Helden des Jahres

Abdulmanaf Mohamad rettete Kleinkind aus der eiskalten Henne

Abdulmanaf Mohamad hat im Sommer einen dreijährigen Jungen aus der Henne gerettet, die direkt hinter seinem Haus verläuft. Seine Frau Samia Shammo ist stolz auf ihren Mann.

Abdulmanaf Mohamad hat im Sommer einen dreijährigen Jungen aus der Henne gerettet, die direkt hinter seinem Haus verläuft. Seine Frau Samia Shammo ist stolz auf ihren Mann.

Foto: MATTHIAS GRABEN

Meschede.   Abdulmanaf Mohamad hat im Sommer einen Dreijährigen aus dem eiskalten Wasser geholt. Wie es dem Lebensretter nun ein halbes Jahr später geht.

Feierabend. Abdulmanaf Mohamad sitzt auf seiner Terrasse. Er will die Sonne genießen an diesem schönen Plätzchen. Im Sommer sei dort alles voller Blumen, erzählt seine Frau Samia Shammo, als sich die beiden nun kurz vor Jahresende an den Tag im Juni erinnern. Direkt vor der Terrasse fließt die Henne vorbei.

Abdulmanaf Mohamad blickt auf das Wasser und sieht etwas herantreiben. „Ein Spielzeug“, denkt er erst – und erkennt dann, dass es ein Kind ist. Ein Junge, drei Jahre alt, wie sich später herausstellt. Er ist beim Spielen von den Eltern unbemerkt ins Wasser gefallen, so steht es später im Polizeibericht. Der Junge schreit nicht, er weint nicht, er hat nur die Augen weit aufgerissen, erzählt Samia Shammo.

Er muss den Jungen retten, das weiß Abdulmanaf Mohamad sofort. Aber hier an dieser Stelle kann er ihn nicht herausholen. Er zeigt auf die Steine voller Algen am Grund. „Das Wasser ist schnell“, sagt er in gebrochenem Deutsch. Er hätte den Jungen nicht mehr einholen können. Der Kleine treibt weiter in Richtung Ruhr.

Die Henne ist 2,50 Meter tief

Abdulmanaf Mohamad handelt. Er ruft seiner Frau zu, einen Arzt zu holen und einen Krankenwagen. Er rennt um das Haus herum, etwa 200 Meter die Gasse hinunter bis zur nächsten Brücke – und springt kurz dahinter in die Henne. Etwa 2,50 Meter tief ist das Flüsschen an dieser Stelle. Das Wasser immerhin steht zu Beginn des Sommers noch höher als heute nach Monaten der Trockenheit, erinnert sich Abdulmanaf Mohamad, etwa 80 Zentimeter seien es normalerweise fügt seine Frau Samia hinzu. „Ich hatte Angst um meinen Mann.“

Abdulmanaf kann den Kleinen ergreifen, nimmt ihn hoch. Er zittert vor Kälte – wie sein Retter auch. Denn das Wasser der Henne kommt aus den Tiefen der Talsperre und hat auch mitten im Sommer nur wenige Grad. Er habe in dem eiskalten Wasser kaum seine Beine bewegen können, erzählt der Retter. Er gelangt dennoch mit dem Jungen zum Ufer, wo ihm ein Nachbar zu Hilfe kommt, das Kind abnimmt und in eine Decke wickelt.

Nach der Rettung kommt die Kündigung

Der Junge kommt ins Krankenhaus, kann es aber am Morgen darauf wieder verlassen. Abdulmanaf Mohamad hat sich bei dem Sprung verletzt, den kleinen Zeh gebrochen. Er kommt ebenfalls in die Klinik, wird krank geschrieben – und gekündigt. Ein Retter, der seinen Job verliert, weil er sich bei einem Einsatz verletzt? Der Arbeitgeber, die Zeitarbeitsfirma Pathos, wehrt ab. Es sei zwar tatsächlich „etwa zur gleichen Zeit“ der Rettung eine Kündigung ausgesprochen worden, so Simon Dierkes von Pathos. Es habe aber keinen „kausalen Zusammenhang“ gegeben, betont er. Über die Gründe der Kündigung möchte er nichts sagen. Aber man habe sich nach dem Vorfall getroffen, geredet und entschieden, miteinander weiterzumachen, so Dierkes. Abdulmanaf Mohamad ist nach wie vor bei der Zeitarbeitsfirma beschäftigt. Man sei sehr zufrieden, versichert Simon Dierkes.

Der Vater des kleinen Jungen hat sich bei Abdulmanaf Mohamad per Handschlag bedankt. Die Nachbarn haben dem Lebensretter Blumen vorbeigebracht, erzählt Samia Shammo strahlend. Der Landrat hat in einem Brief „Anerkennung und Dank“ ausgesprochen. Der Ministerpräsident hat eine Urkunde mit einer „öffentlichen Belobigung“ ausgestellt.

Retter vermisst Anerkennung wie "Spiderman" in Frankreich

Und doch fühlt sich Abdulmanaf Mohamad nicht recht anerkannt. „In Frankreich“, sagt Samia Shammo, „ist der Spiderman eingebürgert worden“. Zur Erinnerung: Im Mai war ein Flüchtling in Paris an einer Hauswand hochgeklettert, um ein Kind von einem Balkon zu retten. Im September hat er die Staatsbürgerschaft bekommen. Präsident Macron selbst soll sich dafür eingesetzt haben.

Auch Abdulmanaf Mohamad ist geflohen. 2004 ist der Kurde aus Syrien gekommen. Zwei Kinder hat das Paar, sie sind hier geboren. Die Familie hat „subsidiären Schutz“, ist also nicht als asylberechtigt anerkannt, darf aber befristet bleiben, weil ihr Leben in Syrien bedroht wäre. „Wir wünschen uns nur gute Papiere“, sagt Samia Shammo.

Kein schneller Lohn

Doch Deutschland ist nicht Frankreich. Hier könne der Bundespräsident nicht über die Staatsbürgerschaft entscheiden, so ein Sprecher des Hochsauerlandkreises. Es gebe klare Voraussetzungen für eine Einbürgerung: acht Jahre Aufenthaltserlaubnis, gute Deutschkenntnisse, eine eigenständige Sicherung des Lebensunterhalts und eine klare Identität.

Einen schnellen Lohn, wie ihn der Spiderman von Paris erhalten hat, kann die Ausländerbehörde also nicht verschenken. Einen anderen aber kann Abdulmanaf Mohamad niemand nehmen: „Ich bin glücklich, dass ich das getan habe.“

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