Coronavirus

Corona: Klassische Musik und Oper in digitalen Konzerthallen

Aus Fenstern und von Balkonen trotzen die Italiener Corona mit Musik. In Deutschland wserden solche Projekte jetzt auch initiiert.

Aus Fenstern und von Balkonen trotzen die Italiener Corona mit Musik. In Deutschland wserden solche Projekte jetzt auch initiiert.

Foto: Cecilia Fabiano / Dpa

Essen/Hagen  Musiker und Sänger kommen jetzt zum Publikum aufs Sofa. Wir haben kostenlose Angebote von der Met bis Essen und Hagen für Sie gesammelt.

Abends zwischen sieben und acht tritt der italienische Tenor Maurizio Marchini auf den Balkon seiner Wohnung in Florenz und singt. Singt in die leeren Straßen und über die Dächer, wo nur noch die Tauben fliegen, aber keine Flugzeuge mehr. Singt „Nessun dorma“ von Puccini und „Caruso“ von Lucio Dalla, um die verstörten, erkrankten und trauernden Nachbarn zu trösten (@mauriziomarchinitenore). Die Welt hört ihm zu. Über Facebook und Twitter.

Musik verleiht Flügel, gerade in schlechten Zeiten. Musiker und Musikfreunde wissen das. Musik heilt, lindert Einsamkeit und lenkt den Blick auf die großen Menschheitsthemen jenseits der Alltagssorgen. Doch die Opernhäuser und Philharmonien sind geschlossen. Und das Publikum trainiert Zuhause, wie soziale Distanzierung geht. Also rettet sich die Klassik-Szene kurzerhand ins Internet.

Über Nacht entstehen digitale Konzerthallen

Es ist schon ein kleines Wunder, wie gleichsam über Nacht allenthalben digitale Konzerthallen entstehen. Das ist die positive Nachricht. Die Kehrseite der Medaille: Wer die Digitalisierung verschlafen hat oder sich bisher nicht leisten konnte, der wird vermutlich zu den Corona-Verlierern gehören. Denn das Publikum, das sich jetzt mit internationalen kostenfreien Livestreams und Video-on-Demand- Angeboten über die „Stay Home“-Tage bringt, kann sich möglicherweise nach der Krise nicht mehr an einen handgestrickt-analogen Kulturbetrieb gewöhnen.

Der Musikfreund staunt angesichts der Kreativität und Geschwindigkeit, mit der etwa die Berliner Staatsoper, die Bayerische Staatsoper oder die Met (metopera.org) in New York dem Publikum ihre Online-Spielpläne präsentieren. Die Bayerische Staatsoper (www.staatsoper.de) in München bietet beispielsweise nicht nur Videos an, sondern streamt ab dem 23. März auch Montagskonzerte. Der Carmen-Livestream der Berliner Staatsoper (staatsoper-berlin.de) erreichte online über 160.000 Besucher auf der ganzen Welt.

Die Musiker kommen zum Publikum ins Wohnzimmer

Da die Philharmonie dicht ist, kommen die Berliner Philharmoniker (digitalconcerthall.com) jetzt zu ihren Hörern zwischen Hamminkeln und Winterberg in die Küche oder ins Wohnzimmer, indem sie ihre digitale Konzerthalle kostenfrei zugänglich machen.

Das Eu-finanzierte Theater-Gemeinschaftsprojekt OperaVision (operavision.eu) stockt sein kostenfreies Angebot auf, so kann man Europas Musiktheater vom Sofa aus kennenlernen, etwa am 24. März Mozarts „Lucio Silla“ im Brüsseler La Monnaie/Le Munt.

Die Bühnen der Region arbeiten mit Hochdruck an digitalen Lösungen. Das Theater Krefeld-Mönchengladbach (theater-kr-mg.de) hat seine publikumslose Rusalka-Premiere im Stream. Das Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen bespielt jeden Freitag um 18 Uhr sein Publikum auf den Social Media-Kanälen. Unter http://mir.dance und musiktheater-im-revier.de gibt es zudem fortlaufend aktuelle Videoangebote.

Hauskonzerte, Einblicke hinter die Kulissen und Tutorials

Die Essener Aalto-Oper spielt ab dem 23. März spartenübergreifend im Netz weiter (theater-essen.de/meldungen/tup-trotzt-corona/). Die Duisburger Philharmoniker stellen künftig musikalische Einsendungen der Musiker auf die Webseite und die Kanäle der sozialen Medien (duisburger-philharmoniker.de). Das Theater Hagen startet seinen Online Spielplan am 23. März mit einem Podcast; es folgen jeden Samstag um 19.30 Uhr Videostreams dazu wöchentlich Hauskonzerte und Tutorials für Kinder. Auch das Mitsing-Projekt Scratch soll ins Netz verlegt werden (www.theaterhagen.de). Das Theater Dortmund wird spartenübergreifend Videos und Tutorials seiner Künstler online präsentieren (www.theaterdo.de).

Götterfunken am Fenster

Jeden Abend um 19 Uhr öffnet der Pianist Igor Levitt (@igorpianist) sein Wohnzimmer und streamt Hauskonzerte bei Twitter. Normalerweise spielt der 33-Jährige in den Konzertsälen der Welt, jetzt spielt er auf den Smartphones der Welt. Corona zwingt die Musikbranche, neue Wege zu gehen.

Mit der Familie singen

Das Liederprojekt bietet eine Chance für Familien mit Kindern, dem Lagerkoller durch gemeinsames Singen zu entfliehen. Unter www.liederprojekt.org stehen Kinderlieder und Volkslieder kostenfrei in großer Zahl bereit. Man kann das Notenblatt herunterladen oder ausdrucken, und wer nicht so fit im Singen ist, kann sich durch Audiodateien wie beim Karaoke unterstützen lassen.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben