auf dem Programm, nachmittags Besuche verschiedener Sehenswürdigkeiten. Austausch auf kultureller, sportlicher, menschlicher Ebene. „Sich auszutauschen und die ­Gelegenheit zu haben, den anderen besser zu verstehen – das ist auch die Idee, die der EU zugrunde liegt, damit die Völker in Frieden miteinander leben“, sagt Guers. Er ist das Bindeglied. Eine kleine Einheit der europäischen Einheit. Der eine Großvater kämpfte in der deutschen Armee, der andere in der französischen. „Mittlerweile haben wir eine gemeinsame Währung.“

Das Telefon klingelt. „Pardon, die Arbeit.“ Guers ist in seiner Heimat Immobilienmakler und -verwalter. Vor acht Jahren gründete er eine Firma. In Montlucon sitzt er im Rat, parteilos. Im kommenden Jahr hofft er, zum Bürgermeister gewählt zu werden. „Dann könnte ich ganz offiziell nach Hagen kommen und mit mehr Befugnissen diese Partnerschaft begleiten“, sagt er und lächelt.

Tradition und Geschichte

Er will Politik machen für die Menschen vor Ort. Immer mit dem Hinweis darauf, wie wichtig das Mit­einander ist. „Europa ist für uns alle wichtig“, sagt er: „Jede Nation hat ihre eigene Tradition und Geschichte und muss diese auch behalten. Es geht nicht darum, alles gleich zu machen“, sagt er.

Wohin diese EU nach der Wahl am 26. Mai steuert, weiß er auch nicht. Die Rechten, sagt er, hätten bedenklich zugelegt zuletzt. Das sei vor allem aber auf Fehler der Volksparteien zurückzuführen. „Aber ich bin kein Pessimist“, sagt er. Dazu ist zu viel schon erreicht auf diesem europäischen Weg der Freundschaft. Jean Francois Guers ist ein Beispiel dafür. „Ich trage etwas Spezielles in meinem Herzen“, sagt er. Es ist: die europäische Idee. Oder besser: Er ist ein Teil der europäischen Idee.

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