Sicherungsverwahrung

JVA Werl: Nach geglückter Flucht wächst Sorge vor Nachahmern

Die Justizvollzugsanstalt Werl ist nach der Flucht eines Sicherungsverwahrten bei einem begleiteten Ausgang in die Schlagzeilen geraten.

Die Justizvollzugsanstalt Werl ist nach der Flucht eines Sicherungsverwahrten bei einem begleiteten Ausgang in die Schlagzeilen geraten.

Foto: Guido Kirchner/dpa

Werl.   Von dem geflüchteten Insassen der JVA Werl fehlt weiter jede Spur. Aus Sorge vor Nachahmern wird jetzt über elektronische Fußfesseln diskutiert.

Es ist ein Warten, das an den Nerven zehrt. „Den einen Anruf hat es nach wie vor nicht gegeben“, sagt Jörg-Uwe Schäfer, stellvertretender Leiter der Justizvollzugsanstalt (JVA) Werl. Am Mittwoch vergangener Woche ist der Sicherungsverwahrte Daniel Vojnovic bei einer Ausführung (begleiteter Ausgang) geflüchtet. Der 31-Jährige, der seit der Verbüßung seiner Haftstrafe in Sicherungsverwahrung sitzt, wird europaweit gesucht. Der eine Anruf – das wäre die Information, dass der als gefährlich eingestufte Straftäter gefasst wurde bzw. er sich gestellt hat.

Schäfer spricht von einer „unruhigen Phase“ in der JVA. 400 Ausführungen von Sicherungsverwahrten habe es in den vergangenen zwei Jahren gegeben. „Tagesgeschäft“, wie der JVA-Vize sagt. Keine Zwischenfälle. „Die Flucht kam für uns wie aus heiterem Himmel.“

Drei Mal keine Beanstandungen

Drei Mal war der Deutsch-Serbe von „Ausführungen zur Erhaltung der Lebenstüchtigkeit“ in Begleitung zweier Beamter ohne Beanstandungen zurückgekehrt. Am 20. März war er erstmals ohne Hand- und Fußfesseln unterwegs. Als sich der 31-Jährige beim Besuch seiner Eltern in Bad Salzuflen auf die Toilette verabschiedete, dachten sich die Beamten nichts. Vojnovic schloss sich im Badezimmer ein, öffnete das Fenster, sprang ins Freie und brauste mutmaßlich mit dem Auto der Eltern davon.

Schäfer zufolge gab es keine Anzeichen für eine Flucht: „Sein Verhalten war tadellos“, sagt er und beschreibt Vojnovic als freundlich und zuvorkommend. Ein Insasse, der regelmäßig Besuch von seinen Eltern bekam, nur wenige Kontakte in der JVA pflegte und nie mit Drogen aufgefallen sei.

Auf der anderen Seite skizziert Schäfer einen Mann mit einem archaischen Weltbild. „Er legt viel Wert auf Respekt und Augenhöhe und hat eine konservative Einstellung zu Frauen.“ Vojnovic habe Straftaten aus Gründen begangen, die Außenstehende womöglich als „nichtig“ einstuften. Er habe sich „offenbar in seiner Ehre gekränkt gefühlt“, bevor er 2014 einen Türsteher ins Bein schoss. Er wurde wegen gefährlicher Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und acht Monaten verurteilt. Seit dem 20. März 2018, auf den Tag genau ein Jahr vor seiner Flucht, saß Vojnovic in der Sicherungsverwahrung.

Bäcker-Lehre abgebrochen

Eine solche Unterbringung ist grundsätzlich unbefristet. Bei Vojnovic sei die Prognose gut gewesen, dass er in absehbarer Zeit ein „normales bürgerliches Leben“ führen könne, so Schäfer: „Hätte er sich auf eine Ausbildung eingelassen und sich danach in einen Betrieb integrieren können, hätte er in drei bis fünf Jahren raus sein können.“ Vojnovic habe zwar eine Bäcker-Lehre abgebrochen, wollte aber eine Ausbildung in einem anderen Bereich nachholen.

In der JVA Werl befinden sich alle Sicherungsverwahrte in NRW – derzeit 135. Nach Vojnovic’ Flucht seien viele in heller Aufregung, sagt Schäfer, befürchteten, dass ihnen Lockerungen versagt würden. Als Konsequenz aus dem Vorfall habe man bereits in einigen wenigen Fällen Ausführungen gestoppt. „Es ist ein Nachahmer-Effekt möglich“, sagt Schäfer, „motiviert durch den vermeintlichen Erfolg könnte der eine oder andere auf dumme Gedanken kommen.“

Disziplinarverfahren eingeleitet

In heller Aufregung ist auch die Belegschaft der JVA Werl. Gegen die beiden Bediensteten, die Vojnovic begleitet hatten, sind Disziplinarverfahren eingeleitet worden.

Peter Brock, Landesvorsitzender im Bund der Strafvollzugsbediensteten, will das Verfahren nicht grundsätzlich auf den Prüfstand stellen. Es gebe nun mal die gesetzliche Vorgabe, dass Sicherungsverwahrte in NRW einen Anspruch auf vier Ausführungen pro Jahr haben. „Das Wesen der Sicherungsverwahrung ist es, die Bevölkerung zu schützen, gleichzeitig aber Untergebrachte auf ein straffreies Leben außerhalb der JVA vorzubereiten“, so Brock. „Das bedeutet: Die Gesellschaft muss mit dem Risiko leben, dass leider Vorfälle wie eine Flucht passieren können.“

Brock fordert die elektronische Fußfessel. „Sie ortet einen Flüchtigen und ermöglicht so einen Zugriff.“ Systeme seien auf dem Markt. „Problem: Die Fußfessel ist in der Politik eine Glaubensfrage.“

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben