Heimat-Serie: Heimatlos

Warum Heimatlosigkeit manchmal ein Vorteil sein kann

Auch Produkte können Heimatgefühle vermitteln, wenn sie einen in die Kindheit zurückversetzen. Damals war die Welt noch in Ordnung? So funktioniert Nostalgie. Foto:TV-Yesterday/INTERFOTO

Auch Produkte können Heimatgefühle vermitteln, wenn sie einen in die Kindheit zurückversetzen. Damals war die Welt noch in Ordnung? So funktioniert Nostalgie. Foto:TV-Yesterday/INTERFOTO

Hagen.   Wenn Heimat ein Fremdwort ist. Man kommt auch ohne geografische Basis durchs Leben. Das könnte die Zukunft in einer veränderlichen Welt sein.

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Das war von Anfang an keine gute Beziehungskiste zwischen mir und der Heimat: Zur Zeit meiner Geburt lebten Mutter (aus Essen) und Vater (in Mannheim aufgewachsener Heidelberger mit fränkisch-schwäbischen Vorfahren) in Düsseldorf. Ich aber kam in einem Krankenhaus in Hilden zur Welt. Später wurde sogar ein noch kläglicherer Kreis Mettmann erwähnt. Immerhin stoße ich so in Köln auf weniger Feindschaft. Doch ich greife voraus.

Von Düsseldorf zogen wir nach Kaiserslautern, wo meine Schwester zu Welt kam. Zu viert ging es nach London, wo ich eingeschult wurde, dann in ein Dorf bei Karlsruhe, wo ich erneut eingeschult wurde. Nächste Station war Tokio. Es folgte erneut Kaiserslautern, wo ich das Abitur ablegte, Fan eines gerade nicht so erfolgreichen Fußballvereins wurde und von wo aus ich schnell das Weite suchte: Studium in München.

Mit Schimmi nach Duisburg

Aus der sauberen bayerischen Landeshauptstadt zog es mich ins dreckige, dank Schimanski irgendwie coole Duisburg. Ich arbeitete in verschiedenen Ruhrgebietsstädten, zog an den Niederrhein, nach Dortmund und ins Bergische. Inzwischen arbeite ich schon sehr lange in Hagen und wohne in Köln. Den Dialekt spreche ich nicht, auch entwickele ich keine sentimentalen Gefühle, wenn ich den Dom sehe. Ich fühle mich wohl, hätte aber keine Probleme, nächsten Monat nach Berlin oder New York oder Singapur zu ziehen.

Probleme gibt es nur, wenn mich jemand fragt, wo ich herkomme. Die deutsche Sprache könnte ich als Heimat nennen. Aber eine Stadt, eine Straße, ein Haus?

„Kein Ort. Nirgends“ hat Christa Wolf einen Roman über die fiktive Begegnung von Kleist und der Günderrode genannt. Anders als die beiden will ich mich nicht aus dieser Welt entfernen. Ich habe nicht das Gefühl, dass mir etwas fehlt. Ich kenne es nicht anders. Aber um herauszubekommen, über was andere meinen, wenn sie Heimat sagen, lese ich darüber.

Heimat als Utopie

Der Philosoph Ernst Bloch sah Heimat nicht als rückwärtsgewandt, sondern als Utopie, als „etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war“. Gut, der Mann kam aus Ludwigshafen. Nichts, wonach man sich zurücksehnt.

Kürzlich las ich ein Buch, in dem der Autor von seiner neuen Heimat Berlin in die alte Heimat Hohenlimburg wanderte und unterwegs die Menschen nach Heimat befragte. Einer meinte, er fühle sich auch nach 60 Jahren noch fremd im Sauerland. Ein anderer behauptete, es brauche Mut und Stärke, um zu Hause zu bleiben. Der Autor selbst kam zum Schluss, es sei wohl wichtig, sich dort für die Gemeinschaft einzubringen, wo man sei. Ich fand das überzeugend. Aber ich habe wenig Zeit. Und wahrscheinlich bin ich sowieso bald wieder weg. Das ist mein Heimatgefühl.

Zuhause und Freunde sind wichtig

Ich komme gerne nach Hause. In die gewohnte Umgebung der eigenen Wohnung. Vor allem, wenn ich länger weg war. Und ich möchte nicht allein unter Fremden sein. Ich habe gern vertraute Menschen um mich. Aber einige gute Freunde leben weit weg. Ob „zu Hause“ das gleiche ist wie „Heimat“? In anderen Sprachen gibt es diesen Unterschied nicht. In Randy Newmans Musical „Faust“ singt Bonnie Raitt eines der schönsten Liebeslieder der Pop-Geschichte. „Feels Like Home“ heißt es. Fühlt sich an wie zu Hause. Oder wie Heimat. Sie hat einen Mann kennengelernt, den sie mehr liebt, als sie sich je hätte vorstellen können und nun fühlt sie sich endlich dort angekommen, wo sie hingehört. Das aber ist eine vorübergehende Hoffnung.

Heimat ist die Sehnsucht nach der Geborgenheit der Kindheit? Das mag ein Grund dafür sein, warum sich Menschen 10, 20 oder gar 40 Jahre später begeistert austauschen können über die Schokoriegel, Eissorten oder Erfrischungsgetränke ihrer frühen Jugend. Dann stehen Capri-Sonne und Tri Top, Raider (vor Twix) und Dr.-Oetker-Pudding für heile Welt. Pure Nostalgie. Ähnlich ist das Verlangen, mal wieder dort Urlaub zu machen, wo man einst mit den Eltern war. Aber die Orte gibt es nicht mehr. Der heutige Blick ist ein anderer. Und die objektive Wirklichkeit hat sich meist auch stark verändert.

Als Heimatloser im Vorteil

So geht das überall, der Wandel beschleunigt sich. Vielleicht bin ich als Heimatloser deshalb sogar im Vorteil, weil besser angepasst an die moderne Welt.

Ich erinnere mich an die Küche meiner Großeltern mit dem Herd, aus dem Flammen schlugen, wenn man eine Kochplatte anhob, an meine Großmutter, die dort hantierte, und meinen Großvater, der daneben mit aus Bierdeckeln gefertigten kleinen Zahlenkarten sorgfältig die kommenden Lottozahlen ermittelte. Gewonnen haben sie nie. Wahrscheinlich fühle ich mich deshalb in unserer erfolglosen ­Büro-Lotto-Tipprunde so zu ­Hause.

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