Studium

Dortmunder Absolventen in "Flüchtlingskunde“ heiß begehrt

An der Fachhochschule Dortmund wird der Studiengang "Flüchtlingskunde" angeboten. Im Bild: der leitende Professor, Michael Boße, und die Studentinnen Mashal Asef und Olja Alexandre (v.l.)

Foto: MATTHIAS GRABEN

An der Fachhochschule Dortmund wird der Studiengang "Flüchtlingskunde" angeboten. Im Bild: der leitende Professor, Michael Boße, und die Studentinnen Mashal Asef und Olja Alexandre (v.l.) Foto: MATTHIAS GRABEN

Dortmund.   In Dortmund wird ein einzigartiger Studiengang angeboten: Absolventen lernen, sich professionell um Armuts- und Kriegsflüchtlinge zu kümmern

Ein sozialwissenschaftlicher Studiengang, deren Absolventen bei Arbeitgebern heiß begehrt sind? Ja, den gibt es tatsächlich: In Dortmund, an der Fachhochschule (FH). Dort kann man seit 2014/15 Flüchtlingskunde studieren. Der Bachelor-Studiengang ist in Deutschland einzigartig. 35 Studenten lernen zurzeit in Theorie und Praxis, sich professionell um Armuts- und Kriegsflüchtlinge zu kümmern.

„Es ist der rechte Studiengang zur rechten Zeit“, wie Michel Boße sagt. Der Studiengangs-Koordinator ist stolz auf die Studenten, von denen 75 Prozent einen Migrationshintergrund haben. „Sie sind gefragt, weil sie mit ihrer speziellen Ausbildung und durch ihre Erfahrung als Zuwanderer eher als herkömmliche Sozialarbeiter Armuts- und Kriegsflüchtlinge erreichen.“

Ansprechpartner für Tagelöhner

Mashal Asef (30) und Olja Alexandre (32) zählen dazu. Sie sind das, wofür der Studiengang „Soziale Arbeit mit dem Schwerpunkt Armut und Migration“ steht: Mashal stammt aus Afghanistan, von wo ihre Eltern 1991 geflüchtet sind. Olja kam 2005 der Arbeit wegen aus Mazedonien. Die gebürtige Afghanin ist bei Grünbau beschäftigt, einer gemeinnützigen Gesellschaft für soziale Qualifizierung und Beschäftigung. Sie hilft jungen Flüchtlingen aus dem Irak, Iran und Syrien in Rechtsfragen, beim Umgang mit Behörden. Die gebürtige Mazedonierin ist für die Caritas im Einsatz, vor allem in der ökumenischen Anlaufstelle für EU-Zuwanderer „Willkommen Europa“. Sie kümmert sich um Tagelöhner, die aus den Balkanstaaten eingereist sind und sich auf dem Dortmunder Arbeiterstrich anbieten.

„Unsere Studenten werden einen Job bekommen. Es hat sich herumgesprochen, wie professionell sie mit Zuwanderern und Flüchtlingen umgehen“, ist sich Boße sicher. „Echte Brückenbauer“ nennt der 36-Jährige die angehenden Sozialarbeiter, die bei der Arbeitsplatzsuche, bei der Vermittlung von Deutschkursen und vielem mehr helfen. Ihre sozialen und interkulturellen Kompetenzen seien einzigartig.

Angehende Sozialarbeiter sind heiß begehrt

Tatsächlich sind die angehenden Sozialarbeiter mit der besonderen Klassifikation bei Wohlfahrtsverbänden und karitativen Einrichtungen gefragt. Sie beherrschen fast alle mehrere Sprachen, im Ertragen von Niederlagen werden sie besonders geschult. „Es gibt Stellen, die können nicht besetzt werden“, so Boße. Die guten Berufsaussichten sind ihm zufolge aber nicht auf Migrationshilfe beschränkt: „Sie könnten auch in einem noblen Seniorenheim in Hamburg-Blankenese arbeiten.“

Für Mashal Asef und Olja Alexandre kommt das nicht infrage. Die 32-Jährige könnte sich vorstellen, sich „migrationspolitisch“ zu engagieren. Mashal Asef würde gerne weiterhin Flüchtlinge beraten, „dann aber mit einem unbefristeten Vertrag bei der Stadt“.

Die beiden jungen Frauen bringen viel Empathie mit. „Sich in das Leben eines nachts aus einem Minibus am Dortmunder Hauptbahnhof aussteigenden Bulgaren, der erstmals deutschen Boden betritt, hineinversetzen zu können, ist wichtig“, erzählt Olja Alexandre. Die Angst des Scheiterns, das Heimweh, die weichen Knie, wenn ein Fremder auf ihn zukomme, das müsse man verstehen. Viele der Studenten, so Boße, hätten selbst Erfahrungen von Ausgrenzung erlebt – und das ermögliche Nähe.

Eigentlich wurde der Studiengang gegründet, um die Probleme mit den Armutsflüchtlingen im Dortmunder Norden in den Griff zu bekommen. Durch die Flüchtlingswelle hat sich das Aufgabenfeld des Studienganges erweitert: „Mittlerweile treten die Träger an uns heran und bitten, den Studiengang ihren speziellen Bedürfnissen anzupassen, wir reagieren auf den Bedarf“, berichtet Michel Boße.

Individuelle Hilfe für Flüchtlinge

Wirklich helfen, so sagen es die drei Gesprächspartner unisono, könne man Armuts- und Kriegsflüchtlingen nur, wenn man individuell auf jeden eingehe. Und das beherzigen die, die in Dortmund Flüchtlingskunde studieren, in der Praxis bereits so gut, dass sie sich weit über die Landesgrenze einen Namen gemacht haben.

Kontinuierlich nimmt die Zahl der Bewerber zu – so sehr, dass ein Numerus clausus eingeführt werden musste. Dass man während des Studiums Geld verdient, dürfte zwar auch ein Grund für die Attraktivität des Studienganges sein. „Aber es könnte auch einfach daran liegen,“ so Mashal Asef, „dass es glücklich macht, anderen Menschen zu helfen.“

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