Tierschutz

Warum Naturschützer streunenden Katzen den Krieg erklären

Streunende Katzen töten jährlich Millionen Vögel. Bei den Lösungsvorschlägen gibt es keine Einigkeit.

Streunende Katzen töten jährlich Millionen Vögel. Bei den Lösungsvorschlägen gibt es keine Einigkeit.

Foto: Getty

Hagen.   Die Hauskatze mit Freigang sei das effizienteste Raubtier der Erde und tötet Millionen Vögel pro Jahr. Das könnten Lösungen für das Problem sein.

Die Bilder, die Timothy Drane als Kind im Garten seiner Nachbarn im mittelenglischen Ort Kingswinford sah, hat der 70-Jährige nie vergessen: Die Hauskatze mit Freigang spielte mit einem halb toten Jungspatzen. „Mehrere Kadaver lagen bereits im Gras“, erinnert sich der gebürtige Brite, der seit seinem 27. Lebensjahr in Hagen lebt. Der Ingenieur und Ornithologe unterstützt die Forderung von Biologen und Naturschützern, streunenden Katzen in der Brutzeit den Krieg zu erklären.

Auch in Hagen kann und will er sich an solch immer wiederkehrende Jagd- und grausame Spielszenen nicht gewöhnen: „Die Katzen sitzen oft auf den Nistkästen und versuchen, die Jungvögel herauszuziehen.“ Die Besitzer der vermeintlichen Schmusetiger wollten oft davon nichts wissen. Er fordert, die Tiere nicht mehr frei herumlaufen zu lassen: „Es sollte ein entsprechendes Gesetz erlassen werden, wie bei Hunden auch.“ Herrenlose Streuner sollten eingeschläfert werden.

In Deutschland gibt es nach Schätzungen von Tierschützern zwei Millionen sogenannter Straßenkatzen, hinzu kommen 13 Millionen Hauskatzen, von denen einige ab und zu in den Garten dürfen. Eine Metastudie aus den USA schlug bereits 2013 alarmierende Wellen. Nun ist sie in Deutschland angekommen. Wissenschaftler gehen, umgerechnet auf die Zahlen aus den USA davon aus, dass 200 Millionen tote Vögel hierzulande auf das Konto von Katzen gehen. Verwilderte fressen demnach bis zu 365 Vögel pro Jahr.

Das Buch „Die Katzenkriege“

Naturschützer beziehen sich immer öfter auf das 2017 veröffentlichte Buch „Cat Wars“ (Katzenkriege) von Peter Marra. Der US-Biologe vom Zentrum für Zugvögel am Smithsonian-Institut für Artenschutz in Washington beschreibt darin gemeinsam mit Co-Autorin Chris Santella die Plage der Katzen. Aus der Perspektive des Artenschutzes sei es an der Zeit zurückzuschlagen. Sie fordern ein Bündel von Maßnahmen, um Singvögel vor allem in der Brutzeit zu schützen. Die reichen vom Hausarrest über eine Pflicht zur Kastration bis zum Töten der Tiere. Seit der Veröffentlichung wird der Autor mit Hassmails bombardiert und als Katzenkiller diffamiert. Nicht wenige Wissenschaftler in Deutschland teilen aber seine Meinung.

„Gerade jetzt beginnen die Wochen, die für den jährlichen Vogelnachwuchs entscheidend sind“, berichtet der Hagener Stephan Sallermann vom Naturschutzbund Deutschland (Nabu). Auch er plädiert, härter gegen streunende Katzen vorzugehen. „Wenn es nicht anders geht, dann müssen sie eben eingeschläfert werden“, so der 60-Jährige. Die Hauskatze mit Freigang sei das effizienteste Raubtier der Erde. Das wisse auch jeder Katzenbesitzer. „Sie blenden es aber einfach aus, weil sie es nicht vor Augen haben.“

Katzen seien meistens Nachts aktiv. „Dann schleichen sie sich still und leise bis in die Nester und schlagen ihre Krallen in schlafende Vögel.“ Lokal könne das durchaus zu einem Problem für die Artenvielfalt werden: „Wo es zu viele Straßenkatzen gibt, da umgibt Stille die Gärten.“ Die Katzenbesitzer sollten den Unterschied zwischen Natur- und Tierliebe kennen: Elstern und Krähen gehören zur Natur, die Hauskatze nicht.“

Katzen sind nicht der große Feind der Vögel

Für Werner Schubert, Leiter der Biologischen Station Hochsauerlandkreis, ist die „Entnahme streunender Katzen aus dieser Welt“ keine Lösung: „Katzen sind im Hochsauerlandkreis für die 120 dort ansässigen Vogelarten keine Gefahr.“ Die intensive Landwirtschaft mit ihrem übermäßigen Einsatz von Dünger und Pestiziden dezimiere die Vögelpopulationen.

Landwirte, die ihre Felder bereits am 10. Mai mähten, ließen Wiesenpieper und Braunkelchen keine Chance. „Die Vielfalt von Vogelarten wie Blaumeisen oder Buchfinken, die in Siedlungen leben, eben dort, wo es die meisten Katzen gibt, sind nicht gefährdet.“ Die Zahl durch von verwilderten Katzen getöteten Vögel von 365 hält der Biologe für zu hoch gegriffen.

Keine radikalen Lösungen, sondern im Haus lassen

Von einem natürlichen Gleichgewicht zwischen Vögeln und Katzen kann nach Ansicht von Lena Mairing (29) vom Tierschutzverein Lippstädter Pfotenhilfe keine Rede sein. „Es gibt in vielen Gegenden einfach zu viele Katzen“, so die 29-Jährige. Radikale Lösungen lehnt sie aber ab. „Es ist einfach, den Katzen die Schuld für das Vogelsterben zu geben.“ Wo es geht, sollten streunende Tiere eingefangen und kastriert werden. Sie hofft auf Einsicht bei den Katzenbesitzern. Zur Brutzeit, also von März bis Mitte Juli, gehörten die „Samtpfoten“ ins Haus.

Es gibt viele Tipps von Naturschützern, wie Gartenbesitzer Vögel zur Brutzeit schützen können. Nistplätze sollten mindestens zwei Meter über dem Boden hängen, am besten auf großen Seitenästen. Bäume, in denen Vögel nisten, lassen sich durch Manschetten aus Blech oder Kunststoff schützen. Über ein Halsband mit Glöckchen gehen die Meinungen auseinander: Der Tierschutzbund warnt davor, dass die Halsbänder sich verfangen und zur tödlichen Schlinge werden können. Außerdem bewiesen Hauskatzen oft, dass sie schnell lernen, sich auch mit Glocke lautlos zu bewegen.

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