Adventsserie 5

In der Schreibwerkstatt finden Märchen ein gutes Ende

Christel Winkler blättert in dem Buch, in dem sie ihre Texte niederschreibt.

Christel Winkler blättert in dem Buch, in dem sie ihre Texte niederschreibt.

Foto: Kai Kitschenberg

Herdecke.   Gute Wölfe, Gummistiefel oder Bonbons – die Mitglieder der Herdecker Märchenschmiede denken quer und erfinden so immer neue Geschichten.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Ein guter Wolf in einem Märchen? Können Kinder von so einer Geschichte tatsächlich etwas lernen? Christel Winkler ist fest davon überzeugt. Die 80-Jährige ist Gründungsmitglied der Herdecker Schreibwerkstatt und denkt gern mal quer. „Das fördert die Kreativität.“ Etwas zu erschaffen, was originell ist, könne nicht schaden.

Seit 18 Jahren ist Christel Winkler dabei. 1999 gab es einen Auftrag der Stadt Herdecke, einen Märchenerzählkreis ins Leben zu rufen. Der sollte Geschichten zu Papier bringen, um interessierte Bürger zu unterhalten, aber auch um zu inspirieren, selbst Zeilen zu schreiben. Mittlerweile wurden von der Schreibwerkstatt zwölf Bücher verfasst, darunter wahre Märchenkisten, der sonderbare Gestalten entspringen, die in Ohren und Herzen der Zuhörer schlüpfen und ein Feuer der Fantasie entfachen.

Team der Schreibwerkstatt ist oft in Schulen unterwegs

Das achtköpfige Team ist immer wieder mal in Schulen unterwegs und vermittelt Kindern, welche Freude das Schreiben von Märchen bereiten kann. „Mit der Macht der Fantasie den Alltag meistern, das funktioniert“, ist sich Christel Winkler sicher. Und Märchen böten sich dafür an.

Vier Frauen und drei Männer sitzen im Kreis und lesen sich „ihre Hausaufgaben“ vor, die sie sich beim letzten Treffen mit auf den Weg gegeben haben. Nur Felix Weidner (11), der Jüngste im Bund, fehlt an diesem Tag. Aus 16 Stichworten wie Mäusebussard, Gummistiefel, Drachenbonbon etc. hat jeder „sein Märchen“ kreiert.

Während ein Autor seine Kurzgeschichte „Erlebnisse in der Walpurgisnacht“ präsentiert, haben andere Spaß. An Formulierungen, Anspielungen, an Hexen, die in Gummistiefeln, Drachenbonbons lutschend wie Mäusebussarde ... Es wird diskutiert – über Gelungenes, Überraschendes, auch darüber, was vielleicht noch verbessert werden kann. Immer mit Respekt, eben unter Freunden.

250 Kilometer Anreise

Alle zwei Wochen kommen die Autoren im Seniorentreffpunkt mitten in der Herdecker Altstadt zusammen. Fachwerkhäuser und Märchen – das passt. Mit dabei ist Farhad Faseli, dem kein Weg zu weit ist. Aus Oldenburg reist er an. 250 Kilometer hin und 250 zurück. „Das ist es mir wert“, sagt der 60-Jährige, der 1988 aus einer kleinen iranischen Stadt am kaspischen Meer nach Deutschland flüchtete und nun selbst Flüchtlingen in sechs deutschen Städten hilft. ­

Mitglieder in der Geschichtenschmiede sind auch die ehemalige Buchhalterin Margrit Frahne (65) oder Ernst Hellmann (77), der früher Reiseberichte verfasst hat, sowie Reinhard Kittel (70), gebürtig aus Waren an der Müritz in Mecklenburg-Vorpommern. Felix’ Mutter, Steinbildhauerin Kathrin ­Harloff-Weidner (52), betont, dass ihr Sohn freiwillig seine Freizeit so gestalte.

Windbeutel werden gereicht, der Kaffee duftet. An Tagen, an denen die Autoren nicht zu bremsen sind, spürt man die pure Lust am Fabulieren und Gestalten, aus Fragmenten der Märchen „Rapunzel“ und „Der Froschkönig“ wird etwas Neues. Alle fasziniert, so Kerstin Waltjen (42), Bilder in Worte zu fassen und durch Worte „Bilder im Kopf zu malen“. Alles ist erlaubt, nur Politik, Glaubensfragen und Krankheit bleiben außen vor. „Sagen und Geschichten aus dem Ruhrtal“, „Marathon nach Kompostanien“ oder „12 Märchen und eine Geschichte“ zeugen von der Kreativität.

Eine Botschaft ohne Zeigefinger

Die Formel für das perfekte Märchen gebe es nicht, sagen die ­Autoren. „Aber sie müssen einen Helden haben, fantastische Elemente – und am Ende muss es gut ausgehen“, erklärt Christel Winkler. Für ­Kerstin Waltjen sind Märchen „Botschaften ohne Zeigefinger“. Das Grimm’sche Werk „Hänsel und Gretel“ vermittle ­Kindern, nicht allein in den Wald zu gehen und Fremden zu misstrauen.

Den ausbleibenden Nachwuchs erklären sich die Autoren mit der sich immer schneller drehenden Welt, durch die Menschen hetzten. Aus Zeitnot schickten viele selbst zur Weihnachtszeit ihren Verwandten nur „zwei tote Sätze per ­E-Mail“. Dabei, so sagen sie unisono, lerne man viel beim Schreiben – vor allem von Märchen: zum Beispiel die Erkenntnis, dass jeder eine Aufgabe hat in diesem Abenteuer, das Leben heißt und manchmal wie ein Märchen ist.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben