Kirche

Im Bistum Essen müssen die Kirchen dran glauben

Abbruch des Kirchturms von Herz-Jesu in Essen-Frintrop.

Foto: Remo Bodo Tietz

Abbruch des Kirchturms von Herz-Jesu in Essen-Frintrop. Foto: Remo Bodo Tietz

Hagen.   Nirgendwo werden mehr Gotteshäuser geschlossen als im Bistum Essen. Wie konnte es soweit kommen?

Pfarrer Ulrich Schmalenbach klingt resigniert. „Überall in der Stadt haben wir Brachen, wir haben unser Krankenhaus verloren, das Einkaufszentrum ist geschlossen.“ In Altena sind drei von fünf katholischen Kirchen (und drei evangelische Gotteshäuser) überflüssig.

Die Kommune an der Lenne leidet in NRW am stärksten unter dem demographischen Wandel. Die Pfarrei St. Matthäus ist die zweitkleinste im Bistum Essen, man macht beim Bischof jährlich mehrere zehntausend Euro Schulden, weil die Fläche riesig, aber dünn besiedelt ist. Bis 2030 muss St. Matthäus wie alle Gemeinden im Ruhrbistum etwa 30 Prozent seines Etats einsparen.

Ulrich Lota hat sich ein dickes Fell zugelegt, wenn es um den Abbruch von Kirchen geht. „Man muss die Dinge doch einfach mal ganz nüchtern sehen“, konstatiert der Sprecher des Bistums Essen. „Die Leute, die Kirchenschließungen kritisieren, gehen allenfalls einmal im Jahr in die Messe, auch wenn sie noch Kirchensteuer zahlen.

Es geht darum, mit immer weniger Katholiken und immer weniger Priestern den Glauben in die Zukunft zu transportieren. Die Infrastruktur ist viel zu groß. Wir können den Unterhalt dieser Gebäude langfristig gar nicht leisten.“

Die nächste Welle droht

Im Bistum Essen tut das Kirchenschwinden richtig weh. Noch ist die Streichliste von 105 der 368 Gotteshäuser nicht abgearbeitet, da droht schon die nächste Welle. Die Gemeinden entscheiden im sogenannten Pfarreientwicklungsprozess selbst, wie sie das geforderte Sparziel erreichen.

Es ist absehbar, dass weitere Sakralbauten ausgemustert werden. Das Ruhrbistum hat seit seiner Gründung 1958 die Hälfte seiner Katholiken verloren. Von den verbleibenden zahlt gerade mal ein Drittel Kirchensteuern, die anderen sind entweder Kinder oder Rentner. Es gibt viele Rentner im Bistum Essen.

Der Prozess der Profanierung wird von einer Architekturdebatte begleitet, die den Bauten aus den 1960er und 1970er Jahren das Überlebensrecht abspricht.

„Das sind nicht alles Zwiebelturmkirchen, dazu gehören Gebäude, die für eine bestimmte Epoche der Architektur der Nachkriegszeit stehen“, formuliert Ulrich Lota die Erkenntnis, dass sich manche Beispiele modernen Bauens weniger zur identitätsstiftenden Landmarke eignen als andere.

Lota weiter: „Jenseits der Empathie den Gebäuden gegenüber muss man sagen, dass manches auch nicht für die Ewigkeit geschaffen ist.“ Das wiederum ruft Kritik auf Seiten der Historiker hervor, die der Sakralbaukunst aus Beton ein Bleiberecht gönnen.

Um die 30 Kirchen sind im Ruhrbistum bisher abgerissen worden, für 56 gibt es eine neue Lösung. Wenn man sich in einer Sache inzwischen auskennt im General­vikariat, dann ist es die Nachnutzung. Mit dem Projekt Immobilienraum soll das Thema weiter professionalisiert werden. „Wir suchen das Gespräch mit den Kommunen, um gemeinsame Lösungen zu finden“, so Lota. „Wir haben Umnutzungen an einigen Stellen möglich gemacht, wir sind da recht kreativ.“

Am elegantesten sind Ergebnisse, bei denen andere Religionsgemeinschaften in das überflüssig gewordene katholische Gotteshaus einziehen. „Wir achten darauf, dass in die Verträge ein Passus gesetzt wird, der es verunmöglicht, dass irgendwann mal eine Tabledancebar im Altarraum eingesetzt wird.“

Veränderte Zeiten

Der Bistums-Sprecher versucht, optimistisch zu bleiben. „Wir geben auf, wir brechen ab, aber es gibt auch viel Aufbruch. Es geht nicht alles den Bach herab, aber wir müssen uns auf veränderte Zeiten einstellen.“

In der Pfarrei St. Matthäus soll unterdessen nun auch die St. Josef-Kirche in Nachrodt-Wiblingwerde dran glauben und zum multifunktionalen Veranstaltungsraum umgebaut werden. Bei allen Überlegungen hat Pfarrer Ulrich Schmalenbach stets die geschlossene St. Paulus-Kirche im Blick, jenen schönen Bau von 1925/26 des Architekten Peter Wiehl aus Hagen. Seit Jahren sucht die Gemeinde nach einem Investor. Schmalenbach: „Es haben sich nur Leute gemeldet, die entweder finanziell nichts an den Füßen hatten oder ganz abstruse Ideen.“

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